Aktueller Stand bei den Tarifanwendungsfällen (TAF)
Bislang hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) die Smart-Meter-Gateways der vier Hersteller PPC, Sagemcom Dr. Neuhaus, EMH Metering und Theben für die Tarifanwendungsfälle 1 (datensparsame Tarife), 2 (zeitvariable Tarife), 6 (Abruf von Messwerten im Bedarfsfall) und 7 (Zählerstandsgangmessung) zertifiziert.
PPC hat darüber hinaus im Herbst 2020 für die TAF 9 (Ist-Einspeisung von Erzeugungsanlagen), 10 (Abruf von Netzzustandsdaten) und 14 (Disaggregation von Daten) grünes Licht vom BSI bekommen.
Mit der neuen EnWG-Novelle sind auch verpflichtende dynamische Stromtarife geplant. Doch inwiefern können die aktuellen intelligenten Messsysteme solche über bereits bestehende Tarifanwendungsfälle (TAF) schon abbilden? Gateway-Hersteller Power Plus Communications (PPC) aus Mannheim erklärte dazu: "Mit TAF 2 und TAF 7 sind variable Tarife geräteseitig bereits seit der ersten Zertifizierung 2018 möglich. Der Zählerstand wird hier alle 15 Minuten erfasst und an den Messstellenbetreiber bzw. Lieferanten übermittelt. Dieser kann über die zentrale Tarifierung dann gewählte Tarifstufen hinterlegen. Aktuelle Strompreise können Endkunden dann über entsprechende Portale oder Apps einsehen."
Zustimmung kommt von Peter Heuell, Geschäftsführer von Gateway-Hersteller EMH Metering: "Aus meiner Sicht lassen sich die mir bekannten, aktuellen „dynamischen“ Tarife bereits heute mit den vom BSI zertifizierten Gateways abbilden.Verankert wurde die Funktion über zwei TAF des BSI: TAF 2 ermöglicht das Erfassen von Energie in unterschiedlichen Zeiträumen wie etwa in einem Hoch- und Niedertarif. TAF 7 erlaubt zudem eine Zählerstandsgangmessung – also eine Messung der Energie im 15-Minuten-Takt, so wie sie in der Energieabrechnung für Industriekunden üblich ist. Auf Basis dieser 15-Minuten-Werte ist es möglich, jeden aktuellen energiewirtschaftlichen Tarif abzubilden."
Welche Tarifanwendungsfälle greifen bei dynamischen Tarifen?
Und wie sieht es mit zusätzlichen Tarifanwendungsfällen aus? Heuell: "Mit den TAF 3, 4 und 5 wird das Abrechnen von neuartigen dynamischen Tarifen zukünftig ausgebaut. Allerdings haben wir vom Markt noch keine Nachfrage nach lastvariablen Tarifen (TAF 3) und verbrauchsvariablen Tarifen (TAF 4) erhalten. Nach ereignisvariablen Tarifen (TAF 5) sehen wir allerdings eine Nachfrage. Jedoch ist die aktuelle Technische Richtlinie (TR) noch nicht weit genug ausspezifiziert für eine interoperable Implementierung."
Den geringen Einsatz bestätigt auch PPC: Tatsächliche Angebote durch Energieversorger sind noch nicht weit verbreitet. Doch gerade diese Tarife würden die Attraktivität von intelligenten Messsystemen für Endverbraucher erheblich steigern, vor allem für flexible Lasten wie Elektroautos, Nachtspeicherheizungen oder Wärmepumpen. Die Mannheimer raten daher dazu, diese Tarife durch die Vertriebe verstärkt anzubieten. "Ein beschleunigter Rollout ist hier natürlich hilfreich, um das „Henne-Ei-Problem“ bzgl. Angebotsdarbietung und adressierbarer Kundenbasis zu entzerren."
Datenerfassung im Gateway oder im Backend?
Auf die Frage nach der Notwendigkeit neuer TAFs verweist PPC nochmals darauf, dass die technischen Voraussetzungen für dynamische Tarife mit TAF 2 und 7 bereits gegeben seien, da sich damit der Lastgang erfassen lasse. TAF 9 und 10 liefern zusätzlich aktuelle Netzzustandsdaten und damit auch etwaige Überschreitungen von Grenzwerten analog des §14a EnWG.
