Reges Treiben in der Steinstraße im mittelalterlichen Stadtkern Mühlhausens. Hier hat vor kurzem der "Frei.Handel"-Laden eröffnet, der regionalen Jungunternehmern und Kreativschaffenden die Möglichkeit bietet, sich zu präsentieren – kostenfrei und in bester Lage. Den Platz teilen sie sich mit Mühlhausens erster offizieller Tauschecke, in der Haushaltsgegenstände, Bücher, Spielzeug und vieles mehr auf neue Besitzer warten. "Das Angebot wurde von der Stadtgesellschaft sehr positiv aufgenommen", freut sich Kay Freytag, Mühlhausens Fachdienstleiter Smart City. "Und für uns ist der Laden eine weitere Chance, zukunftsgerichtete Themen wie Nachhaltigkeit und Smart City zum Anfassen in die Öffentlichkeit zu bringen."
Der Test- und Tauschladen ist einer von vielen, kleinen und großen Bausteinen einer umfassenden Smart-City-Strategie, die Mühlhausen seit 2021 ausarbeitet und zugleich Stück für Stück umsetzt. Als eine von deutschlandweit 73 Städten und Kommunen wurde die thüringische Reichsstadt mit rund 37.000 Einwohnern vom Bund als Modellprojekt ausgewählt und gefördert. Mit im Boot sitzt mit der Leipziger Tilia GmbH ein ausgewiesener Smart-City-Spezialist, der die Stadt bei der Konzepterarbeitung und Antragsstellung unterstützte. Ein Jahr dauerte alleine die Strategiephase, in der Mühlhausens Grundvision einer smarten Stadt in Strategiesitzungen, Workshops und unter reger Beteiligung der Bürgerschaft und lokaler Firmen und Initiativen in umsetzbare Maßnahmen gegossen wurde.
Unterschiedlich geprägte Stadtgebiete
Unter dem Motto "Gemeinschaft stärken – Freiheit gewinnen" nahm die Projektgruppe Dezember 2021 die Arbeit auf. Drei Handlungsfelder – Nachhaltigkeit, smarte Stadt und Mobilität – wurden ebenso identifiziert wie drei Modellquartiere, die die vielseitigen Herausforderungen der Stadtgesellschaft möglichst breitflächig widerspiegeln sollten. Zum einen die historische Altstadt im Zentrum mit ihrem Reichtum an historischer Gebäudesubstanz und der Einkaufsinnenstadt; dazu die Martini-Vorstadt, ein innenstadtnahes, dichtbesiedeltes Wohnquartier mit sozialen Herausforderungen und hohem Entwicklungspotenzial; und zuletzt Bollstedt, ein eingemeindetes Dorf drei Kilometer östlich von Mühlhausen.
"Die Auswahl drei so unterschiedlich geprägter Stadtgebiete zeigt, wie variabel die Lösungsansätze sein müssen", erläutert Simone Mindermann, Projektleiterin der Tilia. "Wie beleben wir unsere Innenstädte? Wie kommt man zuverlässig vom Dorf in die Stadt? Wie erreicht man soziale Inklusion? In unseren Modellquartieren können vielfältige Lösungen erprobt und dabei ein direkter Mehrwert für die Bewohner geschaffen werden."
Frühe Bürgerbeteiligung ist der Schlüssel zum Erfolg
"Damit ‘Smart City’ nicht ein Konzept für die Schublade wird, ist es wichtig, schon zu Beginn der Strategiephase mit einigen Leuchtturmprojekten zu starten", erklärt Simone Mindermann. Allen vorweg kristallisierte sich die Eröffnung der Stadt-Werkstadt im Sommer 2023 – ein zentraler Anlaufpunkt, Austauschort und Projektraum der Smart-City-Initiative – als Herzstück dieser Strategie heraus. "Eine frühe Bürgerbeteiligung ist bei Themen wie Smart City unerlässlich", weiß Simone Mindermann. "Das fängt damit an, dass viele Menschen mit der Begrifflichkeit erst mal nichts anfangen können. Andere denken, dass hier und da ein paar Sensoren an Parkplätzen aufgestellt werden oder sie schon wieder eine neue Handy-App brauchen. Durch einen zentralen Anlaufort kann Mühlhausen von vornherein niederschwellig informieren, Bedenken ausräumen und Ängste nehmen."
Denn Smart City bedeute nicht, dass zwangsläufig alles digitaler werde. "Es geht um die Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen, und wie wir Themen wie beispielsweise der Klimaerwärmung als Stadt wirksam begegnen wollen", erläutert Anja Grabe, Projektkoordinatorin Smart City. "Eine Smart-City-Strategie ist Teil einer ganzheitlichen Stadtentwicklung, unterstützt und unterbaut diese – natürlich auch mit digitalen Mitteln."
Smarte Maßnahmen: Mühlhausen-Cube, Digital-Lotsen, Mobilitätsinseln
Ein Projekt, das frühzeitig angestoßen wurde, war der Aufbau einer urbanen Datenplattform – der "Mühlhausen-Cube". Ein Server, direkt im Rathaus, sammelt seit April 2023 relevante Daten, die in der Stadtverwaltung und städtischen Betrieben anfallen. "So wird ‘Big Data’ in ‘Smart Data’ umgewandelt", meint Anja Grube. "Durch Frequenzmessung von Passanten in Haupteinkaufsstraßen erlangen wir Daten, die etwa in die Planung von Aktionstagen in der Innenstadt mit einfließen und der Stadt helfen, datenbasierte Entscheidungen zu treffen." Und auch die Bürger profitieren: Das frei zugängliche "Bürgerdashboard" gibt rund um die Uhr Live-Auskunft über freie Parkplätze in der Innenstadt, Besucherauslastung in Freibad und Thüringen-Therme, informiert zudem über aktuelle Veranstaltungen und mehr. Wer möchte, kann also auch die Freizeitgestaltung individuell an die Datenlage anpassen – das ist "Smart City in a nutshell".
