Ab 2025 müssen Energieversorger dynamische Tarife anbieten – eine Pflicht, die weitaus mehr Potenzial birgt als zunächst vermutet. Frederik Pfisterer, Geschäftsführer und Gründer von Solarize Energy Solutions, erläutert, wie innovative Stromtarife die Energiewende beschleunigen und Versorgern neue Geschäftsmodelle eröffnen können.
Herr Pfisterer, wie schätzen Sie das mittelfristige Marktpotenzial von dynamischen Tarifen ein? Viele Versorger sehen dies eher als regulatorische Pflicht und weniger als Chance für Innovation und Kundenbindung.
Der deutsche Markt für dynamische Stromtarife steckt noch in den Kinderschuhen, hat aber enormes Wachstumspotenzial: Beispielsweise sind dynamische Tarife in Schweden bereits weit verbreitet. Ich bin überzeugt, dass dynamische Tarife langfristig eine Schlüsselrolle bei der Energiewende spielen werden – im Zusammenspiel mit steuerbaren Verbrauchseinheiten und der zunehmenden Integration von Stromspeichern in den Energiemarkt.
Wir haben Zahlen gehört, dass EVUs von einem Potenzial von 1 bis 2 Prozent der Gesamtkunden ausgehen, für die dynamische Tarife interessant sind – das halten wir für weit gefehlt. Der größte Beschleuniger für dynamische Tarife sind derzeit die Elektroautos und Stromspeicher. Bei 16,2 Millionen Ein- und Zweifamilienhäusern in Deutschland sprechen wir von 46 Prozent aller Stromanschlüsse im B2C-Bereich, für die diese Produkte gepaart mit einem dynamischen Tarif hoch relevant sein können. Schon heute wäre jeder Dritte unter denjenigen, die noch keine dynamischen Tarife nutzen, bereit, auf einen solchen umzusteigen. Unter Hausbesitzern mit Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen oder Photovoltaikanlagen mit Heimspeichern ist die Bereitschaft zur Anpassung an neue Tarife mit mehr als 40 Prozent besonders hoch. Das hat eine Mitte November veröffentlichte Umfrage des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie ZVEI e. V. ergeben. Anbieter wie Tibber, 1Komma5Grad oder Ostrom drängen mit innovativen Lösungen für Prosumer und Flexumer in den Markt und sorgen so für die dringend benötigte Belebung. Nur wer einen dynamischen Tarif ernsthaft angeht, hat mittelfristig eine Chance, nicht einen signifikanten Anteil seiner Kunden an diese neuen Player zu verlieren. Der Erfolg wird dabei nicht zuletzt von positiver Kommunikation beeinflusst – als Versorger hat man nun die Wahl, den Weg mitzugehen oder zurückzubleiben.
Welche technischen Herausforderungen müssen Energieversorger bei der Einführung dynamischer Tarife bewältigen? Wie können diese aus Ihrer Sicht am besten angegangen werden? Und was sind die größten Hürden bei der Implementierung der Abrechnung?
Die Verfügbarkeit intelligenter Messsysteme (Smart Meter) ist entscheidend, um den genauen Verbrauch zu erfassen und mit dem variablen Preis abzurechnen. Wir sprechen da von Messzeitreihe und Preiszeitreihe. Unserer Erfahrung nach ist diese Verfügbarkeit zumindest bei wMSBs durchaus gegeben, aber auch die grundzuständigen Messtellenbetreiber haben mittlerweile Lösungen.
