Das Thema Cybersecurtity und Schutz der digitalen Infrastruktur wird nochmal massiv in den Fokus geraten", Christoph Bornschein, CEO TLGG Group.

Das Thema Cybersecurtity und Schutz der digitalen Infrastruktur wird nochmal massiv in den Fokus geraten", Christoph Bornschein, CEO TLGG Group.

Bild: © greenbutterfly/AdobeStock

"Wie sieht eigentlich diese magische digitale Daseinsvorsorge aus, von der wir in Zukunft noch viel hören werden?", fragte Christoph Bornschein, CEO der auf digitale Themen spezialisierten TLGG Group, auf der ersten Digitalisierungs-Konferenz der Stadtwerke Lübeck. Das Motte der Veranstaltung "Quo vadis, Digitalisierung?", gab die Richtung vor. "Wir sehen, dass die Energiewende viel schneller kommen wird, als wir alle gedacht haben", so Bornschein. Dieser Vorgang habe sich allein schon wegen der Corona-Krise beschleunigt.

Allerdings werde es schwierig die benötigte dezentrale Energieleistung überhaupt zu installieren, denn es fehlen Monteure für Wärmepumpen im Keller und Solaranlagen auf dem Dach. Und zugleich werde mit der Beschleunigung des Ausstiegs aus fossiler Energie der Druck massiv zunehmen. Denn: "Dezentral heißt in diesem Fall auch immer kommunal", so der Experte.

Enorme Herausforderungen durch dezentrales Energiesystem

Lokal erzeugte Energie in Quartieren zu orchestrieren – auch über die Nutzung von Autobatterien – werde tatsächlich ein anderes Energiesystem hervorbringen, so seine Einschätzung. "Das ist eine lokale Aufgabe und wird die Stadtwerke vor enorme Herausforderungen stellen, die letztlich alle lokal zu bewältigen sind."

Doch wie orchestriert man das Ganze und zu welchen Bedienungen? Hier würden komplett andere Fähigkeit gebraucht: "Es ist ein digitales Thema. Am Ende legt sich das Internet über die Stromnetze und wird die Fähigkeiten vor Ort nochmals massiv beschleunigen", so Bornschein.

IT-Kompetenz und Umsetzung als wichtigste Nahtstellen

Die Beschleunigung mit dem Urkainekonflikt mache klar: "Es wird so kommen und damit viel schneller, als wir gedacht haben". Allerdings gebe es verschiedene Handlungsfelder, die größte davon sei die nötige IT-Kompetenz und Umsetzung. Bornschein: "IT-Kompetenz ist dramatisch unterbelegt. Wir brauchen eine Strategie zu der Frage, wo betreiben wir das eigentlich. Wie schützen wir unsere Daten, wie schaffen wir eine echte europäische Datensouveränität und Unabhängigkeit."

Denn aktuell befinde man sich in zwei Kriegen gleichzeitig, neben dem Ukraine-Konflikt herrsche auch ein Cyberkrieg. "Das Thema Cybersecurtity und Schutz der digitalen Infrastruktur wird nochmal massiv in den Fokus geraten", so seine Prognose. Und damit sei man wieder beim Problem Nummer eins: "Wir haben hier keine Fähigkeiten aufgebaut, und Cybersecurity-Experten zu bekommen, fällt auch DAX-Konzernen schwer." Allerdings: "Der Schutz der vernetzten kritischen Infrastruktur wird entscheidend sein"

Vertrauenswürdige Systeme gesucht

"Wir haben eine Menge Chancen liegen lassen, wir fangen eigentilch zu spät an", so Bornschein weiter. In vielen Applikationen stecke keine Technologie, die vertrauenswürdig sei. Für das Speichern von Bürger-Daten sei Google- oder Amazon-Cloud vermutlich nicht die richtige Lösung. Vielmehr: "Lokale Systeme, die dann auch noch vertrauenswürdig sind, sind meiner Meinung nach die Zukunft. Inzwischen haben wir verstanden, dass wir von unten nach oben aggregieren müssen und nicht von oben nach unten. Es geht dann darum, das umzusetzen."

