Mit ihrem Netzwerkmanagementsystem (NMS) will der Münchener Technologieanbieter Spine den Smart-Meter-Rollout effizienter, transparenter und stabiler machen. Die Geschäftsführer Ron Melz und Martin Stötzel erklären im Interview, warum Monitoring künftig entscheidend sein wird, wie ihr System funktioniert und weshalb sie den Messstellenbetrieb längst als Teil eines größeren digitalen Ökosystems verstehen.
Herr Melz, wo steht die Branche aktuell beim Smart-Meter-Rollout – und besonders beim Steuerungsrollout?
Ron Melz: Im europäischen Vergleich hinken wir deutlich hinterher. Länder wie Frankreich, Italien oder Großbritannien haben ihre Rollouts längst abgeschlossen. Wir liegen aktuell bei wenigen Prozent installierter intelligenter Messsysteme. Der Unterschied ist aber: Deutschland geht technisch den anspruchsvolleren Weg. Wir kombinieren Mess- und Steuerinfrastruktur und rollen beides gleichzeitig aus. Damit beantworten wir als einziges Land weltweit die Frage, wie sich Netzstabilität über eine sichere, cyberresiliente Steuerung dezentraler Verbraucher gewährleisten lässt.
Was bedeutet das für Messstellenbetreiber und Netzbetreiber in der Praxis?
Ron Melz: Der Messstellenbetrieb wandelt sich von einer einfachen Ableseaufgabe zu einem hochvernetzten IT-System. Millionen Zählpunkte werden künftig in Echtzeit Daten austauschen, messen und steuern. Der Netzanschlusspunkt wird zur Datendrehscheibe aller Mess-, Steuer- und Optimierungssignale. Damit steigt die technische Komplexität massiv. Der Gesetzgeber überträgt den Betreibern eine Schlüsselrolle für das Gelingen der Energiewende – sie müssen die sichere Funktion des Gesamtsystems gewährleisten. Das erfordert neue Qualifikationen, IT-Kompetenz und stabile Prozesse.
Welche Rolle spielt Ihr Netzwerkmanagementsystem dabei?
Ron Melz: Es schließt eine wichtige Lücke im Rollout-Prozess. Heute weiß der Monteur oft erst Tage oder Wochen später, ob das installierte Gateway funktioniert. Unser System liefert unmittelbar nach dem Einbau Rückmeldung: Kommen Daten im Backend an oder nicht? Damit lassen sich viele Zweitanfahrten vermeiden – und genau die sind der teuerste Teil jeder Installation.
Martin Stötzel: Gleichzeitig ermöglicht das System ein kontinuierliches Monitoring im Betrieb. Wir erkennen Fehlermuster, etwa schwache Mobilfunksignale oder gehäufte Ausfälle in bestimmten Regionen und können die Ursachen gezielt eingrenzen. Das spart Kosten und Zeit und sorgt für eine hohe Verfügbarkeit der Geräteflotte. Gerade bei mehreren tausend Gateways ist das unverzichtbar.
Wie funktioniert das technisch?
Martin Stötzel: Auf dem LTE-Modem im Smart-Meter-Gateway läuft ein Client, der über das Lightweight-M2M-Protokoll Kommunikationsdaten sendet – Signalstärke, Netzdaten und weitere Parameter. Diese Informationen werden auf einem Server gesammelt, ausgewertet und in einer webbasierten Oberfläche dargestellt. Der Messstellenbetreiber kann so in Echtzeit sehen, wie es um seine Gateways steht und im Störfall sofort reagieren.
Ron Melz: Wichtig ist, dass wir für diese Diagnose einen separaten Kanal nutzen, der vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik genehmigt ist. Er ist vollständig getrennt vom energiewirtschaftlich sensiblen Bereich. Die Datensicherheit bleibt gewährleistet, während die Transparenz im Feld deutlich steigt.
Ab welcher Größe lohnt sich ein solches System?
