Lübeck, München und Frankfurt sind schon jetzt weit vorn im Smart-City-Ranking. Diese Bilder wurden von Künstlicher Intelligenz generiert.

Lübeck, München und Frankfurt sind schon jetzt weit vorn im Smart-City-Ranking. Diese Bilder wurden von Künstlicher Intelligenz generiert.

Bilder: © AdobeFirefly/AdobeStock

Wer digitale Daseinsvorsorge in Aktion erleben will, für den mag sich eine Reise nach Lübeck lohnen. Dort werden schon heute Falschparker mithilfe von Sensoren gefunden und Schüler über ein rotes Ampelsignal gewarnt, wenn die Luft in ihren Klassenräumen zu schlecht ist.

Und wer zu Hause bleiben und trotzdem einen Blick in die berühmte Backsteinkirche St. Marien werfen will, kann das ebenfalls tun – bequem über den Rechner samt virtuellem Rundgang.

"Aufgabe für das nächste Jahrzehnt"

Wer das für nette Spielereien hält, dem würde Jens Meier, Chef der Stadtwerke Lübeck und Vorsitzender des Ausschusses Digitalisierung beim Stadtwerkeverband VKU, heftig widersprechen.

"Aus meiner Sicht wird der Begriff der digitalen Daseinsvorsorge ein Stück weit verkannt", sagte er bei der Vorstellung eines Sammelbands, den er mit herausgegeben hat und der den Titel "Digitale Daseinsvorsorge" trägt. "Dahinter steht die Aufgabe des deutschen Staates für das nächste Jahrzehnt." Nur wenn das gelinge, könne der Staat Entfaltungskraft entwickeln.

Nächste digitale Revolution

Die erste digitale Revolution hat Deutschland weitgehend verschlafen. Mit einem Glasfaseranteil von momentan rund elf Prozent lag Deutschland zuletzt im OECD-Länderranking abgeschlagen auf Platz 36 und damit weit hinter Südkorea (90 Prozent) und Spanien (86 Prozent).

Geht es nach SPD-Digitalexpertin und Bundestagsabgeordneten Tina Rudolph, darf sich das jetzt, da die nächste digitale Revolution über die Welt zieht und Künstliche Intelligenz (KI) enorm an Bedeutung gewinnt, nicht wiederholen. Denn: "Der Unterschied zwischen Nicht-KI und KI wird so groß sein wie der zwischen Computer und Abakus." Für jüngere Menschen: Ein Abakus ist ein Rechenhilfsmittel mit Perlen und Rechenbrett.

"Kommunale Unternehmen spielen Riesenrolle"

Der Internetausbau über "totale Privatisierung" und Ausschreibungen habe dazu geführt, dass Deutschland nun mühsam Weiße-Flecken-Programme auflegen müsse, führte Rudolph aus. "Ich hoffe, dass wir es diesmal anders schaffen. Da spielen die kommunalen Unternehmen natürlich eine Riesenrolle."

Zugleich räumte die Sozialdemokratin ein, dass Stadtwerke vor denselben Herausforderungen stünden wie damals private Telekommunikationsanbieter. "Wie kann ich investieren, wie kann ich teilweise ins Risiko gehen, aber trotzdem einen sehr sicheren Business Case auflegen?"

Beispiel Bademeister

Auch für den Digitalexperten Sascha Lobo steht fest: "Die große KI-Transformation muss herbeiinvestiert werden." Der Fokus auf die schwarze Null, sprich die Vorgabe, Staatshaushalte unbedingt ausgeglichen zu halten, muss weg.

Zugleich sind wirtschaftlich orientierte Kommunalunternehmen für ihn der genau richtige Ort, um diesen Wandel voranzutreiben, auch weil sie sich so selbst effizienter aufstellen könnten. Als Beispiel nannte Lobo Künstliche Intelligenz in Schwimmbädern, die anstelle von Bademeistern Becken kontrollieren und warnen könnten, wenn ein Kind zu ertrinken droht. So könnten Stadtwerke nicht nur Bademeister entlasten, sondern auch dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenwirken.

Richtige Rahmenbedingungen

Für einen marktbasierteren Ansatz warb CDU-Bundestagsabgeordnete Franziska Hoppermann. "Es ist immer ein bisschen Deutsch zu sagen, es muss alles der Staat machen", sagte sie. "Wir müssen die Rahmenbedingungen setzen. Ein Teil der wirtschaftlichen Unsicherheit liegt daran, dass gar nicht so klar ist, was denn die Rahmenbedingungen für zukünftige Investitionen sind."

Dem wollte auch die Grünen-Politikerin Tabea Rößner, die den Digitalausschuss des Bundestags leitet, nicht komplett widersprechen. Zugleich sagte sie aber, dass es Aufgaben gebe, die der Staat gewährleisten müsse. Geld sei im Grunde genug da. Das Problem sei nur, dass es häufig nicht richtig abgerufen werde.

Best-Practice-Beispiele

Deutschland müsse sich am Ende entscheiden, gab Lübecks Stadtwerkechef Meier zu bedenken. "Da kommen die kommunalen Unternehmen ins Spiel. Wenn wir feststellen, es gibt noch nicht die richtigen Strukturen, Regeln und Prozesse, dann lohnt es sich doch, dorthin zu schauen, wo es das schon gibt."

Schon jetzt gebe es in Städten von Lübeck über Dortmund bis München Smart-City-Vorbilder. "Die große Frage ist: Kann man das nicht verstetigen und in einen besseren Austausch bringen?"

Digitale Daseinsvorsorge als Standortvorteil

Die digitale Daseinsvorsorge könne für Deutschland zum Standortvor- oder -nachteil werden, sagte er. "Wenn wir diese Struktur aufbauen und auch die kommunalen Unternehmen dafür nutzen, kann es zum Standortvorteil werden." (aba)

Buchhinweis: Der Sammelband "Digitale Daseinsvorsorge: Stadtwerke als Treiber der digitalen Transformation für Kommunen, Land und Bund", ist ab jetzt im Wissenschaftsverlag Springer Gabler bestellbar. Mehr Informationen finden Sie über diesen Link.

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