Ein ebenfalls wichtiger Punkt: Kooperationen: Wo finde ich Tech-Partner, mit denen ich neue Dinge aufbauen kann? Wie können Kommunen vermeiden, Doppelarbeit zu leisten? Stadtwerke werden bei der Digitalisierung im Kern eine treibende Rolle spielen, "davon bin ich tief überzeugt", so Bornschein. Diese verfügen über Netzwerke und können diese orchestrieren.

"Drei Thesen: Die Gestaltung der Daseinsvorsorge ist lokal und sollte lokal gemacht werden, weil nur das wird Vertrauen von Bürgern schaffen. Kooperationen und Umsetzung ist wichtig, sie werden das nicht allein hinbekommen sowie Stadtwerke als treibende Kraft. Das macht schon deswegen Sinn, weil Stadtwerke häufig die beste Identität über die Bürger haben", beendete Bornschein seinen Vortrag.

Maximaler Transformationsprozess

Wie es in der Praxis mit der Digitalisierung in Lübeck aussieht, erläuterte Jens Meier, Geschäftsführer der Stadtwerke Lübeck-Gruppe. "Ich würde selbstkritisch sagen, an vielen Stellen bekommen die Kunden von der Digitalisierung der Stadtwerke noch nichts mit". So werde von Kunden etwa bemängelt, dass sie immer noch Karten zur Selbstablesung per Post abschicken müssen. Wie das zur Digitalisierung passe? "Das passt überhaupt nicht, aber wir haben noch immer viele Prozesse, viele Regularien, wo wir überhaupt nicht digital unterwegs sind", räumte Meier ein.

Gesetze erschweren Digitalisierung

Diese prüfe man, aber es gebe auch Gesetzes-Auflagen, warum man hier noch nicht digitalisieren dürfe. "Aber überall, wo wir hin dürfen, gehen wir ran." Für die Stadtwerke sei das ein maximaler Transformationsprozess, da man aus einer sehr statischen Welt mit klaren Strukutren und wenig Agilität – "und auch ganz offen gesprochen mit wenig Kunden-Zentrierung" komme. Der Markt habe sich jetzt dramatisch geändert. Wichtig sei es auch in Zukunft weiterhin Zuverlässigkeit und Sicherheit zu bieten. Aber man wolle auch Kundenbedürfnisse bedienen.

Zumal die Kunden in Zeiten von Corona nicht unbedingt nur Digitalisierung wollten. "Unser Kundenservice ist in dieser Zeit maximal besucht worden, weil viele Bürger mit uns von Angesicht zu Angesicht sprechen wollten."  Jedoch gebe es auch zunehmend Kunden, die nachts, wenn sie gerade Lust und Zeit haben, Verträge abschließen oder mit Chatbots kommunizieren wollen. Auch das werde man bedienen. "Das ist unsere große Aufgabe, beides abzudecken: Das eine nicht aufzugeben, aber auch die neue digitale Welt auch vollkommen zu bedienen".

Vorreiter bei der Digitalisierung

Lob für die Stadtwerke Lübeck gab es von der Vorsitzenden der Hauptgeschäftsführung des Verbands BDEW, Kerstin Andreae, die die Lübecker als Vorreiter beim Thema Digitalisierung nannte. "Ich finde es sehr beeindruckend, wie die Stadtwerke Lübeck diesen Handlungsbedarf erkannt haben und ihn auch praktisch umsetzen. Sie haben den Aufbau einer Urban-Data-Plattform organisiert und bündeln dort Daten innerhalb der Kommune. Und so können für die Stadt optimierte Prozesse angeboten werden."

Dies verspreche Mehrwerte für die Bürger und zeige, dass Stadtwerke ins Zentrum einer digitalisierten Stadt gehören, weil sie Daseinsvorsorge mit neuen technologischen Anwendungen verbinden können und sie Kundennähe besitzen.

Handlungsbedarfe sieht Andreae vor allem darin, dass Stadtwerke Kompetenzen in Zeiten des Fachkräftemangels und Wettbewerbs um IT-Kompetenzen aufbauen sollten. "Sie müssen in ihre digitale Infrastruktur investieren und auch hier gilt es ein großes Maß an Sicherheit zu gewährleisten, so wie das in anderen Infrastrukturen wie Wasser, Abwasser und Energieversorgung der Fall ist." Wichtig seien außerdem Kooperationen untereinander – aber auch mit branchenfremden Unternehmen. (sg)

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