Eine der größten Herausforderungen scheint die Anpassung der IT-Infrastruktur, insbesondere der Abrechnungssysteme, um die genannten Zeitreihen verarbeiten zu können. Traditionelle Abrechnungssysteme rechnen historisch den jährlichen Verbrauch in Kilowattstunde multipliziert mit einem zugehörigen Preis. Bei der Abrechnung dynamischer Tarife ist diese simple Logik nicht länger anwendbar. Die neue Anforderung an das ERP-System ist Zeitreihe Strompreis multipliziert mit Zeitreihe Verbrauch. Dabei ergeben sich pro Tag bei 15-minütigem Intervall 96 zu verarbeitende Kosten-Positionen – im Vergleich zu der gewohnten einen Kostenposition pro Jahr. Vor diesem Hintergrund braucht es mehr Offenheit und Flexibilität in der Systemlandschaft. Solarize ermöglicht in Zusammenarbeit mit ausgewählten ERP-Anbietern den "Best of Breed"-Ansatz und integriert sich als Vorabrechnungssystem in die bestehende Systemlandschaft. Beispielsweise bei SAP-Systemen, wo die zeitreihenbasierte Abrechnung zwar möglich, aber komplex in der Umsetzung ist, bietet Solarize durch standardisierte Schnittstellen zur SAP-Business-Technology-Platform eine effiziente Lösung für die Implementierung dynamischer Tarife. Auch für Powercloud-Nutzer ist die Solarize-Software eine schlanke Lösung, um die zeitreihenbasierte Abrechnungsfähigkeit herzustellen.
Welche weiteren dynamischen Tarifmodelle erwarten Sie in den kommenden Jahren?
Wir sehen bereits heute, dass "netzdienliches" Verhalten durch den dynamischen Tarif belohnt wird: durch niedrigere Preise. Mit der Einführung der dynamischen Netzentgelte 2025 kommt eine weitere Preiszeitreihe ins Spiel, die diesen Effekt noch verstärkt. Dazu kommen Tarife und Vergütungen für die Integration von (Heim-)Speichern in den Flexibilitätsmarkt – auch hier sehen wir erste Produkte am Markt. Wir können nicht genug betonen, wie ernst man diese Prosumer-Tarife nehmen sollte und je früher man sich damit beschäftigt, desto wahrscheinlicher ist, dass man auch in 10 Jahren noch am Markt ist.
Wie können Energieversorger dynamische Tarife nutzen, um neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zu entwickeln?
Dynamische Produkte ermöglichen es, das klassische Commodity-Geschäft stärker mit Non-Commodity-Produkten zu verzahnen, was nicht nur die Kundenbindung fördert, sondern auch neue Einnahmequellen erschließt. Allerdings erfordert dies noch etwas mehr Innovationsbereitschaft, insbesondere seitens kommunaler Versorger, von denen bislang nur Vorreiter neue Geschäftsmodelle entwickelt haben. Der Großteil der Branche ist noch dabei, regulatorische Pflichten umzusetzen.
Das Denken in den Silos "Vertrieb", "Netz", "Messstellenbetrieb", das der liberalisierte deutsche Strommarkt mit sich gebracht hat, ist dabei leider überhaupt nicht hilfreich. Eigentlich muss man die Digitalisierung und Dynamisierung der Stromtarife als Chance begreifen, wieder übergreifend zu denken und ein ganzheitliches Angebot zu schaffen. Das kann anfangen mit so etwas wie: "Wer heute eine steuerbare Wallbox mit dynamischem Tarif bei uns kauft, für den übernehmen wir die Kosten des Smart-Meter-Einbaus beim MSB und garantieren den Einbau bis zum 1.1.2025." Selbst bei diesem einfachen Fall profitieren der Kunde, der Versorger und sogar der Netzbetreiber wegen der netzdienlichen Steuerung.
Zukünftig kommt das Vorhalten von Regelenergie-Reserven im Heimspeicher oder E-Auto dazu – da kann es dann sogar vorkommen, dass der Kunde in einem Monat mehr Vergütung erhält, als er Strom bezieht.
Dynamische Tarife sind somit nur der Start zur Entwicklung innovativer Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Wie gesagt, den Anteil an Verbraucherinnen und Verbrauchern mit potenziell steuerbaren Lasten sehen wir mittelfristig eher bei 40 bis 50 Prozent als bei 1 bis 2 Prozent: ein riesiges Potenzial für Versorger.
Das Interview führte Stephanie Gust



