Herr Germies, München, Hamburg und Köln sind wieder die Erstplatzierten bei der Smart-City-Studie von Haselhorst Associates. Tut sich denn überhaupt etwas bei der Digitalisierung?
Jürgen Germies, Partner bei Haselhorst Associates: Es stimmt – wie schon bei den vergangenen drei Rankings hat sich auch in diesem Jahr nicht wirklich etwas auf dem Siegertreppchen verändert. Natürlich ist München zum allerersten Mal seit Erstellung unserer Smart-City-Studie auf Platz 1; der Digitalisierungsgrad im Vergleich zu Hamburg und Köln unterscheidet sich aber nur minimal, sodass es wirklich schwierig ist, von DER einen Siegerstadt zu sprechen. Umgekehrt ist es jedoch umso erfreulicher, wie groß die Fortschritte sind, die gerade einige kleinere und größere Mittelstädte derzeit erzielen – beispielsweise allein mit Blick auf die sogenannten Emerging Cities wie etwa Sindelfingen oder Filderstadt. Diese Kommunen zeigen uns deutlich: Smart City ist erstens keine Frage der Stadtgröße und zweitens ist das Entwicklungspotenzial bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.
Konnten Sie bei der Ergebnisauswertung feststellen, ob die Corona-Krise der Digitalisierung einen besonderen Schub verliehen hat?
Jürgen Germies: Von einem Digitalisierungsschub kann nun wirklich keine Rede sein – im Gegenteil. Aus unserer Sicht hat die Krise vielmehr deutlich gezeigt, wie groß die Lücken beim digitalen Fortschritt noch immer noch sind. Sowohl in den Verwaltungen als auch insbesondere im Bildungsbereich sprechen wir hier von wirklich erheblichen Rückständen, die es in den kommenden Jahren dringend aufzuholen gilt.
Sie sprachen bereits die Emerging Cities an. Auch Bad Nauheim gilt in diesem Jahr als ein solcher Hidden Champion; die Stadt ist auf dem fünften Platz gelandet. Was macht sie so besonders? Wo konnte sie besonders punkten?
Jürgen Germies: Bad Nauheim ist eine von insgesamt vier Städten, die erstmalig den Sprung unter die Top 10 geschafft haben. Der Erfolg der Kurstadt kommt aber nicht von ungefähr, denn schon 2020 zählte Bad Nauheim zu den Kommunen, die die größten digitalen Fortschritte verzeichnet hatten. Warum das so ist? Die kleine Mittelstadt beschäftigt sich schon seit längerer Zeit intensiv mit ihrer klaren strategischen Positionierung in Richtung Smart City. Damit zahlt Bad Nauheim aus unserer Sicht exakt darauf ein, worauf es bei der intelligenten Fortentwicklung der Städte zunächst einmal ankommt: Ohne eine gut ausgearbeitete Strategie wird eine Kommune das volle Smart-City-Potenzial nicht ausschöpfen können.
Auffallend ist zudem, wie wegweisend Bad Nauheim das Thema Nachhaltigkeit mit der digitalen Fortentwicklung verknüpft und dies als Leitthema über sämtliche Projekte etwa in den Bereichen Energie & Umwelt sowie Gebäude & Quartiere stellt. Außerdem kann die Stadt mit rund 32.000 Einwohnern einen enormen Fortschritt beim Ausbau der digitalen Infrastruktur vorweisen; der Glasfaserausbau schreitet immens voran. Und: Bad Nauheim bezieht die Bürgerinnen und Bürger ausgesprochen eng in den Wandel mit ein und führt gezielte Beteiligungsaktionen durch. Damit schafft die Stadt die Grundlage dafür, dass die Transformation von einem nachhaltigen Erfolg geprägt sein wird.

Jürgen Germies, Partner bei Haselhorst Associates
Bild: © Haselhorst Associates
Seit diesem Jahr werden in ihrem Ranking auch die Bereiche „Digitaler Tourismus“ und „Digitale Wirtschaft & Handel“ einbezogen. Was wird in diesen Bereichen unter die Lupe genommen?
