Die strategische Entscheidung der Bundesregierung für offene IT-Systeme ebnet den Weg zu einer unabhängigen und flexiblen digitalen Verwaltung. Der Open-Source-Gedanke findet in Deutschlands Ämtern und Behörden dabei immer mehr Anklang.
An einigen Stellen ist es zwar schlicht unmöglich, die bestehende IT-Infrastruktur zu modernisieren, dennoch wird nach und nach auf allen Ebenen die Notwendigkeit hierfür erkannt. Die Herausforderung: Die derzeit eingesetzten Plattformen basieren auf geschlossenen Architekturen, proprietären Software-Elementen und spezifischen Programmiersprachen.
Neues Mindset nötig
Eine Umstellung ist technisch machbar, aber sie ist anspruchsvoll und nicht kurzfristig realisierbar. Für eine erfolgreiche Umsetzung brauchen wir ein ganz neues Mindset in der Öffentlichen Verwaltung – und das obwohl für viele Verwaltungsleiter Open-Source-Software (OSS) ein unbekanntes Terrain ist.
Damit alternative Software-Lösungen unter diesen Voraussetzungen eine realistische Chance bekommen, sieht die Open-Source-Strategie der Bundesregierung einen hybriden Ansatz vor: Behörden führen bestehende Verträge weiter und entwickeln parallel alternative IT-Lösungen auf Basis von OSS. Der Weg zu einer unabhängigen IT-Infrastruktur führt über eine Software-Gestaltung, die auf den fünf Prinzipien für digitale Souveränität basiert: Open Source, Open API, Open Standards, Open Data, Open Documentation.
„Public Money, Public Code“ spart Steuergeld
Open-Source ist ein Geben und Nehmen: Der Quelltext ist öffentlich, Dritte können ihn einsehen, ändern und nutzen. Die Anzahl der Nutzer und Installationen ist nicht beschränkt. Wer OSS vervielfältigt oder verbreitet, geht keine Zahlungsverpflichtungen gegenüber einem Lizenzgeber ein. Typischerweise wird nur die Weitergabe des Quelltextes gefordert.
Vom Einsatz profitiert die gesamte Öffentliche Hand, denn offene Systeme garantieren die Nachnutzung im Sinne des Credos „Public Money, Public Code“. Das heißt, andere Bundesländer können einmal entwickelte Lösungen adaptieren und weiterentwickeln. Diese Nachnutzung spart Zeit und Steuergeld bei der Umsetzung neuer Vorhaben. Und OSS ist so sicher wie proprietäre Lösungen: Die Quellcodes sind für jeden einsehbar. Dank dieser Transparenz erkennt die aktiven Entwickler-Community Sicherheitsrisiken schnell.
Tipps für die Umsetzung
Open-Source sollte immer dann den Vortritt bekommen, wenn es einer proprietären Lösung gleichwertig ist. Falls ein Anbieter nicht auf Open-Source setzt, sind zumindest offene Schnittstellen Pflicht. So bestehen trotz geschlossenem Quellcode noch Wechselchancen.
Auftraggeber sollten Dokumentationen verlangen, die sie weitergeben und für Nutzer und Entwickler öffnen dürfen. Offene Standards sollten proprietären „Standards“ vorgezogen werden, um die Interoperabilität und Kompatibilität zu erhöhen. Auch wenn die neue Lösung durch einen Dienstleister aufgebaut werden muss, sollten Behörden unbedingt eigene Kompetenzen aufbauen.
So wird eine Integration in bestehende Dienste gewährleistet und die OSS kann selbst gemanagt werden. Konkrete Hilfestellung für die öffentliche Verwaltung bietet zukünftig die übergreifende Plattform „Open Source Code Repository“. Die Plattform ist eine vertrauenswürdige Quelle mit einer sicheren Infrastruktur für einen geordneten Austausch von Freier Software und Quellcodes.
Beispiele für Open-Source in der Verwaltung
- Die Bundesländer Schleswig-Holstein und Bremen haben einen Open-Source-IT-Arbeitsplatz entwickelt.
- NRW nutzt für sein Landesportal die Lösung deGov.
- Auf dem „Wirtschafts-Service-Portal-NRW“ lassen sich Gewerbeanzeigen online übermitteln.
- Der Code der Corona-Warn-App wurde als Antwort auf Datenschutzbedenken veröffentlicht.
- Um kurzfristig im Homeoffice arbeitsfähig zu werden, setzten viele Behörden auf die verschlüsselte Videokonferenzlösung Jitsi.
Der Autor
Christian Knebel ist Geschäftsführer der Publicplan GmbH mit Sitz in Düsseldorf/Berlin sowie Vorsitzender des Aufsichtsrats der Reflact AG. Publicplan realisiert seit 2010 smarte Open-Source Software-Lösungen für die öffentliche Verwaltung. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war seit 2003 Prokurist und Mitglied des Beirats der Cosinex GmbH sowie Lehrbeauftragter für IT-Consulting im Studiengang „E-Government" an der Hochschule Rhein-Waal. Knebel lebt den Open-Source Gedanken und fördert die Haltung Public Money, Public Code.