Sollen allerdings bei leistungsbasierten Tarifen auch lokal und aufgrund eines lokalen Ereignisses – etwa, wenn die Grenzwertlast in kW überschritten wird – kWh-Werte in unterschiedliche Register geschrieben werden, so seien zusätzlich Ausprägungen analog TAF 3 und 4 notwendig. Alternativ könne die Tarifierung jedoch auch im Backend mit Lastgängen umgesetzt werden, unterstreicht PPC.
Hersteller Sagemcom Dr. Neuhaus äußert sich der ZfK gegenüber, die dynamischen Tarife hätten wohl zunächst im Backend verortet werden sollen; nun stehe eher die Verortung im Smart-Meter-Gateway direkt an. "Nach meinem Verständnis sind TAF 3 (lastvariabel) und TAF4 (verbrauchsvariabel) hier maßgebend", sagt Holger Graetz, Direktor Sales & Marketing. Derzeit arbeite man an der eigenen Siconia-Serie für die nächste Rezertifizierung zur Mitte des Jahres. Und weiter: "Per se begrüßen wir Feature-Weiterentwicklungen wie beispielsweise dynamische Tarife, die zu mehr Kundennutzen und Netzstabilität führen.“
Das steht als Nächstes an
PPC bewertet die Aufmerksamkeit im EnWG, was die dynamischen Tarife betrifft, ebenfalls positiv: "Das Smart Meter Gateway ermöglicht den Übergang von starren zu dynamischen Tarifen, um durch kostenorientierte Tarife flexibles Kundenverhalten effektiv anzureizen. So können Endkunden aktiv zur gerechten Kostenverteilung in der Energiewende beitragen. Mitmachen soll sich lohnen", bekräftigt PPC-Chef Ingo Schönberg.
Der bislang einzige rezertifizierte Gateway-Hersteller konzentriert sich derzeit laut eigenen Angaben bei der Weiterentwicklung seines Gateways an der BMWi-Roadmap. "Unser Fokus liegt auf dem weiteren Ausbau unseres CLS-Portfolios und spezieller Features, um Angebote wie Submetering und Elektromobilität voranzutreiben", so PPC. Auch mit der Umsetzung der Sollwertübergaben entsprechend des hoffentlich bald verabschiedeten §14a EnWG beschäftige man sich aktuell.
EMH Metering: Trend geht über den Pflichteinbau hinaus
EMH Metering wartet wie Sagemcom Dr. Neuhaus ebenfalls auf die Zertifizierung ihres Gateways für TAF 9, 10 und 14. Heuell: "Das BSI hat uns signalisiert, dass es nicht mehr lange dauert. Ein weiterer Fokus ist das Thema Schalten. Wir arbeiten derzeit an Lösungen für das dynamische Laden von E-Autos. Auf diese Weise lässt sich die E-Mobility in die Energiesysteme integrieren und ein teurer Netzausbau kann vermieden werden. Auch die kontinuierliche Verbesserung unseres Gateways CASA, wie durch die 450 MHz-Implementierung, sind ein wichtiges Thema."
Zudem hätten viele Kunden EMH Metering signalisiert, sie würden mehr iMSys ausrollen wollen, als für den Pflichteinbau gefordert. "Optionale Einbaufälle rechnen sich dann für sie, wenn mehrere Zähler kostenoptimal an ein Gateway angeschlossen werden. Auch eine solche Lösung ist in Arbeit", so Heuell. Sobald eine interoperable Spezifikation verfügbar sei, möchte man selbstverständlich auch weitere TAFs für dynamische Tarife implementieren. "Hier ist insbesondere TAF 5 in unserem Fokus. Wir begrüßen es deshalb sehr, dass last- und zeitvariable Tarife gesetzlich verankert werden sollen. Denn dynamische Tarife sind eine wichtige Stellschrauben für einen effizienteren Verbrauch von Strom und für das Angleichen von Stromverbrauch und -produktion. Das iMsys steht bereit für das Umsetzen solcher Tarife." (sg)



