Herr Linnemann, Sie setzen sich für eine Simplifizierung des Smart-Meter-Rollouts ein. Was ist damit gemeint?
Marcel Linnemann: Um die Energiewendeziele zu erreichen, sehen wir einen dringenden Handlungsbedarf das aktuelle Messwesen im Bereich Strom deutlich zu vereinfachen und als Übergangslösung eine smarte moderne Messeinrichtung (smarte mME) zuzulassen, um innerhalb kürzester Zeit Stromkunden einen erleichterten Zugang zu smarter Messtechnik und den Vorteilen des künftigen Strommarkdesigns – auch zur Senkung der Netzentgelte – zu bieten. Die smarte moderne Messeinrichtung soll bei den Kunden übergangsweise eingesetzt werden, welche zum Start nicht die komplexe Mess- und Steuerungstechnik eines intelligenten Messsystems benötigen, wobei eine Erweiterung von einer smarten moderne Messeinrichtung auf ein intelligentes Messsystem gewährleistet sein muss.
Könnten Sie das genauer erläutern?
In Deutschland besteht ein intelligentes Messsystem aus einem Smart Meter Gateway (SMGW) und einer daran angeschlossenen modernen Messeinrichtung. Derzeit ist die moderne Messeinrichtung allerdings nicht wirklich smart, denn sie ist nur in Verbindung mit dem SMGW fernabfragbar. Dabei wäre eine smarte moderne Messeinrichtung, die auch ohne SMGW fernauslesbar ist, für viele Anwendungen bereits ausreichend – Stichwort dynamische Preissignale, welche die Grundlage des Strommarktdesigns werden sollen.
Die aktuelle Regulatorik und technischen Vorschriften rund um das Smart Metering haben im Bereich Strom eine derartige Komplexität angenommen, dass wir einen pragmatischen, technisch machbaren Ansatz benötigen, um mehr Geschwindigkeit zu erreichen. Zum Vergleich: der Rollout im Messwesen Wärme umfasst einige wenige Seiten, im Messwesen Strom über tausend.
Und mit einer smarten modernen Messeinrichtung wird alles einfacher?
Sicherlich gibt es noch viele weitere Bausteine, welche im Messwesen simplifiziert werden könnten, wir haben uns allerdings dazu entschieden uns in unserer Initiative auf den leichten Zugang smarter Messtechnik, da wo nicht sofort ein intelligentes Messsystem gebraucht wird zu konzentrieren. Wir simplifizieren die Messtechnik als Brückenlösung ohne Komforteinschränkungen für den Anwender.
Durch den prognostizierten Anstieg der Pflichteinbaufälle der nach dem Bericht des BMWK zum Stand des Messwesens nach §48MsbG deutlich über den bisherigen Prognosen lag, müssen wir die Messstellenbetreiber in die Lage versetzen deutlich schneller smarte Messtechnik auszurollen. Schon heute verfügen die meisten Versorger über eine technische Kommunikationsbasis, um eine smarte modernen Messeinrichtung auszulesen, wie es bereits in den Sparten Wasser und Wärme der Fall ist.
Die intelligenten Messsysteme sind ja wichtiger Baustein der Digitalisierung der Energiewende wegen ihren hohen Anforderungen an Datenschutz und IT-Sicherheit. Wie wird das mit „normalen“ Zählern einer smarten mME gewährleistet?
Das intelligente Messsystem wurde bewusst als sicherer Eingangskanal für die Digitalisierung des Netzes konzeptioniert und der Grundgedanke ist auch richtig. Wir sehen weiterhin den Bedarf für das intelligente Messsystem im Stromnetz, allerdings möchten wir das intelligente Messsystem dort verbauen, dort wo es benötigt wird. Dies sind meist größere Verbraucher oder Kunden in kritischen Netzbereichen, welche durch den Netzbetreiber gesteuert werden müssen. Auch das BMWK hat erkannt, dass eine Priorisierung erforderlich ist. Und wenn wir ehrlich sind, benötigt ein Kunde in einem nicht kritischen Netzbereich, welcher zum Beispiel einen dynamischen Tarif möchte, nicht zwingend in jedem Fall ein iMS. Hier könnte übergangsweise eine smarte mME zum Einsatz kommen, die später auf ein iMS nachgerüstet werden könnte.
Durch die Zulassung einer smarten modernen Messeinrichtung würden wir schneller mehr Stromkunden die Möglichkeit des Zugangs zum neuen Strommarktdesign eröffnen. Durch dynamische Netzentgelte oder Tarife könnten die Netznutzer einen Beitrag leisten das Stromnetz aktiv zu entlasten, was uns die Möglichkeit verschafft die Netzkosten zu senken. Ein wichtiger Beitrag, da die Netzentgelte immer weiter steigen.
Wer steht hinter der Initiative?
Die Initiative in Form des Impulspapiers – Simplify Smart Metering – ist als private Initiative von Andreas Fabri, Gerhard Radke, Felix Zösch und mir entstanden. Wir sehen aktuell auf der operativen Ebene dringenden Handlungsbedarf, da die Geschwindigkeit im Messwesen erhöht werden muss, um die Energiewende umzusetzen. Auch sind wir der Überzeugung, dass die Vorschläge des BMWK nicht ausreichen. Uns ist bewusst, dass das Thema Messwesen und intelligente Messsysteme immer schon ein heißes Eisen in der Branche ist, trotzdem wollten wir nicht nur kritisieren, sondern einen konstruktiven Vorschlag machen, wie das Problem zu lösen ist. Unser Impulspapier war hier ein erster Aufschlag.
Was sind die nächsten Ziele?
Aus der privaten Initiative der Beteiligten versuchen wir heraus, die Idee einer Simplifizierung des Messwesens weiter in die Branche und Politik zu tragen. Unser Aufruf bei Linkedin war hierzu der offizielle Startschuss sich beteiligen zu können. Die Resonanz war mehr als positiv. Dabei kamen Rückmeldungen nicht nur aus der Branche, sondern darüber hinaus, was zeigt, dass das Messwesen mehr ist als ein Nerdthema, sondern ein Energiewendethema ist.
Mittlerweile sind wir bereits im Austausch mit den ersten Unternehmen sich entweder namentlich an der Initiative zu beteiligen, um das Konzept weiter zu streuen und an Gewicht zu verleihen oder sich aktiv zu beteiligen an einem zweiten aufbauenden Papier für die Umsetzung zur Simplifizierung des Messwesens im Bereich Strom. Wer also Interesse hat, kann sich gerne bei einem von uns vier melden. Das zweite Papier soll ebenfalls öffentlich mit den Namen der Unterstützer kommuniziert werden. Ziel ist dann mit dem Konzept und dem Gewicht der Unterstützer auf das BMWK und die BNetzA zuzugehen und vorzuschlagen. Am liebsten wäre uns natürlich ein direkter Termin mit Herr Habeck (lacht).
Die Fragen stellte Stephanie Gust