Ron Melz: Bei kleineren Flotten – sagen wir bis 200 Gateways – lässt sich vieles noch manuell überblicken. Ab etwa 500 installierten Geräten wird das schwierig. Dann braucht man ein Monitoring, um Stabilität und Effizienz zu sichern. Wer frühzeitig plant, sollte schon bei der Beschaffung neuer Gateways die NMS-Funktion mitbestellen. Das spart später Aufwand und vermeidet Nachrüstungen.
Martin Stötzel: Wir beobachten, dass viele Stadtwerke den Rollout jetzt professionalisieren und Prozesse digitalisieren. Ein Netzwerkmanagementsystem ist ein zentraler Baustein dafür – es hilft, Wachstum zu steuern, Ausfälle zu erkennen und regulatorische Anforderungen zu erfüllen.
Die Kommunikation gilt als Engpass im Rollout. Welche Erfahrungen machen Sie mit LTE, 450 MHz oder Powerline?
Martin Stötzel: LTE ist aktuell die dominierende Technologie, weil sie flächendeckend verfügbar ist. Dennoch unterscheiden sich die Qualitätswerte stark. In gut versorgten Gebieten liegt die Fehlerquote unter zehn Prozent, in ländlichen Regionen kann sie deutlich höher sein. 450 MHz ist vielversprechend, vor allem wegen der besseren Gebäudedurchdringung, befindet sich aber noch im Aufbau. Powerline kann in dicht besiedelten Gebieten eine gute Alternative sein.
Ron Melz: Wir sehen in der Praxis sehr unterschiedliche Rückmeldungen – von fast störungsfreien Netzen bis zu massiven Ausfällen. Ursachen sind häufig banale Dinge wie eine falsch montierte Antenne oder ein abgeschatteter Kellerraum. Ein Netzwerkmanagementsystem macht diese Probleme sichtbar, bevor sie zum wirtschaftlichen Risiko werden.
Neben dem Netzwerkmanagement entwickeln Sie auch eine Plattform für Energieanwendungen. Was steckt hinter diesem Konzept?
Martin Stötzel: Wir nennen sie Applikationsplattform oder App Store. Ziel ist es, auf derselben Infrastruktur, auf der heute gemessen und gesteuert wird, künftig auch Optimierungen zu ermöglichen – etwa für dynamische Tarife, Lastmanagement oder Eigenverbrauchssteuerung. Stadtwerke und Energievertriebe können dort eigene oder Partner-Anwendungen integrieren, ohne Hardware tauschen zu müssen. Das eröffnet völlig neue Geschäftsmodelle.
Ron Melz: Damit machen wir den Messstellenbetrieb zukunftsfähig. Aus der Pflicht, Mess- und Steuertechnik zu betreiben, wird ein Mehrwertdienst für Prosumer. Der gleiche Chip, der heute Daten verschlüsselt, kann morgen helfen, Energieflüsse zu optimieren. Wichtig ist, dass diese Anwendungen auf offenen Standards basieren, damit alle Marktrollen zusammenarbeiten können – Messstellenbetreiber, Netzbetreiber und Energievertriebe.
Wohin entwickelt sich der Rollout in den nächsten Jahren?
Ron Melz: Der Smart-Meter-Rollout wird sich zum Steuerungsrollout weiterentwickeln. Millionen dezentrale Erzeuger und Verbraucher müssen in Echtzeit eingebunden werden – anders lässt sich Netzstabilität in einem volatilen Energiesystem nicht halten. Dafür brauchen wir verlässliche Kommunikation, transparente Systeme und durchgängiges Monitoring.
Martin Stötzel: Parallel werden die Datenmengen rasant steigen. Echtzeit-Informationen werden zur Grundlage für Netzprognosen, Engpassmanagement und Optimierung. Der Messstellenbetrieb wird damit zu einer zentralen Informations- und Steuerungsinstanz. Wer frühzeitig digitale Werkzeuge aufbaut, schafft sich hier einen klaren Vorsprung.
Ron Melz: Am Ende geht es darum, aus Millionen einzelner Messstellen ein lernendes System zu machen. Je besser wir die Daten verstehen, desto effizienter kann das Energiesystem als Ganzes reagieren – und genau das braucht die Energiewende.
Das Interview führte Stephanie Gust



