Seit Juni 2020 gibt es die neutrale Kooperationsplattform Civitas Connect. Herr Siekhaus, wie hat sich der Verein mittlerweile entwickelt?
Karl-Heinz Siekhaus, Geschäftsführer der Stadtwerke Ahaus: Seit der Gründung vor neun Monaten ist Civitas Connect auf 34 Mitglieder gewachsen. Mit dieser Zahl sind wir schon recht zufrieden. Dennoch denken wir, weiter wachsen zu müssen, um ein breiteres Themenspektrum abzudecken und noch mehr Schubkraft in den Arbeitsgruppen zu schaffen. Daher freut es uns, dass neben Stadtwerken und Energieversorgern auch immer mehr Städte als assoziierte Mitglieder hinzukommen und damit unsere bundesweiten Wachstumspläne unterstützen.
Die Themen und Inhalte unserer Arbeit werden ja maßgeblich durch unsere Mitglieder gestaltet. In den jeweiligen Arbeitsgruppen erarbeiten dann deren Mitarbeiter praktikable Lösungen, von denen wiederum alle anderen profitieren. Kurz: Aus der Praxis für die Praxis! Die Zahlen sprechen für sich: Zurzeit sind fast 200 Mitarbeiter in unseren Arbeitsgruppen organisiert: über 35 sind in Planung, 24 arbeiten bereits produktiv.
Mittlerweile haben unterschiedliche Arbeitsgruppen ihre Arbeit aufgenommen. Können Sie deren Ausrichtung, Vorgehen und Arbeit beschreiben?
Karl-Heinz Siekhaus: Ein Großteil der Arbeitsgruppen befasst sich aktuell mit Versorger-internen Themen, wie der Entwicklung von Lösungen zur automatisierten Überwachung von Gasdruckregelanlagen und Pegelständen oder der Auslesung von Zählerständen. Andere Arbeitsgruppen arbeiten an der Umsetzung von Ideen im öffentlichen Raum, wie der automatisierten Verkehrszählung oder zeitgemäßen Steuerung der Straßenbeleuchtung. Hier sind zum Beispiel gerade städteübergreifende Hardware-Tests in Planung.
Hierauf bauen Arbeitsgruppen auf, die an eher kommunal geprägten Lösungen arbeiten, wie etwa Plattformen für die Datensouveränität. Die Spannweite ist also sehr breit, während in den Arbeitsgruppen auf einer tiefen operativen Ebene gearbeitet wird. Das ist einer der zentralen Mehrwerte unseres Vereins.
Worin sehen Sie die größten Herausforderungen im Bereich Smart City?
Kai Zwicker, Landrat Kreis Borken: Wir sehen im Rahmen der Digitalisierung der Innenstädte und Regionen große Herausforderungen aber auch Chancen, bestehende Prozesse zu optimieren sowie neue Modelle zur Mobilität, Attraktivität und Klimaschutz zu denken und umsetzbar zu machen. Um dies auf Basis moderner Informations- und Kommunikationstechnik umzusetzen und so von der Digitalisierung zu profitieren, fehlt es uns heute jedoch oft an der notwendigen Infrastruktur.
Hierzu müssen lokale und übergreifende Netzinfrastrukturen geschaffen werden, um Informationen zu sammeln, auszuwerten und nutzbar zu machen – kurz: die digitale Daseinsvorsorge. Die größte Herausforderung ist es aber, Denkhürden zu überwinden und eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie Städte und Regionen in fünf bis zehn Jahren aussehen werden und in welcher Geschwindigkeit sich ein analoger zu einem digitalen Lebensraum entwickelt. Es ist außerordentlich wichtig für die Kommunen, hier personelle Kapazitäten zu schaffen, die sich mit diesem Zukunftsthema auseinandersetzen und die Ideen auch produktiv umsetzen.
Herr Siekhaus, welche Smart-City-Themenfelder bearbeiten die Stadtwerke Ahaus und was ist das Ziel in den nächsten fünf Jahren, das Sie mit den Stadtwerken beim Thema Smart City erreichen wollen?
