
Von:
Yasin Yagmur, Manager bei Wavestone Germany
Sebastian Hallmann Perez, Associate Consultant bei Wavestone Germany
Dr. Bernd Seifert, Referent Sonderaufgaben bei TransnetBW
Dr. Andreas Raab, Senior Manager bei Wavestone Germany
Die zunehmend volatile Stromeinspeisung durch den Ausbau erneuerbaren Energien führt vermehrt zu Netzengpässen. Zu den Instrumenten für die Stabilisierung des Stromnetzes zählt das Netzengpassmanagement. Dabei passen die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) gezielt die Leistung einzelner Kraftwerke an, um Lastflüsse zu optimieren und Engpässe zu vermeiden.
Abbildung 1 zeigt dabei das daraus resultierende Redispatch Volumen als auch die damit verbundenen Kosten. Besonders markant ist der sprunghafte Anstieg der Kosten ab 2021, der insbesondere auf die gestiegenen Strompreise zurückzuführen sind. Trotz der Einführung von Redispatch 2.0 im Jahr 2021 ist das Redispatch Volumina lediglich leicht angestiegen.

Aktuelles aus der Regulatorik
Die Beschlusskammer 6 der Bundesnetzagentur (BNetzA) hat am 31. August 2023 ein Festlegungsverfahren zur Weiterentwicklung des Redispatch 2.0 eingeleitet. Dadurch ergeben sich künftig neue Prozesse und Aufgaben hinsichtlich der Bilanzierung sowie der Koordination der beteiligten Akteure.
Die Notwendigkeit dieser regulatorischen Anpassungen zur Weiterentwicklung des Redispatch 2.0 ergibt sich aus mehreren Faktoren. Einerseits stehen viele Verteilnetzbetreiber (VNB) vor erheblichen Herausforderungen bei der Umsetzung der aktuellen Vorgaben, insbesondere im Bereich der Datenkommunikation und der bilanziellen Abwicklung.
Andererseits kann die Systemsicherheit ohne gezielte Anpassungen beeinträchtigt werden. Abbildung 2 stellt den möglichen Verlauf der Fortentwicklung von Redispatch 2.0 dar. Hierzu hat die Beschlusskammer 6 der Bundesnetzagentur Ende am 26. September 2024 ein umfangreiches Eckpunktepapier zur Weiterentwicklung von Redispatch 2.0 veröffentlicht. Dieses befindet sich aktuell in der Konsultation mit der Branche.

Besonders die Bilanzierung steht im Fokus der Diskussion. Im Rahmen des Redispatch 2.0 sind zwei Bilanzierungsmodelle relevant: das Planwertmodell und das Prognosemodell. Beim Planwertmodell meldet der Einsatzverantwortliche (EIV) verbindliche Erzeugungsfahrpläne ex ante an den Netzbetreiber (NB). Diese Fahrpläne dienen als Grundlage für die Bilanzierung. Im Gegensatz dazu erfolgt im Prognosemodell die Bilanzierung ex post anhand der berechneten Ausfallarbeit, ohne die vorherige Übermittlung von Fahrplänen. Die zentralen Diskussionspunkte sind wie folgt:
Das Planwertmodell als Zielmodell 2030 beinhaltet die schrittweise Verlagerung relevanter Erzeugungsanlagen bis spätestens 2030. Künftig soll der vorgelagerte Übertragungsnetzbetreiber in Abstimmung mit dem Verteinlnetzbetreiber entscheiden, welche Anlagen ins Planwertmodell überführt werden. Erste Überführungen sind ab 2026 vorgesehen, um ausreichend Vorlauf für Tests und Abstimmungen zu geben. Kleinere, weniger netzsensitive Erzeuger könnten ggf. länger im Prognosemodell verbleiben – hierzu wird noch ein Kriterienkatalog erarbeitet.
Der Kriterienkatalog für das Planwertmodell wird derzeit überarbeitet. Transparente und nachvollziehbare Kriterien sollen helfen, Unklarheiten zu vermeiden. Zudem schlagen die Übertragungsnetzbetreiber vor, statt starrer Vorgaben einen Prozess zur Bewertung der Prognosequalität einzuführen. Stellt ein VNB große Abweichungen bei einer Anlage fest, könnte dies zur Rückstufung ins Prognosemodell führen.
