Gerade hat ihr Kernstück, der Rollout intelligenter Messsysteme, Fahrt aufgenommen und klingt die Corona-Pandemie ab, da stehen Gerätehersteller und Messstellenbetreiber vor neuen, bislang nicht gekannten Herausforderungen: Knappheit sowie lange Lieferfristen bei Chips und anderen Bauteilen verzögern Herstellung und Auslieferung von Smart Meter Gateways und Messgeräten und lassen die Gerätepreise in die Höhe schnellen. Unabhängig davon warten die Marktteilnehmer auf weitere rechtliche Klarstellungen und die überfällige Markterklärung durch das BSI. Das war eines der beherrschenden Themen der Kundentage „Meetering 2022“ der MeterPan GmbH diesmal in Hamburg.
Erstmals seit mehr als zwei Jahren hatte man sich wieder physisch getroffen und persönlich untereinander und mit den Experten ausgetauscht.
Herausfordernde Logistik
Michael Keller, Key Account Manager bei der Sagemcom Dr. Neuhaus GmbH, beschrieb die Auswirkungen dysfunktionaler globaler Lieferketten in vielen Bereichen: Bei elektronischen Komponenten hätten sich die Lieferzeiten teilweise deutlich auf über ein Jahr verlängert. Knappheitsbedingt seien die Rohstoffpreise gestiegen, am stärksten bei Kunststoffen und Kunststoffbauteilen, aber auch bei Kupfer. Und im Bereich der Halbleitertechnologien wären in den letzten zwei Jahren kräftige Preisanstiege zu beobachten gewesen.
Corona-bedingt kämen massive Herausforderungen in der weltweiten Logistik hinzu. Ungeachtet dieser Entwicklungen habe Sagemcom weiterhin das Ziel fest im Blick „die den Umständen entsprechend bestmögliche Produktions- und Lieferfähigkeit zu gewährleisten“, so Keller. Er empfahl, bislang nicht abgerufene Forecast-Mengen bereits jetzt zu bestellen, um den langen Lieferzeiten entgegenzuwirken. Weiterhin positiv sieht er Produkte der RLM-Zählerfernauslesung mittels LTE: hier könnten in diesem Jahr weiterhin recht zuverlässig relevante Gerätemengen der ZDUE-Modemserie bei bislang gleichbleibendem Preisniveau ausgeliefert werden.
Rechtliche Unsicherheiten
Vor diesem Hintergrund war besonders spannend, wie Jan-Hendrik vom Wege von der Kanzlei Becker Büttner Held die aktuellen rechtlichen Baustellen analysieren würde. Die ursprünglich für Januar 2022 in Aussicht gestellte neue Marktverfügbarkeitserklärung lässt bekanntlich weiter auf sich warten. Es gebe keine verbindlichen Äußerungen des BSI, der BNetzA oder des BMWK zum weiteren Vorgehen oder Zeitplan, was große Unsicherheit im Markt erzeuge – zumal die Drei-Jahres-Frist weiterläuft und Lieferengpässe das Erreichen der 10-Prozent-Rollout-Quote bis Februar 2023 gefährden. Sinnvoll wäre, wenn das BSI durch eine neue Markterklärung für alle Marktteilnehmer einen neuen Fristenlauf in Gang setzt.
Rollout hinter ursprünglichem Zeitplan
Mit vielen interessanten neuen Informationen wartete Carsten Tessmer auf, Senior Manager bei EY, der u.a. einige vorläufige Auswertungen vorstellte, die in das finale Barometer zur Digitalisierung der Energiewende (Veröffentlichung Ende Juni geplant) einfließen sollen: Die Ziele des 2016 in Kraft getretenen Messstellenbetriebsgesetzes für intelligente Messsysteme seien noch nicht erreicht worden. Erst 63 Prozent der Unternehmen seien mit dem Rollout gestartet. Insbesondere kleine Unternehmen hinkten noch hinterher, und es bestehe die Gefahr „weißer Flecken“.
