Norbert Malek gilt als Smart-Metering-Pionier. Er trieb wichtige Innovationen in der digitalen Messtechnik voran. So war er 1989 an der Entwicklung des überhaupt ersten vollständigen elektronischen Zählers beteiligt. Als Malek 1991 zu EMH Metering wechselte, verantwortete er den ersten Zähler mit einem integrierten Lastprofilspeicher aus dem Hause EMH Metering. Ein Interview über die Smart-Meter-Entwicklung seitdem und seinen Blick auf das Ausrollen intelligenter Messsysteme in Deutschland.
Herr Malek, was unterscheidet die damaligen elektronischen Zähler von der heutigen digitalen Messtechnik?
Die Zähler von heute sind deutlich leistungsfähiger, als noch vor 30 Jahren, denn die Rechenleistung der Halbleiter hat sich inzwischen um ein Vielfaches erhöht. Gleichzeitig ist die Kapazität der Speicherbauteile um vieles größer. Daher können heutige Zähler enorme Datenmengen speichern und verarbeiten. Zum Beispiel ist eine ausgefeilte Analyse der Netzqualität oder die Ermittlung von last- und zeitabhängigen Verbrauchswerten möglich. In der Anfangszeit haben wir ja lediglich den Verbrauch in Kilowattstunden gemessen und digitalisiert.
Durch die Leistungssteigerung der Zähler konnten wir dann aber immer mehr Messwerte digitalisieren und Funktionen hinzufügen, wie die Wirk- und Blindwerte und den Lastgang. Wir haben Steuerungselemente integriert und Schnittstellen entwickelt für die Fernauslesung. Und wir haben ein Kommunikationsmodul entwickelt und integriert, so dass die Zähler dann auch kommunizieren konnten.
Obwohl die Zähler heute mehr leisten, verbrauchen sie immer weniger Energie und haben dadurch einen immer kleineren CO2-Fußabdruck. Da die Komponenten zudem immer kleiner wurden, konnten wir die Zähler auch immer kompakter bauen. Modelle für einen engen Bauraum waren dadurch möglich, wie etwa Hutschienenzähler oder E-Mobility-Zähler. Und ganz wichtig: Zähler sind heute genormt und damit sicherer und zukunftsfähig.
Sie haben schon früh darauf gesetzt, Tarif-Steuerelemente in den Elektrizitätszähler zu integrieren – damals war das revolutionär. Was hat Sie so sicher gemacht, dass das die Entwicklung für die Zukunft ist?
Mein Ziel war es stets, Systeme und Prozesse so einfach wie möglich zu gestalten. Es lag für mich auf der Hand, dass es für unsere Kunden wirtschaftlicher ist, nur ein Gerät zu installieren und zu verwalten. Zwei Geräte verursachten auch häufig Platzprobleme. Da die Zähler zunehmend über Modems fernausgelesen wurden, war die Konfiguration der Steuerelemente aus der Ferne möglich. Das alles hat mich davon überzeugt, dass die Idee aufgehen muss.
Auf Ihr Konto und das von EMH Metering geht auch der erste Zähler, der erstmals in der Lage war, neben der Wirkenergie auch die Blind- und Scheinenergie sowie die Spannungen und Ströme im Netz zu ermitteln. Was hat dieser sogenannte Vier-Quadrantenzähler im Zählerwesen verändert, warum war das so wichtig?
Auch hier ging es um Effizienz und Mehrwerte. Als Energieversorger musste man in der analogen Messwelt zwei Zähler installieren – einen für die Wirk- und einen für die Blindenergie. Mit dem Vier-Quadrantenzähler war beides in einem Gerät möglich. Das ist nicht nur kosteneffizient, es ist auch platzsparend.
Die Kenntnis zusätzlicher Messgrößen bietet den Energieversorgern zusätzlich die Möglichkeit, Störungen zu erkennen und damit auch Reklamationen besser bewerten zu können. Stellen Sie sich vor, ein Industrieunternehmen beschwert sich bei seinem Netzbetreiber darüber, dass seine Produktionsanlagen zum Beispiel wegen Unterspannungen ausfallen. Wenn der Verteilnetzbetreiber dann am Netzanschlusspunkt mit dem ohnehin vorhandenen Zähler feststellen kann, ob die von ihm gelieferte Spannung das vertragliche Spannungsband einhält, ist die Reklamation schnell gelöst. Auch die Messgenauigkeit ließ sich mit den digitalen Vier-Quadrantenzählern erhöhen. Heute ist das Standard und wir setzen dies in unseren Hochpräzisionszählern für hohe Spannungsebenen um. Auch die Fernauslesbarkeit hat sich mit der Entwicklung dieser Zähler weiter etabliert und stabilisiert.
Solche Spezialanwendungen für die Industrie sind ja letztlich immer auch ein erster Test für neue Features im Massenmarkt. Mit den digitalen Spezialzählern haben wir die Grundlage gelegt für die heutigen intelligenten Messsysteme. Und wir haben Überzeugungsarbeit geleistet: Denn die Skepsis gegenüber der Qualität elektronischer Zähler war damals teilweise noch groß. Mit den Industriezählern konnten wir nachweisen, dass elektronische Zähler zuverlässig und langlebig sind.
