Das Smart-Meter-Gateway ist das Herzstück der Energiewende, betonte Ministerialdirigentin Beatrix Brodkorb bei den digitalen Metering Days. Sie leitet die Unterabteilung Netze im Bundeswirtschaftsministerium und verkündete, dass die Technische Richtlinie TR-03109-1 nun festgelegt wurde.
Im März hatte das OVG Münster noch kritisiert, dass die Anlage VII dieser Richtlinie nicht ordnungsgemäß zustande gekommen sei, weil die vorgeschriebene Anhörung des Ausschusses für Gateway-Standardisierung nicht erfolgt sei. Dieser Ausschuss existierte zu dieser Zeit allerdings noch nicht. Inzwischen ist dieser gegründet und Brodkorb lobte die gute Zusammenarbeit von Behörden, Ministerium und den Verbänden. Bei Letzteren habe man die Anzahl im Ausschuss kräftig hochgeschraubt, schließlich wolle man für mehr Transparenz sorgen und offen diskutieren.
Technische Richtlinie TR-03109-1
Auch wenn die neue Bundesregierung noch nicht steht, klar sei, dass der Zubau von Erneuerbaren weiterwachse. Hinzu kommen steigende Zahlen bei E-Autos: Die Transformation von Wärme- und Verkehrssektor wird das Energiesystem noch mehr fordern, ist sich Brodkorb sicher. Und weiter: „Für uns hat das Smart-Meter-Gateway Priorität, wir haben vieles gemacht, um die Prozesse zu beschleunigen.“ Das könne man vor allem beim OVG-Eilbeschluss sehen, bei dem man sofort nach vorne gedacht habe und für Veränderungen im Messstellenbetriebsgesetz gesorgt habe.
Peter Heuell, Geschäftsführer der EMH Metering erklärte dazu in einer Mittelung, dass mit der Technischen Richtlinie "alle rezertifizierten Gateways nun die die formale TR-Zertifizierung erhalten können. Dann kann auch die neue Markterklärung veröffentlicht werden." Der Smart-Meter-Rollout werde also auch in diesem Punkt bald alle rechtlichen Vorgaben erfüllen. Dann sei es Zeit, sich wieder auf die entscheidenden Fragen zu konzentrieren: "Die Einsatzbereiche der Smart-Meter-Gateways erweitern, den Rollout-Prozess beschleunigen und die Digitalisierung der Energiewirtschaft vorantreiben", bekräftigte Heuell
Nächster Schritt: Smart-Grid-Funktionalitäten
Nachdem nun die Technische Richtlinie definiert ist, bereite man sich in der nächsten Sitzung des Ausschusses Gateway-Standardisierung auf Smart-Grid-Funktionalitäten vor, verrät Brodkorb. Hier wird es dann um fernsteuerbare Anlagen und die Anbindung von Infrastruktur gehen.
Brodkorb machte sich zudem dafür stark, die Digitalisierung der Energiewende nicht am Kunden vorbei zu denken. „Menschen müssen Mehrwerte erkennen, sonst wird es schwierig für Unternehmen“, so ihr Appell.
Deutlich höheres Tempo
Dennis Laupichler vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gestand in der Podiumsdiskussion ein, bisher ein anstrengendes und herausforderndes Jahr in puncto Smart-Meter-Gateway und OVG-Eilbeschluss gehabt zu haben. Nun habe man aber ein Maßnahmenbündel geschnürt, zudem Klarheit, dass man stufenweise vorgeht, Bestandsschutzregeln etabliert und die Technische Richtlinie abgeschlossen, so sein Fazit.
„Klimaschutz und Digitalisierung, das wird die nächste Legislaturperiode prägen“, so Laupichlers Prognose. Im Januar warte zudem die turnusmäßige Marktanalyse, in der seine Behörde die technischen Möglichkeiten der Gateways feststellt.
Der BSI-Mann betonte auch, dass seine Behörde das Tempo stark erhöht habe: Innerhalb von sechs Monaten hätte man drei Gateway-Hersteller mit neuen Features re-zertifiziert. Es sei insgesamt ein Spannungsfeld: Zum einen müsse es einfacher und schneller sein, zum anderen müsse es sicher und einheitlich sein. „wir haben einen Prozess, wo wir sehr pragmatisch und sehr agil agieren“, so Laupichler.
Masseneinbau der Messsysteme anspruchsvoll
Fritz Wengeler, Geschäftsführer von Smartoptimo, wünscht sich im nächsten Schritt eine funktionierende Schnittstelle zwischen Smart-Meter-Gateway-Software und ERP-Systemen. Das Stadtwerke-Netzwerk hat 2019 mit dem Einbau erster Geräte begonnen, inzwischen sei die Zahl intelligenter Messsysteme vierstellig. Das habe aber auch durchaus Nerven gekostet.
Ein spannendes Thema sei Submetering, so Wengeler. Es sei daher wichtig, dass man andere Sparten einbeziehe. Erfolgsversprechend könnte auch die Kombination von Speichern und Eigenverbrauch werden, aber das Thema werde noch dauern.