Durch die Nutzung von Kooperationsnetzwerken – wie MeterPan – können auch kleinere Unternehmen von den Erfahrungen vieler aus der Branche profitieren. Die Bewertung gegenwärtiger Mehrwertservices falle sehr konservativ aus, doch ließen sich in der Praxis erste belastbare Lösungen erkennen. Die beschleunigte Energiewende werde zu einer starken Veränderung der ursprünglichen Annahmen führen und der Rollout von iMSys perspektivisch den Rollout moderner Messeinrichtungen übersteigen. Durch die Verfügbarkeit von intelligenter Messinfrastruktur werde auch das Serviceangebot wachsen. Carsten Tessmer appellierte am Ende an die grundzuständigen Messstellenbetreiber (gMSB), ihre Rolle im Zuge der Digitalisierung zu festigen. Als potenzieller Infrastruktur-Dienstleister steht der gMSB bei Energiemarktteilnehmern hoch im Kurs. Ebenso müssten sich gMSB konsequenter mit ihren Kostenstrukturen auseinandersetzen: „Nur wer seine Kostentreiber kennt, versteht und optimieren will, kann über die Wirtschaftlichkeit klagen.“
Vertriebe in turbulenten Zeiten
Tobias Frevel von der Energieforen Leipzig GmbH teilte in Hamburg taufrisch erste Ergebnisse einer Studie unter Energievertrieben zu Status Quo und Energiepreisentwicklung. Durch Insolvenzen und Kündigungen anderer Energieversorger hätten fast die Hälfte aller Stromgrundversorger im letzten halben Jahr mindestens 2,5 Prozent neue Kunden aufgenommen, 15 Prozent sogar mehr als 5,0 Prozent. Bei fast 13 Prozent der Grundversorger sei der Arbeitspreis um mehr als 100 Prozent gestiegen, 75 Prozent hätten eine Steigerung des Arbeitspreises von über 10 Prozent vermeldet.
Über die Hälfte der EVU schätzten die Wahrscheinlichkeit für Zahlungsschwierigkeiten ihrer Kunden im kommenden halben Jahr für hoch bis sehr hoch ein. Knapp 85 Prozent der befragten Grundversorger stuften die Wahrscheinlichkeit von Insolvenzen weiterer Energieversorger im nächsten halben Jahr als hoch bzw. sehr hoch ein. Ein Großteil aller befragten EVU betreibe aktuell keine Neukundenakquise. Der Anteil der kleinen und mittelgroßen EVU sei dabei deutlich größer als der großen EVU. Dass Kunden zukünftig auf den Faktor Versorgungssicherheit beim EVU achten, halten 71 Prozent der Nicht-Grundversorger und 43 Prozent der Grundversorger für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich.
Mit MaaS wird alles einfach
Dass Versorger, die sich beim Rollout intelligenter Messsysteme MeterPan anvertraut haben, auf das richtige Pferd setzen, illustrierte Georg Baumgardt in seiner Vorstellung der Metering as a Service (MaaS)-Plattform. „Wir bauen eine Plattform, die sämtliche regulierten und nicht regulierten Metering-Anwendungsfälle so einfach wie möglich zugänglich macht und unseren Kunden jederzeit Zugang zu ihren Daten und Prozessen gewährt“, sagte Baumgardt. Bei der weiteren Ausgestaltung der Plattform orientiere sich MeterPan am Stufenmodell zur Weiterentwicklung der Standards für die Digitalisierung der Energiewende von BSI und heutigem BMWK. In einer Live-Demonstration mehrerer praktischer Anwendungsfälle wurde deutlich, wie MaaS aussieht, dass die Plattform sich einfach bedienen lässt und heute schon einiges kann.
MeterPan-Chef Steffen Heudtlaß resümierend: „So herausfordernd der Rollout intelligenter Messsysteme und die Energiewende auch sein mögen – ich bin begeistert, mit wie viel Know-how und Expertise wir das Thema Digitalisierung und Dekarbonisierung angehen. Ich fände es merkwürdig, wenn wir in Deutschland das nicht schaffen würden. Der Hemmschuh beim Smart Metering war bisher der klemmende Euro, weil wir gesagt haben, es muss sofort ein Geschäft sein. Heute ist klar: der iMSys-Rollout ist eine Investition in das Smart-Grid-System, die uns alle fordert und die gesamte Volkswirtschaft belastet. Aber wir können es richtig gut machen und sehr wahrscheinlich besser als andere Länder in Europa.“ (sg)



