Von: Frederike Jäger, Tech-Lead bei Octopus Energy Germany
Der Energiesektor befindet sich in Deutschland in einem beispiellosen Transformationsprozess. Der Übergang von der zentralisierten, traditionellen Energiewirtschaft mit hohen CO2-Emmissionen hin zum dezentralen und klimaneutralen Energiesystem der Zukunft ist im vollen Gange. Wichtige Entscheidungen wie der Atom- und Kohleausstieg wurden von der Politik vollzogen und die Integration von Windkraft und Solarenergie beschleunigt.
Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat nun auch die problematische Abhängigkeit unseres Landes vom Energieträger Erdgas deutlich gemacht und gezeigt, dass die Dekarbonisierung des Energiesektors wesentlich schneller von statten gehen muss als bisher geplant.
Wie alle Sektoren sieht sich auch die Energiewirtschaft starkem Digitalisierungsdruck ausgesetzt und auch hier hat die Corona-Pandemie einerseits die Transformation beschleunigt aber auch Defizite aufgezeigt. War bzw. ist das Energiesystem auf der Erzeuger- und Übertragungsseite bisher stark von wenigen großen Playern dominiert, so ist die Endkundenseite hierzulande stark durch kleinere, lokale Player wie die Stadtwerke geprägt.
Hinsichtlich des Digitalisierungsdrucks stellt diese Fragmentierung jedoch eine Herausforderung dar. Je kleiner ein Akteur ist, desto schwieriger wird die Digitalisierung des Geschäfts. Bei Unternehmen in kommunaler Hand stellt sich in Zeiten leerer Kassen zudem die Frage, wie die Mammutaufgabe finanziert und die Umsetzung kontrolliert werden soll.
Digitale Plattformen der Stadtwerke: Insellösungen vermeiden
Am Ende des Tages muss eine leistungsfähige Plattform entwickelt werden und es stellt sich schnell die Frage, ob diese Inhouse entwickelt oder von außen zugekauft werden soll. Allerdings haben andere Felder der Digitalisierung bereits gezeigt, dass es entscheidend auf Skaleneffekte ankommt. Bei kleineren Akteuren sind diese bei inhouse-Lösungen nicht mehr gegeben und es droht zusätzlich die Gefahr, dass Insellösungen entstehen, wie zum Beispiel im Bereich der öffentlichen Verwaltung, die sehr aufwändig zu pflegen sind und zu einem späteren Zeitpunkt nur sehr schwer umzustellen oder zu migrieren sind.
Es ist für den Erfolg der Energiewende entscheidend, dass dieser Fehler im Bereich der Stadtwerke nicht noch einmal gemacht wird. Die Stadtwerke sind nah an den Kunden ihrer Region und haben durch die und Eigentümerstruktur daher auch eine gesellschaftliche Verpflichtung Vorreiter zu sein. Vor den Hintergrund dieser kommunalen Verankerung benötigen gerade die Stadtwerke robuste Lösungen, die den Kunden im Blick behalten.
Effizienzgewinn und Erweiterungsfähigkeit nur auf einer, alles vereinenden Plattform
Die Energiewirtschaft befindet sich in einer Umbruchphase. Der Markt ist volatil, entwickelt sich rasant und externe Ereignisse, wie der Krieg in der Ukraine haben enorme Auswirkungen. Neue Geschäftsmodelle entstehen und Kunden verlangen nach mehr Transparenz über ihren Stromverbrauch. In diesem Zusammenhang hat sich gezeigt, dass es sehr schwierig ist, mit Legacy System auf die Transformation reagieren zu können. Octopus Energy sich daher vor dem Markteintritt mit „Kraken“ für die Entwicklung einer komplett neuen Plattform entschieden, um den entscheidenden Herausforderungen der Digitalisierung des Energiegeschäfts begegnen zu können:
- Das Endkunden- und Lieferantenmanagement erfordert eine Vielzahl an Aufgaben, Prozessen und Einzelschritten sowie Schnittstellen zu externen Plattformen und Datenquellen. Der Einsatz einer einzigen Plattform erzeugt einen enormen Effizienzgewinn und reduziert die Fehlerquellen. Eine Plattform ermöglicht zudem den Einsatz kleiner Teams, die den vollen Überblick über die einzelnen Kundenprofile haben. Die Kundenerfahrung wird dadurch besser und Wartezeiten werden reduziert, da kein Plattform- oder Abteilungswechsel mehr nötig ist.
- In den drei Schlüsselbereichen, Messen/Steuern/Regeln, Verbrauch und Erzeugung kommen laufend technische Entwicklungen auf den Markt, die in das Gesamtsystem integriert werden müssen. Innovative Produkte lassen sich mit Standardplattformen, die oft nicht für den Energiebereich entwickelt wurden, nur schwer umsetzen. Echtzeittarife auf Basis von Smart Metern, der Einsatz von Lastverschiebungen in Privathaushalten oder Kleingewerbe und die effiziente Einbindung von Renewables und Batterien erfordern im Backend ein komplexes Framework um im Frontend für die Kunden möglichst leicht bedienbar zu sein und ein ansprechendes Nutzenerlebnis zu bieten, dies zeigt unsere Erfahrung in anderen europäischen Märkten, wo wir diese Produkte teilweise bereits anbieten.
Kooperation und Lizenzierung eigener Lösungen sind notwendig
Unter dem Strich bedeutet dies, dass Plattformen von Beginn an schnell, dynamisch und erweiterbar gedacht werden müssen. Gerade für den Bereich der Stadtwerke, deren Alleinstellungsmerkmal die lokale Nähe zu den Kunden darstellt, wird dieser Anspruch essenziell werden, um softwareseitig nicht den Anschluss zu den größeren, überregionalen Anbietern zu verlieren. Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Energiebranche auch in Deutschland in einem Boot sitzt.
Dies wird deutlich, wenn man in andere Europäische Länder blickt, in denen beispielsweise der Rollout von Smart Metern wesentlich schneller gelungen ist – ich denke in diesem Zusammenhang unter anderem an unseren Heimatmarkt Großbritannien. Die Politik muss hier mehr tun und die Hürden beseitigen, die den flächendeckenden Rollout intelligenter Messsysteme in Deutschland bisher ausgebremst haben.
Allerdings hat auch die Industrieseite eine Verantwortung: es darf im Bereich Digitalisierung keine Berührungsängste geben. Stakeholder sollten auch auf Industrieseite stärker kooperieren. Octopus lizensiert aus diesem Grund beispielsweise unsere eigene Plattform auch an Mitbewerber, die aus verschiedenen Gründen keine eigene Plattform entwickeln wollen oder können. Es ist aus unserer Sicht für den Gesamtmarkt wichtiger, die Verbreitung innovativer Geschäftsmodelle und technischer Lösungen voranzutreiben – und zu diesem Ziel auch anderen Unternehmen, wie den Stadtwerken, die Möglichkeit zu geben, Zugriff auf unsere leistungsfähige Plattform zu bekommen – als sich (zeitliche begrenzt) einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.
Technologie und Innovation sollte nicht in Silos versteckt, sondern geteilt werden, um unsere Branche als Ganzes nach vorne zu bringen. (sg)