Bei der Entwicklung des elektronischen Haushaltszählers bei EMH Metering waren Sie ebenfalls beteiligt, genauso beim ersten digitalen Elektromobilitätszähler. Wie haben diese beiden Zähler das Geschäft von EMH Metering verändert?
Mit dem eHZ haben wir uns als damaliger Hersteller von Nischenprodukten erstmals in einem Massenmarkt positioniert. Die Haushaltszähler tragen heute maßgeblich zum Umsatz bei. Und da wir sowohl Zähler als auch Smart Meter Gateways fertigen, haben wir uns zum Systemanbieter entwickelt, der beide Gerätewelten kennt und genau aufeinander abstimmen kann.
Die E-Mobility-Zähler sind ein weiterer Baustein in der Diversifizierung unseres Portfolios. Mit unternehmerischem Mut und der Gewissheit, dass die Verbrenner eines Tages Geschichte sein werden, haben wir den ersten digitalen Elektromobilitätszähler für Ladesäulen entwickelt. Inzwischen haben wir diesen Zähler den Marktanforderungen entsprechend weiterentwickelt und die Hutschienenbauweise in die Anwendung übertragen.
Eine solche Produktdiversifizierung ist entscheidend für den Erfolg von EMH Metering. Durch jedes neue Marktsegment, das wir erschließen, erweitert sich unser Blick auf die Welt der Energiemessung, -steuerung und -übertragung. Wir verstehen nicht nur den Hausanschluss, sondern auch den Ladepunkt und die Netze in der Hochspannung. Mit diesem Wissen sind wir bestens für die digitalen Energiesysteme der Zukunft vorbereitet.
Die Zertifizierung der Smart-Meter-Gateways hat ja sehr, sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Gab es mal den Moment, an dem Sie dachten, das wird nichts mehr mit der Zertifizierung und dem Rollout in Deutschland?
Ich habe immer fest an die Zertifizierbarkeit unseres Smart-Meter-Gateways und an die Mitarbeiter, die es entwickeln und gebaut haben, geglaubt. Ich gebe zu: Dieser Weg war nicht immer einfach. Inzwischen sind die Hürden aber genommen.
Mein Glaube an den Rollout wurde tatsächlich mehrfach in den letzten zwölf Jahren erschüttert. Dem Markt wurden einfach viel zu wenig Möglichkeiten gegeben, die Technik einzuführen. Mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende, dem Schutzprofil (PP) 2.0 und der Technischen Richtlinie 2.0 bessert sich das jetzt. Trotzdem: Ständig neue Anforderungen an die Geräte und Prozesse verlangsamen den Rollout. Der Ansatz, die Kommunikation von Energie- und Steuerungsdaten sicher zu machen, ist vollkommen richtig und dringend erforderlich. Wir dürfen uns aber dabei nicht zu weit von den realen Bedingungen entfernen, sondern müssen die Bedürfnisse des Marktes im Blick haben.
Wie bewerten Sie allgemein den Rollout intelligenter Messsysteme in Deutschland?
Wir brauchen mehr Platz für Innovationen und eigene Ideen. Der Rollout wird 2025 zwar Fahrt aufnehmen. Er steckt meiner Meinung nach aber noch immer in den Kinderschuhen. Ich wünsche mir, dass Probleme, die erkannt wurden, endlich beseitigt und nicht immer beklagt werden. Meine Erfahrung aus 30 Jahren Messtechnik ist: Jede Technik ist beherrschbar, wenn ich nach Lösungen suche. Aus diesem Grund habe ich auch immer eng mit den entsprechenden Gremien zusammengearbeitet. Erst haben wir Innovationen geschaffen, um sie dann regulatorisch auf sichere Füße zu stellen.
Auf den Metering Days verabschieden Sie sich von der Branche. Was war Ihr größtes Highlight in all den Jahren und warum?
Es gab natürlich viele Highlights. Besonders wichtig für mich und die EMH Metering war allerdings, als wir 2001 bei RWE mit den Spezialzählern gelistet wurden. Das war ein enorm wichtiger Schritt vom Kleingeschäft hin zu einem der größten Versorger im Land. Dafür haben wir hart gearbeitet.
Als Ingenieur bin ich stolz auf einige Produktentwicklungen. Ganz vorne ist da für mich der eHZM. Das ist meiner Meinung nach einer der besten Zähler, die wir je entwickelt haben: sehr kompakt, sparsam, zuverlässig und kostengünstig in der Bauweise. Diese Reduktion auf das Wesentliche ist tatsächlich eine technische Meisterleistung unserer Ingenieure gewesen.
Sie gehen jetzt in Rente, was würden Sie Ihrem Nachfolger mitgeben, was waren Ihre wichtigsten Erfahrungen aus ihrer beruflichen Laufbahn? Und für was haben Sie jetzt mit dem Eintritt in den Ruhestand mehr Zeit?
Ich vertraue der neuen Geschäftsleitung voll und ganz. Mit Ihrer Erfahrung und Kompetenz werden sie die Spitzenstellung der EMH Metering im Markt weiter ausbauen. Und was meine Freizeit angeht: Ich gehe zwar in Rente, werde mich aber weiter bei der EMH-Tochter EGS (EMH Grid Solution) engagieren. Ich bleibe der Messtechnik also treu.
Das Interview führte Stephanie Gust