Eine weitere frühe Maßnahme war der Einsatz von Digital-Lotsen, die Menschen direkt in den Quartieren Kompetenzen für digitale Themen vermitteln sollten. Workshop-Reihen in Bollstedt, der Martini-Vorstadt und Innenstadt stellten sich gleich auf mehreren Ebenen als Erfolg heraus. Die interessierten Bürgerinnen und Bürger lernten nicht nur, wie man etwa ein Smartphone besser bedient oder mit dem Enkel in Neuseeland telefoniert, sondern entwickelten gleichzeitig, durch ruhiges und empathisches Heranführen, mehr Verständnis für das Bedürfnis von Digitalisierungsmaßnahmen – für den Erfolg einer Smart-City-Initiative ein großer Gewinn.
Auch im Nachhaltigkeits-Bereich geht es in Mühlhausen voran. In Bollstedt laufen Planungen für Retentionsmaßnahmen, die den Grundwasserspiegel schonen und das Dorf somit fit für längere Dürreperioden machen sollen. In der Martini-Vorstadt wird ein Quartiersgarten ausgearbeitet, ein Treffpunkt zum gemeinsamen Gärtnern und ins Gespräch kommen – eine grüne, smarte Oase im sonst so stark versiegelten, stadtnahen Quartier. Lärm von der stark frequentierten Bundesstraße, die das Wohnquartier von der Innenstadt trennt, soll durch Lärmschutzwände mit aktiven Moosfiltern gebannt werden.
Für bessere Mobilität in der Altstadt, in der seit dem Rückbau der Straßenbahn in den 60er-Jahren eine Lücke in der ÖPNV-Abdeckung klafft, sollen bald Mobilitätsinseln mit Lade- und Leihstationen von E-Roller bis Lastenrad sorgen. Ein Digitaler Zwilling der Martini-Vorstadt – also eine digitale Kopie der Stadtinfrastruktur, mithilfe derer stadtplanerische Entscheidungsprozesse verbessert werden können – wurde erstellt und soll perspektivisch aufs ganze Stadtgebiet ausgeweitet werden.
Energetische Quartierskonzepte treiben Wärmewende voran
Um Übersicht und Umsetzbarkeit zu gewährleisten, wurde das Themenfeld Energie im ersten Schritt in Mühlhausen gänzlich ausgespart. "Erklärtes Ziel ist ein klimaneutrales Mühlhausen bis zum Jahr 2035. So konnten wir nach Erstellen der Smart-City-Strategie und ersten Umsetzungen dank einer Förderung der KFW-Bank unsere Quartiere energetisch weiterentwickeln", freut sich Simone Mindermann. "Für unsere drei Modellquartiere Bollstedt, Südwestliche Altstadt und Martini-Vorstadt haben wir im Auftrag der Stadt und gemeinsam mit den Stadtwerken, der Wohnungswirtschaft und wesentlichen Akteuren und Bewohnern zukunftsweisende energetische Quartierskonzepte erstellt. Diese benennen Ziele und Umsetzungsstrategien für ein energieeffizientes Mühlhausen. Die Erfahrungen aus der Smart-City-Initiative in Mühlhausen wurden systematisch auf die energetischen Quartiere übertragen, um eine ganzheitliche und nachhaltige Stadtentwicklung zu gewährleisten."
"Es zeigt sich, dass smarte Kommunen besser mit Krisen umgehen und proaktiv eine nachhaltige Zukunft gestalten können", so Mindermann weiter. "Für Mühlhausen als Kommune stellt das einen klaren Wettbewerbsvorteil dar, wenn es um Einwohner, Arbeitskräfte und als Standort für Unternehmen sowie um die Vergabe weiterer Fördermittel geht."
Förderungen für Smart-City-Modellkommunen bietet der Bund mittlerweile nicht mehr an. Für Simone Mindermann kein Grund, nicht trotzdem mit der Ausarbeitung entsprechender Maßnahmen zu beginnen. "Mühlhausen zeigt: Nicht nur Hamburg und Leipzig, auch kleine Städte können Smart City! Auch mit wenig Mitteln lassen sich Mehrwerte für die Bewohner erzeugen. Eines unserer Ziele ist es, Kommunen dahingehend zu sensibilisieren und so die Angst vor dem Anfangen zu nehmen."
Dabei helfen mittlerweile auch Smart-City-Netzwerke, die europa- und deutschlandweit den Austausch von Kommunen untereinander fördern sollen. Auch Mühlhausen beteiligt sich dort regelmäßig. "Bundeskongresse, Regionalkonferenzen der Koordinierungs- und Transferstelle Modellprojekte Smart Cities/DLS Projektträger oder Treffen auf Landesebene, sowie natürlich im Digitalen: Heute muss sich nicht jede Kommune alleine auf den Weg machen", sagt Simone Mindermann und fügt hinzu: "Entscheidend für Städte gleich welcher Größe ist es, den ersten Schritt zu machen, um die eigene Resilienz langfristig für neue Herausforderungen zu stärken." (sg)



