Auf der ersten Bitkom Energy Conference in Berlin haben mehr als 250 Entscheider aus Energie- und Digitalwirtschaft, Politik und Wissenschaft über das Energiesystem der Zukunft diskutiert.
Unter dem Motto "Daseinsvorsorge goes digital" stellte Lisa Frieg, Leiterin Neue Geschäfte bei den SWM, das neue digitale Vorhaben der Münchner vor. Erst vor ein paar Tagen hatte der Kommunalversorger verkündet, ein Lora-Funknetz in der bayerischen Landeshauptstadt neben dem Glasfasernetz zu etablieren. Das Funknetz wollen die Münchner nicht nur für eigene Internet-of-Things-Anwendungen nutzen, sondern auch Unternehmen zur Verfügung stellen.
Allübergreifende, sichere Plattform
Die Pläne gehen jedoch weitaus weiter, Ziel sei es, digitaler Vorreiter zu werden. Dazu planen die Münchner eine zentrale Online-Plattform zu entwicklen, auf der sie die beliebtesten Dienstleistungen der Stadt digitalisieren wollen. Auch eine Multispartenauslesung per Smart Meter soll es geben.
Zum Anfang der Plattform sollen zu den Online einlösbaren ÖPNV-Tickets auch Parkscheine hinzukommen. Ein Vorteil dieses digitalen Marktplatzes sei, dass man nur noch einmal seine Daten für alle Dienste hinterlegen müsse – quasi ein digitaler Generalschlüssel. Ziehen Bürger beispielsweise um, sei nur noch eine Änderung nötig, statt dies für jeden Service der Stadtwerke und ihren Töchtern einzeln erledigen zu müssen, verdeutlicht Frieg.
Gleiche Bedingungen für private und kommunale Unternehmen
Damit würden sich alle wichtigen Informationen auf einer einzigen Plattform befinden. Die Daten selbst seien sicher. "Datenschutz wird von grundlegender Bedeutung sein für die Energiewende", verdeutlicht Frieg. "Wir lehnen es allerdings ab, die Daten einfach so herzugeben", verdeutlichte sie. Das Kommunalrecht müsse Kommunen die Chance geben, damit Geschäftsmodelle entwickeln zu können. Denn nicht nur private, sondern auch kommunale Unternehmen hätten legitime Geschäftsinteressen", bekräftigt Frieg. "Für beide müssen gleiche Bedingungen gelten." Eine Position, die auch der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) vertritt.
Zuvor hatte Andreas Schlesier; zuständig für die Themen Netznutzungskonzepte der SWM-Netzttochter, darauf hingewiesen, dass sich die Investitionen in Intelligenz im Bereich Stromnetze nicht rentieren, weil die Kapitalkosten und damit der Netzausbau mit Kupfer, bei der Anreizregulierung bevorzugt werde.
Homann: Intelligenz muss sich lohnen
Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur (BNetzA) griff dies in seiner anschließenden Rede auf. Er stimme mit den Netzbetreibern überein, dass sich Intelligenz lohnen müsse. Aber als es seinerzeit um die Anreizregulierung ging, hätten jene für die Kapex-Kosten gestimmt. Jetzt zu wollen, dass die Opex-Kosten begünstigt würden und danach womöglich wieder die Kapex-Kosten, und sich so sich die Summen hochschaukeln, dieses Spiel werde seine Behörde nicht mitspielen, monierte er. Ob Kupfer oder Intelligenz, das müsse neutral sein. Homann bewertete jedoch die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle positiv. Gleichzeitig sollten diese neuen Lösungen und Services wirtschaftlich erfolgreich sein, auch ohne zusätzliche Begünstigung.
Schlesier von der SWM Infrastruktur begrüßte Homanns Bekenntnis zur Technologie-Offenheit. Und ja, es stimme, damals habe man sich für Kapex ausgesprochen. Allerdings, so sein Einwand, die Opex-Kosten standen damals nicht zur Debatte. Das Problem bleibe, dass Flexibilitäten nicht ausreichend vergütet würden und es keinen Anreiz gebe, in intelligente Netze zu investieren.
E-Mobilität als Daseinsvorsorge
Der Münchner Netzbetreiber erwartet einen stärkeren Ansturm auf die Elektromobilität und auch mehr Sektorenkopplung. Bei der E-Mobilität brauche man jedoch andere Rahmenbedingungen. Nämlich solche die es den Verteilnetzbetreibern erlauben, Flexibilitäten im Netz zu steuern, um so teuren Netzausbau zu verhindern.
"Wir sehen E-Mobilität als Daseinsvorsorge", verdeutlicht Frieg. 80 Prozent des Münchner Verkehrs sei ohnehin schon elektrisch mit Bahn und Tram. Die Busflotte der Münchner wird gerade Schritt für Schritt elektrifiziert; ebenso die Ladeinfrastruktur.
Hanse Windkraft läuft
Ein Problem sei jedoch, dass 80 Prozent der Menschen in Mehrfamilienhäusern leben und damit keinen Zugang zu einer eigenen Ladesäule haben, da dies den Vermietern oftmals zu teuer sei. Die SWM bieten daher für private Ladestationen eine Mietlösung.
Erfreuliches konnte Frieg auch zu neuen SWM-Tochter Hanse Windkraft berichten, die ältere Anlagen kauft, um sie nach Auslaufen der Förderung weiter zu betreiben oder zu repowern. Es gebe hier sehr viele interessierte Verkäufer.
Konstruktive Zusammenarbeit gewünscht
Jochen Homann mahnte eine überlegte Digitalisierung an. Stromlieferanten als Intermediär etwa hätten eine wichtige und verantwortungsvolle Rolle. Man solle bitte bedenken, dass man die Aufgabe der Bilanzkreisverantwortlichen nicht einfach einsparen könne, indem man eine Plattform starte.
Warme Worte für die Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber gab es vom Bundestagsmitglied Florian Post, SPD. Dem Verteilnetz müsse eine entscheidende Rolle bei der Energiewende zukommen. Allerdings bemängelte er auch die für die Verteilnetzbetreiber in seinen Augen schädliche Debatte, wem die Daten gehören. "Es soll nicht darum gehen, jemanden etwas wegzunehmen, sondern darum, dass jeder die Daten bekommt, die er braucht". Die Argumentation "Daten weg, Geschäftsmodell weg", der Verteilnetzbetreiber könne er nicht nachvollziehen, da 97 Prozent der Erneurbare-Energien-Anlagen ins Verteilnetz speisen würden.
Zuletzt appellierte Post an alle: "Ich wünsche mir, dass wir das, was geschafft wurde, nicht ständig kaputt reden – oder sagen, es geht nicht schnell genug." Er appeliere auch an die Opposition. Vielmehr sollten alle konstruktiv und zielführend zusammenarbeiten und jetzt schnellstmöglich die Ziele aus dem Koalitionsvertrag umsetzen. (sg)



