Von Stephanie Gust
"2025 wird das Schlüsseljahr für die Digitalisierung der Energiewende", sind sich Sören Patzack, Partner Digitalisierung, und Andreas Nolde, Partner Netzinfrastruktur & Konzessionen bei BET Consulting GmbH, sicher. Nach intensiven Jahren der Vorbereitung und Standardisierung beginne nun schrittweise der flächendeckende Rollout von Steuerboxen und deren Einbindung in das CLS-Management und, bei Bedarf, in Energiemanagementsysteme.
Netzbetreiber stehen noch am Anfang der Datenaufbereitung und Prozessintegration
Im ersten Halbjahr 2025 stehen Tests und die Einführung in begrenztem Umfang im Fokus, bevor in der zweiten Jahreshälfte der Massenrollout an Fahrt aufnimmt. Dennoch werden weitere zentrale Innovationen, wie der Digitale Zwilling in den Verteilnetzen, erst mittelfristig ihre volle Wirkung entfalten. Viele Netzbetreiber stehen noch am Anfang der Datenaufbereitung und Prozessintegration.
Aktuell sind bei den Verteilnetzbetreibern sehr unterschiedliche Entwicklungsstände bei der Digitalisierung zu beobachten. "Die Verfügbarkeit standardisierter Technik und funktionierender Prozesse wird in den nächsten fünf Jahren zu einer stärkeren Angleichung der Digitalisierung bei den Netzbetreibern führen", so die Prognose von Patzack und Nolde.
Steigende Automatisierung erwartet
"In den kommenden fünf Jahren wird Sensorik und Steuerungstechnik im Netz und beim Kunden flächendeckend ausgerollt, ein Großteil der installierten Leistung wird digital erfasst und gesteuert. Bei Netzbetreibern und Energieversorgungsunternehmen wird die Datenkompetenz zur Kernkompetenz."
Besonders in der Niederspannungsebene führe dies zu einer steigenden Automatisierung: Künstliche Intelligenz und Algorithmen übernehmen zentrale Aufgaben, während der Mensch als Überwacher und strategischer Entscheider agiert, sagen Nolde und Patzack.
Größte Herausfoderungen
Als größte Herausforderungen für die Stadtwerke sehen die beiden Experten die parallele Transformation mehrerer kritischer Bereiche: IT-Systeme, Daten und Prozesse müssen synchron weiterentwickelt werden. "Digitalisierung kann man jedoch nicht im stillen Kämmerlein umsetzen: Eine übergreifende Koordination der Aktivitäten beim Stadtwerk ist erforderlich, damit das große Ganze auch zusammenpasst. Deswegen ist eine ganzheitliche Aufstellung als explizites Programm oder Projekt auch eine essenzielle Gelingbedingung", sagt Nolde.
Und Patzack ergänzt: "Ganz konkrete Herausforderungen sind sicher, den Digitalen Zwilling für die Niederspannung einzuführen, neue Mess- und Steuertechnik ins Feld zu bringen, ein passendes CLS-Management zu etablieren und die Datenarchitektur nachhaltig aufzustellen." Der Rechtsrahmen unterliege aktuell noch einer gewissen Unsicherheit, auch das sei natürlich herausfordernd. Mit robusten Strategien könne man die Effekte der Unsicherheit jedoch stark verringern.
Auch würden sich immense Chancen auftun: Effizienzgewinne durch Automatisierung und optimierte Prozesse entlasten die Organisation und helfen, dem Fachkräftemangel aktiv entgegenzuwirken.
"Stadtwerke, die die Digitalisierung konsequent vorantreiben, werden zu Vorreitern in einer zunehmend komplexen Energielandschaft", so die Prognose der beiden.
Positionierung von Stadtwerken
Bei der Frage nach der Positionierung der Stadtwerke, damit sie in diesem Rahmen Geschäftsmodelle unter Abwägung der Risiken und Chancen sinnvoll umsetzen können, antwortete Patzack, dass hier drei Ebenen zu unterscheiden seien: Auf der ersten Ebene ist dem Netz der personelle und finanzielle Rahmen für die notwendige und größtenteils ordnungspolitisch verpflichtende Digitalisierung bereitzustellen.
Auf der zweiten Ebene könne der Netzbetreiber durch die Digitalisierung in allen Bereichen des Netzbetriebs – von der Betriebsführung über die Instandhaltung bis zur Planung, gegebenenfalls neuer Netznutzungsprodukte – effizienter und leistungsstärker werden. Auf der dritten Ebene können die Chancen der Netz- und Kundendigitalisierung über alle Geschäftsfelder und Geschäftsmodelle analysiert und genutzt werden.
Kooperationen mit Gleichgesinnten
Nolde ergänzt: Der Aufbau einer flächendeckenden Kommunikationsinfrastruktur für Messen und Steuerung ermöglicht eine Vielzahl von Zusatzdienstleistungen des Messstellenbetreibers, aber vor allem erweiterte Energiedienstleistungen des Vertriebs. Hierbei gilt es vor allem, Anschluss zu halten beziehungsweise wettbewerbsfähig zu werden zu Produkten und Dienstleistungen der bereits erfolgreichen überregional agierenden "Quereinsteiger". Die lokale Nähe, die bestehenden Kundenbeziehungen und die energietechnische Kompetenz kann dabei ein wesentlicher Erfolgsfaktor sein.
Beide betonen jedoch auch: "Ohne Skalierung wird es keine erfolgreichen innovativen Geschäftsmodelle geben." Hier könnte die Kooperation mit "Gleichgesinnten" oder die Nutzung von White-Label-Produkten Dritter die Anlaufinvestitionen dämpfen und die Abwicklungskosten dauerhaft senken.



