"Unsere Grundidee war: Die Power des digitalen Zwillings muss auch zu den Monteuren ins Netz. Sie sollen datengetrieben an ihre Aufgaben herangehen können – nicht mehr nur auf ihr Erfahrungswissen und auf ihr Bauchgefühl angewiesen sein", sagt Simon Koopmann, Geschäftsführer und Co-Gründer von Envelio.

"Unsere Grundidee war: Die Power des digitalen Zwillings muss auch zu den Monteuren ins Netz. Sie sollen datengetrieben an ihre Aufgaben herangehen können – nicht mehr nur auf ihr Erfahrungswissen und auf ihr Bauchgefühl angewiesen sein", sagt Simon Koopmann, Geschäftsführer und Co-Gründer von Envelio.

Von Stephanie Gust

Das Kölner Softwareunternehmen Envelio erschließt mit mobilen Netzservices einen neuen Anwendungsbereich für seine Intelligent Grid Platform (IGP). Ziel ist es, auch Monteuren im Außeneinsatz digitale Unterstützung zu bieten – durch eine Lösung, die komplexe Schalthandlungen analysiert, simuliert und dokumentiert. Die erste Anwendung heißt "Schaltmanager" und soll helfen, den steigenden Anforderungen im Verteilnetzbetrieb gerecht zu werden.

"Im Netzbetrieb sind viele Prozesse heute noch wenig digitalisiert. Dabei wird die Arbeit der Monteure immer komplexer – und das Netz immer dynamischer", sagt Simon Koopmann, Geschäftsführer von Envelio. Gerade Schalthandlungen, etwa bei Wartungsarbeiten oder Netzumbauten, würden häufig noch auf Erfahrungswissen beruhen. Die App "Schaltmanager" soll das ändern: Mit ihr lassen sich geplante Schaltungen auf einem Tablet simulieren, potenzielle Auswirkungen prüfen und die Versorgungssicherheit absichern.
 

Digitalisierung auch für Monteure im Außendienst

Envelio ist vielen Netzbetreibern bereits als Anbieter digitaler Lösungen für Netzplanung und Anschlussprozesse bekannt. Nun soll der digitale Zwilling des Verteilnetzes, der das Herzstück der IGP bildet, auch im operativen Betrieb eine größere Rolle spielen. "Unsere Grundidee war: Die Power des digitalen Zwillings muss auch zu den Monteuren ins Netz. Sie sollen datengetrieben an ihre Aufgaben herangehen können – nicht mehr nur auf ihr Erfahrungswissen und auf ihr Bauchgefühl angewiesen sein", so Koopmann.

Die App zeigt auf einen Blick die betroffenen Schaltkreise, dokumentiert Maßnahmen und erlaubt das Einspielen von Live-Messdaten. Dadurch lässt sich etwa im Vorfeld erkennen, ob eine geplante Abschaltung sicher durchführbar ist oder an anderer Stelle Versorgungslücken entstehen. "Bevor ich eine Schaltung auslöse, kann ich auf dem Tablet simulieren, ob alles funktioniert – das erhöht auch die Arbeitssicherheit", erklärt Koopmann.

Drei Treiber verändern die Netzpraxis

Hinter der Entwicklung steht laut Koopmann ein tiefgreifender Wandel im Netzbetrieb. Drei Faktoren verstärkten die Komplexität: Erstens nehme die Zahl der Baumaßnahmen zu, auch im Niederspannungsbereich. Zweitens verändere sich das Verhalten der Netze durch Prosumer, Batteriespeicher und flexible Stromtarife: Der Stromfluss geht nicht mehr in nur eine Richtung und wird unvorhersehbarer. Drittens verschärfe der demografische Wandel den Fachkräftemangel.

"Die erfahrenen Netzmeister mit ihrem Wissen gehen in Rente – und junge Monteure starten, ohne alle Details des Netzes zu kennen", so Koopmann. Umso wichtiger sei es, dass digitale Werkzeuge dieses Wissen systematisch abbilden und verfügbar machen. Fehlschaltungen, wie sie bei manuellen Verfahren vorkommen können, sollen dadurch reduziert werden. "Solche Fehler haben zwar oft keine Auswirkungen auf die Kunden – aber sicherheitstechnisch sind sie problematisch. Deshalb simulieren wir die Schaltungen digital vorab", sagt Koopmann.

IGP wird um dritte Säule erweitert

Mit dem neuen Bereich "Mobile Netzservices" erweitert Envelio die IGP um eine dritte Säule. Die beiden bisherigen Anwendungsbereiche, Netzplanung inklusive Anschlussprozesse sowie Netzbetriebsführung mit Live-Daten und §-14a-Steuerung, bleiben bestehen. Die enge Verzahnung dieser Funktionen sieht das Unternehmen als besonderen Vorteil seiner Plattform.

"Das ist das Schöne am digitalen Zwilling: Wenn eine Umschaltung über den Schaltmanager erfolgt, weiß das auch unsere Anwendung für die §-14a-Steuerung. Alle Anwendungen nutzen dieselbe Datenbasis", betont Koopmann.

Lösung auch für kleine Stadtwerke

Die Intelligent Grid Platform wird von kleinen wie großen Netzbetreibern genutzt. "Unser kleinster Kunde hat 7000 Entnahmestellen, unser größter rund 4,8 Millionen. Das zeigt, wie flexibel unsere Plattform einsetzbar ist", sagt Koopmann. Besonders im Niederspannungsbereich biete die IGP Vorteile, weil sie Planung, Betrieb und Steuerung eng miteinander verzahne.

Den Begriff "Niederspannungsleitsystem" vermeidet Koopmann übrigens bewusst. "Das suggeriert, dass man den gleichen manuellen Ansatz wie in der Mittel- und Hochspannung hat – das ist aus unserer Sicht nicht zielführend. In der Niederspannung muss vieles automatisiert und prozessübergreifend gedacht werden."

Mit dem Schaltmanager setzt Envelio nun einen weiteren Baustein zur digitalen Transformation im Verteilnetz. Das Ziel: Wissen sichern, Komplexität beherrschbar machen und die Sicherheit im Netzbetrieb erhöhen.

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