Karl-Heinz Siekhaus: Das Ziel ist, unsere Digitalisierungsstrategie deutlich zu beschleunigen. Gleichzeitig wollen wir neben internen prozessualen Veränderungen im Rahmen von Smart-City-Projekten auch Mehrwerte für uns selbst und Dritte generieren. Konkret werden wir zunächst die Erfassung wesentlicher Netzinformationen im Bereich der Wassernetze realisieren, die uns entweder derzeit noch nicht vorliegen oder mit einem hohen manuellen Aufwand ermittelt werden müssen.
Neben Pegelmessungen werden uns Qualitätsmessungen unserer Grundwasserleiter schneller und genauer in die Lage versetzen, gezielte Maßnahmen beim Hochwasserschutz für Innenstädte einzuleiten. Ebenso ist das Monitoring von Verkehrsflüssen zur intelligenten Parkraumbewirtschaftung ein Kernthema, dass mehreren Zielgruppen zu Gute kommt: den Besuchern der Innenstädte bei der Suche nach Parkmöglichkeiten und den Kommunen beim Schaffen neuer, bzw. beim Optimieren vorhandener Parkräume sowie der Lenkung der Verkehrsströme. Weiterhin ist die intelligente Schaltung der Straßenbeleuchtung in den In-nenstädten und in wenig frequentierten Nebenstraßen ein Thema, das auf der Agenda 2025 steht. Das hat auch direkte Relevanz zum Thema Klimaschutz- und Klimakonzept.
Was waren Ihre Beweggründe, sich der Plattform anzuschließen bzw. sie zu unterstützen?
Karl-Heinz Siekhaus: Maßgeblich war vor allem das gemeinsame Interesse an einem vergleichsweise gut umsetzbaren Thema, an dem viele unterschiedliche Interessengruppen partizipieren können. Die heterogene Zusammensetzung der Mitglieder zeigt, dass wir gemeinsam einfach mehr PS auf die Straße bekommen und der Wirkungsgrad beim Erarbeiten unterschiedlicher Themenfelder rund um Smart Cities deutlich höher ist. Hierzu ist die gemeinsame und strukturierte Vorgehensweise möglichst vieler Player erforderlich. Wir wollen uns im Netzwerk austauschen und voneinander lernen, damit wir gewissermaßen das Rad nicht zweimal erfinden.
Kai Zwicker: Die Verknüpfung gemeinsamer Interessen bietet ja über die strategischen Vorzüge hinaus vor allem konkrete Vorteile für die Mitglieder. Als Landrat des Kreises Borken sehe ich Kooperationen, wie es bei Civitas Connect der Fall ist, als ein zentrales Mittel, Smart Region und Smart City aktiv gestalten zu können. Wir haben sieben Versorger im Kreis Borken, die beispielsweise im gesamten Landkreis ein gemeinsames LoRaWan kooperativ aufbauen. Davon profitieren nicht nur die Anbieter, sondern auch unsere Bürgerinnen und Bürger. Die sichere bidirektionale Kommunikation und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist ein wichtiger Baustein für die Digitalisierung unseres Landkreises und darüber hinaus für die hier ansässigen Industrie- und Gewerbeunternehmen. Kurz: ein leistungsfähiges Netzwerk für Smart Cities, in denen zum Beispiel neuartige IoT-Anwendungen von der Anlagenüberwachung, der Parkplatzsuche bis zum digitalen Bienenstock alles denkbar ist.
Welche Erfahrungen haben Sie seit der Gründung der Plattform gemacht? Können Sie das Thema Smart City gemeinsam vorantreiben? Welche Er-gebnisse haben Sie hier schon erreicht?
Karl-Heinz Siekhaus: Wie bei fast jeder Vereinsgründung muss man sich zunächst einmal finden und die gemeinsamen Interessen in Einklang bringen. Dieser Prozess gelang durch die professionelle Begleitung der Items GmbH sehr schnell und unkompliziert. Bereits nach dem ersten Workshop war klar, dass die Bündelung der Interessen in einem Verein absolut Sinn macht. Aus der großen Zahl der beigetretenen Unternehmen heraus sind bereits zahlreiche Projektgruppen zu unterschiedlichen Themenfeldern initiiert, die konkrete Anwendungsthemen bearbeiten und zu umsetzbaren Produkten entwickeln. Gemessen an dem sehr kurzen Zeitraum seit der Gründung ist das ein beachtenswertes Ergebnis. Ohne die Strukturen des Vereins wäre das nicht umsetzbar gewesen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



