Herr Becker von Bredow, was versteht man eigentlich unter dynamischen Stromtarifen und warum gehören HT und NT-Tarife nicht dazu?
HT und NT stehen für Hauptzeit und Nebenzeit. Dabei wird in Nebenzeiten, also in der Regel nachts, wenn die Nachfrage zurückgeht, Strom zu günstigeren Preisen an Verbraucherinnen und Verbraucher abgegeben. Bei HT und NT handelt sich also um zwei voneinander abweichende, aber feste Tarife für definierte Zeitfenster. Dynamische Stromtarife gehen weit darüber hinaus. Hier orientieren sich die Arbeitspreise, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern berechnet werden, an den aktuellen Entwicklungen an der Strombörse. Die Idee dahinter ist, Preissignale, die sich beispielsweise am Spotmarkt bilden, an die Verbraucherinnen und Verbraucher weiterzugeben und somit Anreize für eine Anpassung zu setzen – also Flexibilisierung der Nachfrage zu erreichen. Damit erfüllen dynamische Tarife eine wichtige Funktion im künftigen, stärker auf der Einspeisung von Wind und PV beruhenden Stromsystem. Sie unterstützen einen auf Marktprinzipien beruhenden Ausgleich von Angebot und Nachfrage, der bei der Integration der volatilen erneuerbaren Energien ins Netz von grundlegender Bedeutung ist.
Welche Herausforderungen gestalten sich bei der Abrechnung der dynamischen Stromtarife?
Wie so oft, gilt es auch hier organisatorische und technische Aufgaben zu meistern. Technisch wird mit dem nun beschleunigten Einbau von intelligenten Messsystemen in privaten Haushalten aber auch kleineren Gewerbebetrieben überhaupt erst die Möglichkeit für eine mindestens viertelstündige Messung dieser Verbraucher geschaffen. Der nächste Schritt ist die Etablierung von Energiemanagementsystemen, die die Verbräuche in den Haushalten und Betrieben gesamthaft erfassen können. Gemeinsam bilden sie den digitalen Netzanschlusspunkt, über den der Datenaustausch zwischen Versorger und Haushalt direkt und sicher stattfinden kann. So wird es für Verbraucherinnen und Verbraucher perspektivisch auch automatisiert und damit viel einfacher möglich, auf dynamische Strompreise zu reagieren. Hier gibt es erste Dienstleistungsangebote bzw. sie sind in der Vorbereitung und diese müssen nun ebenfalls den Weg in den Markt finden. Aktive Endkundinnen und -kunden sind einer der Schlüssel, dass die große Transformation unseres Energiesystems funktioniert.
Regulatorisch gesehen müssen ab 2025 laut novellierten Messstellenbetriebsgesetz – also dem Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende – alle Stromversorger dynamische Tarif anbieten. Bisher haben nicht alle solche im Portfolio. Das macht also interne Vorbereitungen zur Vertragsgestaltung, Bilanzierung und transparenten Abrechnung notwendig. Nicht zu vergessen das Datenmanagement, das bei einer Vielzahl von Messstellen und Messzeitpunkten anfällt. Diese Prozesse sind eine Herausforderung und es muss noch an einigen Stellen gefeilt werden. Dennoch wird es gelingen, da bin ich optimistisch gestimmt.
Sehen Sie hier eine Nachfrage auf Kundenseite?
Das ist ein wenig die Frage nach der Henne und dem Ei. Bislang ist die Nachfrage noch gering. Bislang gab es aber auch kaum Angebote für dynamische Tarife und insbesondere im privaten Bereich, abgesehen von Nachtspeicherheizungen, eigentlich keine lohnenden Möglichkeiten den Strombezug zeitlich zu verschieben.
Das ändert sich gerade: Mit der Installation intelligenter Messsysteme und dem weiteren Einzug steuerbarer Verbraucher wie Wärmepumpen und Elektromobilität sowie der zugehörigen Steuertechnik – auch hier wieder das Stichwort Energiemanagementsystem – kann der Strombezug signifikant zeitlich angepasst werden. Die Anzahl an Angeboten für dynamische Stromtarife steigt daher zusehends.
Mit dieser Zunahme stellt sich dann bereits heute eine weitere Frage. Wie lassen sich die Verträge für Verbraucherinnen und Verbraucher gegen zu hohe Preissprünge absichern? Dynamische Tarife sind natürlich keine Einbahnstraße. Preise können schwanken. Sie sollen es sogar, um Knappheitssignale anzuzeigen und dann auch an die Kunden weiterzureichen. Allerdings sollten Mechanismen gefunden werden, Endkunden gegen allzu hohe Preissprünge, wie beispielsweise bei der letzten Strompreiskrise gesehen, abzusichern. (sg)