Jürgen Germies: Die Auswertung dieser beiden neuen Bereiche ist unserer Überzeugung geschuldet, Smart City stets als ganzheitliches Konzept zu betrachten, das alle Lebens- und Arbeitsbereiche einer Kommune miteinschließt. Vor diesem Hintergrund kommt auch dem Tourismussektor eine bedeutsame Rolle zu. Schließlich gilt es, eine Stadt nicht nur aus Sicht der eigenen Bürgerinnen und Bürger so attraktiv wie möglich zu gestalten, sondern auch für Reisende ein möglichst ansprechendes Angebot zu schaffen. Gelingt dies einer Kommune, hat der Tourismus auch einen unmittelbar positiven Einfluss auf sämtliche anderen städtischen Bereiche und kann so dazu beitragen, hier die Digitalisierung voranzutreiben. Etwa mit Blick auf den verstärkten Bedarf an intelligenten Mobilitätskonzepten, die ein erhöhtes Verkehrsaufkommen während Urlaubs- und Ferienzeiten möglichst effizient regeln.
Was die Analyse des digitalen Status quo der Wirtschaft und des Handels angeht, sehen wir darin die Chance, uns auch einen Überblick über die aktuelle wirtschaftliche Situation der Städte zu verschaffen. Denn: Eine Smart City sollte stets zum Ziel haben, auch von Unternehmen als attraktiver Wirtschaftsstandort wahrgenommen zu werden. Eine von vielen Voraussetzungen dafür ist etwa der enge Zusammenschluss zwischen den ansässigen Unternehmen einer Kommune und den lokalen Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen. Und genau zu dieser guten Vernetzung kann wiederum die Digitalisierung einen entscheidenden Beitrag leisten.
Was wäre zum Beispielin diesen beiden Bereichen wichtig für die Bewertung?
Jürgen Germies: Bei der Analyse des digitalen Fremdenverkehrs ist uns etwa positiv aufgefallen, wenn eine Stadt virtuelle Rundgänge anbietet, Informationen zu diversen Veranstaltungen auch online zur Verfügung stellt oder über eigens entwickelte Tourismus-Apps verfügt. Daneben konnten einige Kommunen im Bereich Wirtschaft & Handel damit glänzen, wie sie digitale Innovationszentren oder Digital Hubs gebildet haben. Auch die Förderung des digitalen Einzelhandels in Form von Onlinemarktplätzen ist uns mitunter positiv aufgefallen und wir haben diesem Aspekt eine entsprechende Bewertung in der Analyse zugeordnet.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
Smart-City-Studie 2021
Haselhorst Associates
München, Hamburg und Köln: Es sind weiter die Millionenstädte, die in Deutschland als besonders smart gelten. Dies zeigt die diesjährige Smart-City-Studie von Haselhorst Associates; die Unternehmensberatung listet bereits seit 2018 alljährlich die größten Städte Deutschlands ab 30.000 Einwohnern anhand ihres Digitalisierungsgrades.
In diesem Jahr setzt sich die bayrische Landeshauptstadt zwar aufgrund einiger neuer Smart-City-Initiativen mit einem Score von rund 48 Prozent (48,1) knapp vor den letztjährigen Sieger Hamburg (47,7). Der Abstand zum Drittplatzierten Köln (46 Prozent) bleibt aber nach wie vor gering und macht den sehr zähen digitalen Fortschritt ersichtlich.
Für die aktuelle Erhebung hat Haselhorst Associates erstmals zwei weitere Smart-City-Bereiche bei den insgesamt 403 untersuchten Städten ausgewertet. Damit ergänzen „Digitaler Tourismus“ und „Digitale Wirtschaft & Handel“ die acht bestehenden Kategorien (Strategie und Umsetzung, Digitale Infrastruktur, Digitale Mobilität, Digitale Energie & Umwelt, Digitale Gebäude & Quartiere, Digitale Gesundheit, Digitale Bildung und Digitale Verwaltung). Die Studie gilt laut dem Beratungsunternehmen als die umfangreichste ihrer Art in Deutschland.
Digitaler Fortschritt bleibt trotz Ausnahmen unzureichend
Zumindest mit Blick auf die übrigen Top-10-Städte ist jedoch einiges in Bewegung. So landet mit Bad Nauheim ein echter „Hidden Champion“ auf dem fünften Platz (38 Prozent). Der hessischen Kurstadt nördlich von Frankfurt am Main ist damit zum ersten Mal seit Beginn der Erhebung die Platzierung unter den „Besten Zehn“ gelungen. Knapp vor der rund 32.000-Einwohner-großen Mittelstadt rangiert Darmstadt auf dem vierten Platz – und gilt damit als die smarteste Stadt Hessens



