Marion Schulte ist globale Leiterin Energy, Resources & Transportation bei Bearing Point.

Marion Schulte ist globale Leiterin Energy, Resources & Transportation bei Bearing Point.

Bild: © BearingPoint

Der Netzbetrieb tritt 2026 in eine neue Phase ein. Technisch, organisatorisch und regulatorisch treffen mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinander – mit spürbaren Folgen vor allem für Verteilnetzbetreiber. Marion Schulte, globale Leiterin Energy, Resources & Transportation bei Bearing Point, spricht von einem Jahr der Gleichzeitigkeit.

Gleichzeitigkeit statt Entlastung

"2026 ist für den Netzbetrieb ein Jahr der Gleichzeitigkeit", sagt Schulte. Elektrifizierung, Dezentralisierung und Volatilität veränderten die Systeme grundlegend. Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und zunehmend auch bidirektionale Ladepunkte verschieben Lastflüsse – vor allem in der Nieder- und Mittelspannung. Batteriespeicher entwickelten sich dabei zu einem zentralen Systembaustein, um Erzeugung und Verbrauch zeitlich zu entkoppeln und Netzengpässe zumindest teilweise abzufedern.

Gleichzeitig geraten die Organisationen unter Druck. Klassische, häufig noch manuelle Prozesse könnten mit dieser Dynamik kaum Schritt halten. Zudem steigen die Anforderungen an IT-Kompetenz, Datenmanagement und die Zusammenarbeit zwischen Netzbetrieb, Planung, IT und Regulierung. Hinzu kommen neue Vorgaben aus NIS 2 und der Cybersicherheit.

Regulatorisch wirke der neue Rahmen aus dem Nest-Prozess bereits vor, auch wenn er formal erst später greife. Investitionen, Kostenstrukturen und Nachweise müssten deutlich transparenter aufgestellt werden. "Für die Branche heißt es nun: Resilienz stärken und Gleichzeitigkeit beherrschbar machen", so Schulte.

Engpässe konzentrieren sich im Verteilnetz

Besonders deutlich zeigen sich die Belastungen bei den Anschlussbegehren. "Die größten Engpässe liegen aus unserer Sicht klar bei den Verteilnetzbetreibern", sagt Schulte. Physisch stoßen Ortsnetztransformatoren, Leitungen und Abgänge in der Niederspannung bereits an Grenzen. Zusätzlich steigt der Anschlussdruck durch Batteriespeicher – sowohl durch dezentrale Anlagen als auch durch projektierte Großspeicher mit hohem Koordinationsaufwand.

Noch schwerer wiegen jedoch organisatorische Defizite. Anschlussprozesse seien häufig nicht durchgängig digitalisiert, Netzdaten nicht aktuell genug, Prüfungen stark manuell geprägt. Das verlängere Bearbeitungszeiten erheblich. Fachkräftemangel und Lieferengpässe bei Betriebsmitteln verschärfen die Situation zusätzlich. Übertragungsnetzbetreiber kämpfen dagegen stärker mit Genehmigungsverfahren, Großprojekten und komplexer Koordination.

Schulte sieht deshalb einen grundlegenden Umbau der Anschlussprozesse als notwendig. "Wir erleben immer mehr, dass Digitalisierung nicht abgeschlossen sein wird", sagt Schulte.

Netztransparenz bleibt selektiv

Daten und Netztransparenz sind aus Sicht von Bearing Point der zentrale Hebel für einen effizienten Netzbetrieb. Ohne belastbare Informationen über Netzzustände bleibe nur konservativer Ausbau oder reaktives Handeln.

Eine flächendeckende Echtzeittransparenz in der Niederspannung erwartet Schulte für 2026 jedoch nicht. Stattdessen entstehen gezielt sogenannte Transparenzinseln. In besonders belasteten Netzgebieten werden Messungen, Netzmodelle und Schätzverfahren kombiniert, um Engpässe frühzeitig zu erkennen und Investitionen gezielter zu steuern. Übertragungsnetzbetreiber verfügen weiterhin über hohe Transparenz, allerdings bei deutlich gestiegener Systemkomplexität.

§ 14a: Steuerung ja, aber nicht überall

Eine aktive Steuerung nach § 14a EnWG hält Bearing Point 2026 grundsätzlich für realistisch – allerdings nicht flächendeckend. Viele Verteilnetzbetreiber werden mit hybriden Modellen arbeiten. Dort, wo intelligente Messsysteme, klare Anlagenzuordnungen und integrierte IT-Systeme vorhanden sind, funktioniere die Steuerung bereits gezielt. In anderen Netzgebieten bleibe sie eingeschränkt oder stark prozessgetrieben.

Entscheidend sei weniger die rechtliche Grundlage als die Umsetzung. "Datenverfügbarkeit, durchgängige Prozesse und eine saubere Integration von Netzführung, Messwesen und Kundenkommunikation sind die eigentlichen Erfolgsfaktoren", so Schulte. Für Übertragungsnetzbetreiber spielt §14a nur eine indirekte Rolle, da sie von lokalen Glättungseffekten profitieren, aber nicht selbst steuern.

Technologie muss messbar entlasten

Echten Mehrwert liefern 2026 vor allem Technologien, die den Betrieb messbar entlasten. Dazu zählen aus Sicht von Schulte durchgängige digitale Anschlussprozesse, Systeme zur Netzzustandsermittlung und integrierte Flexibilitätslösungen. Auch künstliche Intelligenz gewinnt an Bedeutung – etwa bei Last- und Einspeiseprognosen, der Priorisierung von Anschlussanträgen oder im Störungsmanagement.

Batteriespeicher zählen für Schulte zu den Schlüsseltechnologien der Energiewende. Sie eröffnen neue betriebliche Handlungsspielräume und können Netzausbaukosten senken – vorausgesetzt, Datenbasis und Governance stimmen. "Technologie entfaltet ihren Nutzen nur, wenn sie auf einer soliden Datenbasis und klaren Governance-Strukturen aufsetzt", sagt Schulte.

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