Häufigeres Testing, Prognosemodell-Optimierung: Eine zentrale Erkenntnis ist der erhöhte Bedarf an regelmäßigen Tests zur Optimierung der Prozesse. Die Bundesnetzagentur und Übertragungsnetzbetreiber diskutieren daher, verbindliche Testabrufe einzuführen. Bereits jetzt führen einige Verteilnetzbetreiber in Abstimmung mit dem Übertragungsnetzbetreiber produktive Redispatch-Tests durch, um Abläufe und Technik unter Realbedingungen zu erproben. Künftig könnten häufigere Standardtests die Erreichbarkeit von Anlagen und korrekte Datenflüsse sicherstellen.
Die beschriebenen Regulierungsrahmen und die daraus resultierenden Herausforderungen skizzieren klar, was von Verteilnetzbetreibern erwartet wird: Schrittweise Einführung des Planwertmodells bis 2030 für relevante Einspeiser, inklusive entsprechender Fernsteuerbarkeit dieser Anlagen.
DA/RE als zentrales Umsetzungsinstrument
Die Datenaustausch und Redispatch Plattform (DA/RE) ist die zentrale Drehscheibe zur vertikalen Abstimmung im Redispatch-Prozess. Neben der Aggregation von Planungsdaten und der Bereitstellung von Aktivierungsdokumenten unterstützt DA/RE künftig Tests, Prognoseprüfungen, Handelsaktivitäten sowie Fahrplan- und Bilanzkreismanagement der Verteilnetzbetreiber. Die in Abbildung 3 dargestellte Struktur veranschaulicht die technische und prozessuale Umsetzung dieser Funktionen anhand des strukturierten Datenflusses.
Darüber hinaus wird DA/RE stetig erweitert, um den steigenden Anforderungen aus der Regulatorik und Praxis abzudecken. Dazu gehören die Einführung automatisierter Qualitätstests, erweiterte Dashboards für Netzbetreiber sowie Funktionen zur besseren Visualisierung von Redispatch-Maßnahmen.
Wie aus dem Eckpunktepapier der Bundesnetzagentur hervorgeht, bestehen im Verteilnetz vor allem in den Bereichen Steuerungsprozesse, Datenqualität, Kommunikation sowie Tests und Anreize weiterer regulatorischer Handlungsbedarf. Ein zentraler Umsetzungsschwerpunkt bei DA/RE wird daher in der Unterstützung der NB bei den Funktionstests liegen, ebenso im Aufbau eines automatisierten Testbetriebs zur Prüfung der Prognosequalität und der Anlagensteuerung für fluktuierende sowie kleinere konventionelle Anlagen. Damit ist auch die weitere Umsetzung des Planwertmodells selbst im Fokus, um so die Verteilnetzbetreiber besser entlasten zu können.
Ein Ziel von DA/RE liegt dabei in der internen Optimierung der Redispatch-Prozesse, wofür insbesondere eine End-to-End-Betrachtung über alle Prozessschritte hinweg im Fokus steht. Durch eine solche Betrachtung können best practices geeignet abgeleitet, Branchendiskussionen geführt und deren Ergebnisse effizient umgesetzt werden. Dieser strukturierte Ansatz ermöglicht es den NB, ihre internen Abläufe gezielt zu analysieren, Abweichungen zu identifizieren und die gesamte Prozesskette vom Dateninput über den Abruf bis zur Bilanzierung zu optimieren.
Fazit & Ausblick
Die Herausforderungen für die Verteilnetzbetreiber sind vielfältig und erfordern technologische, organisatorische und prozessuale Anpassungen. Ab 2026 wird das verpflichtende Planwertmodell Realität – Verteilnetzbetreiber müssen jetzt ihre internen Systeme, Prozesse und Ressourcen darauf ausrichten. Wer frühzeitig handelt, profitiert von Planungssicherheit und kann sich strategisch positionieren. Plattformen wie DA/RE werden dabei nicht nur ein technisches Werkzeug sein, sondern die zentrale Drehscheibe für einen durchgängigen, regulatorisch konformen Prozessablauf. Beratungsansätze wie der Wavestone-Benchmark liefern wertvolle Orientierung und helfen, die End-to-End-Betrachtung zur operativen Realität werden zu lassen. So entsteht schrittweise ein effizienteres Engpassmanagement, dass die Verteilnetzbetreiber entlastet. (sg)



