Herr Mennig, mit Blick auf die Klimaziele muss sich der Verkehrssektor transformieren. Das heißt, er muss umweltfreundlicher werden. Doch was genau ist für Sie überhaupt eine nachhaltige Mobilität?
Patrick Mennig, Leiter der Abteilung Digital Innovation Design am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern: Die nachhaltigste Mobilität ist im Prinzip die, die gar nicht stattfindet. Selten haben wir ein Bedürfnis danach, mobil zu sein allein um des Mobilseins. Stattdessen geht es um die Erfüllung anderer Bedürfnisse, für die wir häufig darauf angewiesen sind, von A nach B zu gelangen. Dafür sind entweder der Weg zu Fuß oder auch das Fahrrad die nachhaltigsten Optionen, die es gibt. Für weitere Strecken stehen dann beispielsweise der ÖPNV, der Fernverkehr der Bahn oder in Ausnahmefällen das batterieelektrische Auto zur Verfügung. Hier müssen wir dringend ansetzen, den Umweltverbund massiv stärken und den Individualverkehr per Auto zumindest nachhaltiger gestalten. Darüber hinaus hilft es der Nachhaltigkeit enorm, wenn Mobilität an sich vermieden wird – zum Beispiel indem digitale Angebote wahrgenommen werden, statt zu einem Ort zu fahren, um dort etwas zu erledigen.
Im Umkehrschluss bedeutet das also, wir sind aktuell noch weit von der vollständigen Transformation der Mobilität entfernt?
Patrick Mennig: Das ist richtig. Einerseits brauchen wir viel mehr als nur eine reine Antriebswende, wie sie in der Öffentlichkeit häufig diskutiert wird. Wir müssen insgesamt weg vom motorisierten Individualverkehr. Das Problem ist, dass die Alternative ÖPNV vielerorts schlichtweg nicht ausreichend attraktiv ist. Gerade in dünnbesiedelten Regionen müssen die Menschen in puncto Komfort und Verfügbarkeit mitunter große Einbußen hinnehmen, wenn sie sich für den ÖPNV anstelle des Autos entscheiden. Busse, Bahnen & Co. sind somit oft einfach keine realistisch gut nutzbaren Fortbewegungsmittel. Genau das müssen sie aber werden, wenn unser gesamtes Verkehrssystem nachhaltiger werden soll. Was ich aktuell bei der Transformation der Mobilität vermisse, ist der ganz große Wurf – also einer, der tatsächlich etwas verändert.
Und was müsste passieren, damit dieser große Wurf gelingt?
Patrick Mennig: Dafür bräuchte es folgenden Paradigmenwechsel: Der ÖPNV soll nicht länger nur die Daseinsvorsorge sicherstellen, sondern die bestmögliche Option für die Fortbewegung darstellen. Wäre das der Fall, würde im Vergleich auch der Individualverkehr mit Auto und Motorrad unattraktiver werden. Ich plädiere nicht für ein Verbot des motorisierten Individualverkehrs, sondern für attraktivere Alternativen. Ein Ansatz dafür wäre ein vollständig kostenfreier ÖPNV, um ihn gegenüber dem Individualverkehr preislich sehr attraktiv zu positionieren – das scheint mir aber nicht wirklich realistisch. Abhilfe kann stattdessen die Digitalisierung schaffen; hier müssen wir entsprechend ansetzen.
Können Sie hier konkret werden?
Patrick Mennig: Ein attraktiver ÖPNV wird nicht nur durch den Preis bestimmt. Auch die Verfügbarkeit ist wesentlich. Zunächst einmal ist es extrem wichtig, das Fortbewegungsverhalten der lokalen Bevölkerung zu analysieren und zu schauen, welche Lücken das ÖPNV-Angebot aufweist. Das kann je nach Lage und Ort sehr verschieden sein. Dementsprechend wird es auch mit einer One-size-fits-all-Lösung nicht getan sein; was wir vielmehr brauchen, sind individuelle und lokale Mobilitätskonzepte. Sollen die Menschen dann dazu bewegt werden, beispielsweise auf ihr Auto als Fortbewegungsmittel weitestgehend zu verzichten, braucht es eine Vielzahl an alternativen und vor allem attraktiven Mobilitätslösungen. Dazu zählen sowohl der ÖPNV als auch Angebote für Shared Mobility.
Die Digitalisierung kann dann wiederum einen entscheidenden Beitrag leisten, um Angebot und Nachfrage vor Ort besser zusammenzubringen – etwa mit Hilfe einer Plattform. Hier werden alle Mobilitätsangebote zentral gebündelt, sodass sich die Menschen einfach und unkompliziert exakt das Verkehrsmittel auswählen können, das ihren Bedürfnissen optimal entspricht. Darüber hinaus lohnt es sich, die Transformation der Mobilität weiter zu denken. Digitalisierung kann auch dazu beitragen, dass Gründe dafür, mobil zu sein, wegfallen. Muss man dennoch von A nach B, dann hilft Digitalisierung, Serviceangebote intelligent zu verknüpfen und beispielsweise Entertainmentangebote zu integrieren oder die Fahrt mit anderen Bedürfnissen wie einem Einkauf mit Lieferung der Produkte direkt zum Verkehrsmittel zu verknüpfen.
Wenn wir aber nicht auf das Land, sondern in die Städte schauen, so klagt der ÖPNV dort schon heute sogar eher über eine große Überlastung.
Patrick Mennig: Gerade in Städten ist der ÖPNV ein essenzieller Baustein des Mobilitätsangebots und wird gerade wegen seiner Attraktivität im Vergleich zum »Auto in der Stadt« gerne wahrgenommen. Wenn wir uns als Gesellschaft dazu entscheiden, die Präsenz des Autos in Städten zu reduzieren und Flächen stattdessen wieder als Lebensraum für Menschen zu nutzen, kommen wir nicht umhin, das ÖPNV-Angebot sogar noch weiter zu stärken. Sorgen sollte uns eher die geringe Auslastung des ÖPNVs auf dem Land machen, wenn wir die Mobilität insgesamt nachhaltiger gestalten wollen.
Und wie ließe sich dieses Problem lösen?
Patrick Mennig: Eine Lösung könnte in diesem Fall sowohl ein stärker ausgebauter, attraktiverer ÖPNV sein als auch ein besser ausgelasteter Individualverkehr. Könnte eine Person auf einer zentralen Mobilitätsplattform beispielsweise sehen, dass ihre Nachbarin zu einer ähnlichen Uhrzeit zur Arbeit am ähnlichen Zielort muss, könnten sich beide Personen zusammenschließen. Das würde zumindest ein Auto weniger auf den Straßen bedeuten. Bis dieses Szenario jedoch flächendeckend Wirklichkeit wird, müssen zunächst alle Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen: die Kommunen und ihre Verkehrsbetriebe, privatwirtschaftliche Mobilitätsanbieter und wir als Bevölkerung. Schließlich ist die Transformation der Mobilität eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.(sg)