Mit der Einbeziehung von E-Mobilität und weiteren Verbrauchern sind auch die Einbaufälle gestiegen. „Wir werden hier auf Probleme stoßen, die wir vorher noch gar nicht kannten“, prophezeiht Wengeler angesichts der gewachsenen Menge.
Zehn-Prozent-Hürde
Wie schwierig der Massenrollout in der Praxis ist, machte Eric Kallmeyer, Geschäftsleiter Metering bei Stromnetz Hamburg, klar. Der Hamburger Verteilnetzbetreiber ist seit 2016 als Gateway-Administrator zertifiziert. Allerdings sei vieles nicht so gelaufen, wie man es geplant hatte. So gab es Schwierigkeiten bei der Lieferung der Gateways, Corona sorgte ebenfalls für Verzögerungen und permanente neue technische Schwierigkeiten würden den Massenrollout behindern, so etwa bei der Datenanbindung, wo die Störquote bei 60 Prozent liege oder die Anbindung an die Backend-Systeme.
Ein Risiko des Scheiterns an der Zehn-Prozent Hürde sei sehr hoch, betonte Kallmeyer. Insgesamt müssen 80.000 Smart-Meter-Gateways in der Hansestadt eingesetzt werden, 8000 müssen es insgesamt bis zum Ablauf der Drei-Jahres-Frist sein. Er hoffe, "dass man hier mit Augenmaß vorgehe, da es schwer werde die zehn Prozent zu erreichen, obwohl man sich mit der Thematik frühzeitig beschäftigt habe. Als nächstes soll jetzt eine Skale-up-Phase folgen, bei der man statt der bisher geplanten 400 Montagen pro Monat auf 1000 Stück springen wolle. Dazu habe man zwei Dienstleister zur Unterstützung."
Powerline oder LTE?
Besser scheint es bei Stromnetz Berlin und der Mainova zu laufen: Die Berliner haben erst einmal nur mit Tarifanwendungsfall (TAF) 1 begonnen. TAF6 und TAF2 sind noch in Umsetzung. Bei den Wechselprozessen stelle eine vollständig automatisierte Umsetzung der Mako weiter eine große Herausforderung dar, gibt Thomas Rütting, Abteilungsleiter Metering bei Stromnetz Berlin Einblicke. Er sagt aber auch, man sei noch nicht da, „wo wir sein wollen“.
Der Berliner Stromnetzbetreiber setzt bei der Kommunikation mit dem Gateway vor allem auf LTE. Die Mainova aus Frankfurt freundet sich hingegen mit dem Gedanken von Breitband-Powerline an.
Technologie-Mix bei Mainova
Denn 20 Prozent werden nicht durch Mobilfunk erreichbar sein, erklärt Dorian Seiberth, Projektingenieur Messwesen bei Mainova ServiceDienste. In einem Testgebiet haben die Frankfurter daher Breitband-Powerline ausprobiert und nach Optimierungen 97,3 Prozent erreicht. Allerdings mache Powerline vor allem in dicht besiedelten Gebieten und weniger an den Rändern der Großstadt Sinn. „Ich sehe daher einen Technologiemix aus Mobilfunk und Powerline“, so Seiberth.
32.000 Pflichteinbaufälle mit intelligenten Messsystem müssen die Frankfurter in 18.500 von 87.000 Gebäuden umsetzen. Damit das möglichst wirtschaftlich gelingt, haben Sie ein Rollout-Planungstool entwickelt. Die modernen Messeinrichtungen werden dabei durch Dienstleister installiert. Bei den intelligenten Messsystemen übernimmt es die Mainova selbst – erste Piloten mit Dienstleistern laufen. Bis Mitte September hat man nun 900 intelligente Messsysteme verbaut: Nach aktuellem Stand sei die Planmenge von 1700 Montagen noch dieses Jahr erreichbar.
Auch bei der Mainova ist aktuell nur TAF1 in Betrieb, was den grundzuständigen Messstellenbetrieb anbetrifft. Im wettbewerblichen habe man allerdings schon TAF1, 2 und 7 sowie Wandler produktiv. Hier beläuft sich die Anzahl der intelligenten Messsysteme bundesweit im zweistelligen Bereich.
Wohnungswirtschaft: Produkte für Kunden gesucht
Arne Rajchowski, Leiter der Geschäftsstelle DigiWoh Kompetenzzentrum Digitalisierung beim Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, beklagte indes, dass die neue Smart-Meter-Infrastruktur noch zu wenig vom Kunden ausgedacht werde.
Submetering sei die Technik: „Wir aber brauchen die Auswertung der Daten. Ich brauche ein Produkt, das mir beim energetischen Gebäudebestand hilft“, so Rajchowski. Gebäudemanagement sei hier der große Anker, wo man Produkte aufsetzen könne. Noch gebe es im Netzbereich in den Gebäuden viele Probleme, die noch nicht gelöst sind. Wichtig wäre es auch, die Kunden zu fragen, damit das Problembewusstsein für deren Nöte und Sorgen geweckt werde. (sg)



