Ein klassisches Problem: Während der Vertrieb komplexe Produkte anbietet, bleibt die Abrechnung in vielen Häusern auf klassische Logiken beschränkt.

Ein klassisches Problem: Während der Vertrieb komplexe Produkte anbietet, bleibt die Abrechnung in vielen Häusern auf klassische Logiken beschränkt.

Bild: © Nuthawut/AdobeStock

Direktvermarktung, Spotpreis-Modelle und hybride Lieferverträge sind im Markt angekommen. Die Vermarktung erfolgt zunehmend über zeitvariable Modelle und marktorientierte Preismechanismen. Getrieben wird das vor allem durch Photovoltaik und Wind an Land. Nach Daten der Übertragungsnetzbetreiber steigt die direktvermarktete Leistung in einzelnen Monaten um mehr als ein Gigawatt.

Was viele Versorger unterschätzen: Mit der Produktlogik verändert sich auch die Abrechnung. Eine Branchenumfrage von Kreutzer Consulting und Solarize zeigt die Folgen. Jede fünfte B2B-Rechnung muss manuell nachbearbeitet werden.

Neue Geschäftsmodelle verschieben die Organisation

Mit der Direktvermarktung verändert sich die interne Rollenverteilung. Aufgaben wandern vom Vertrieb in den Handel. Dort liegt die Kompetenz für Preisrisiken und Marktmechanismen. Gleichzeitig fehlen häufig Prozesse für Marktkommunikation und Abrechnung.

"Die Handelsabteilungen sind auf Portfolios und Verträge ausgelegt, aber nicht auf die operative Abwicklung mit Marktlokationen, Messdaten und Prozessen", konkretisiert Lars Ehrler von Aktif Technology.

Damit entsteht früh ein struktureller Bruch. Neue Produkte werden im Handel entwickelt, die operative Umsetzung bleibt jedoch in Strukturen, die für das klassische Liefergeschäft aufgebaut wurden. Die Lücke zwischen Handel, Vertrieb und Abrechnung prägt viele der späteren Probleme.

Vertrieb kann liefern – das Backoffice oft nicht

Während der Vertrieb komplexe Produkte anbietet, bleibt die Abrechnung in vielen Häusern auf klassische Logiken beschränkt.

"Moderne Produkte basieren auf Zeitreihen, Börsenpreisen und mehrstufigen Berechnungen", so Ehrler. "Viele Abrechnungssysteme sind darauf nicht ausgelegt." Abrechnungssysteme sind historisch für das Massengeschäft konzipiert: ein Zählerstand, ein Preis, eine Rechnung. Diese Logik stößt bei variablen Preisen und zeitabhängigen Modellen an Grenzen.

Zeitreihen passen nicht in bestehende Systeme

In anderen Abteilungen ist die Entwicklung oftmals weiter. Energiedatenmanagement, Handel und Bilanzkreismanagement arbeiten seit Jahren mit Zeitreihen. In der Abrechnung kommen diese Daten jedoch oft nur indirekt an.

Zeitreihen würden vereinfacht oder in Zählerstände überführt, damit sie in bestehende Systeme passen. "Wir sehen häufig, dass Zeitreihen zunächst so umgerechnet werden, dass sie abrechenbar werden", verdeutlicht Ehrler. "Das zeigt, dass die Systeme nicht für diese Produkte gebaut wurden." Die Daten seien vorhanden, lassen sich aber nicht durchgängig verarbeiten.

Excel wird zur operativen Krücke

Viele würden diese Lücke mit Excel schließen, so Ehrlers Erfahrung. Die Tabellen dienen der Aufbereitung von Zeitreihen, der Berechnung von Mischpreisen und der Simulation komplexer Vertragslogiken. Was als pragmatische Lösung für Einzelfälle begann, wird mit wachsender Anzahl von Anlagen und Kunden zum Risiko.

"Am Anfang waren das wenige Fälle, die man mit Excel abbilden konnte", sagt Ehrler. "Wenn daraus ein Geschäftsbereich wird, wird das schnell kritisch." Der manuelle Aufwand steigt, Prozesse werden fehleranfälliger und Wissen konzentriert sich auf einzelne Mitarbeitende. Gleichzeitig wächst der Anspruch an Transparenz gegenüber Kunden.

Komplexität liegt in den Produkten

Die Herausforderung liegt laut Ehrler nicht nur in der Datenmenge, sondern in der Struktur der Produkte. Viele Modelle kombinieren verschiedene Preismechanismen, Mengenbegrenzungen und Risikokomponenten.

Typisch sind etwa:

  • Kombinationen aus Festpreis und Börsenpreis
  • Preisgrenzen bei negativen Marktpreisen
  • Mengenabhängige Umschaltungen zwischen Preismodellen

Diese Logiken müssen berechnet und nachvollziehbar dargestellt werden. Klassische Abrechnungssysteme sind dafür oft nicht ausgelegt.

Kein Problem nur der Kleinen

Die Herausforderungen betreffen nicht nur kleinere Stadtwerke. Auch größere Unternehmen stoßen mit gewachsenen Systemlandschaften an Grenzen. "Wir sehen inzwischen auch größere Häuser, die merken, dass sie mit ihren bestehenden Systemen nicht mehr weiterkommen", sagt Ehrler.

Abrechnung wird zum Engpass

Für Versorger stellt sich die Frage, wie sich komplexe Produkte wirtschaftlich abbilden lassen. "Diese Produkte lassen sich langfristig nur automatisiert abbilden", so Ehrlers Meinung. "Sobald die Mengen wachsen, stößt man mit manuellen Lösungen an Grenzen."

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Kundenkommunikation. Bei zeitvariablen Modellen reicht eine klassische Rechnung oft nicht mehr aus. Digitale Lösungen gewinnen an Bedeutung, etwa Portale mit Zugriff auf Zeitreihen und Preisbestandteile. "Eigentlich braucht man eine Kombination aus Energiedatenmanagement und Abrechnung", sagt Ehrler.

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