Herr Bornschein, Sie sagen, Stadtwerke sollten die Treiber digitaler Städte sein, wie könnte hier die Rolle von Stadtwerken aussehen?
Christoph Bornschein, CEO und Gründer der Digitalagentur TLGG: Grundsätzlich ist allen klar, dass wir bei digitalen Zusammenleben und der digitalen Gestaltung des kommunalen Raums noch nicht besonders weit gekommen sind. Was wir gesehen haben ist, dass Smart-City-Initiativen von der politischen und kommunalen Ebene ausgegangen sind. Und dass Verwaltungen nicht der beste Ort sind, um diese zu gestalten. Denn es müssen Fragen beantwortet werden wie: Auf welche Weise arbeitet man zusammen, wie baut man eine Smart-City auf, wie heuert man Programmierer an – denn die werden für digitale Produkte unbedingt gebraucht. Die Primär-Verwaltung kann das nicht, da sie nicht frei am Markt agieren können. Das muss daher ein kommunales Unternehmen übernehmen. Bei der smarten Energieversorgung oder einem funktionierenden, digital zugänglichen ÖPNV haben sich Stadtwerke bereits mit Grundpfeilern der digitalen Daseinsvorsorge auseinandergesetzt. Sie haben gelernt, wie eine Website aussehen muss, damit ihre Kunden dort Verträge ändern oder Solaranlagen und ähnliches bestellen können. Sie kennen die Bedürfnisse von Nutzern und Nutzerinnen und können weitere adäquate Angebote aufbauen.
In Lübeck zum Beispiel haben die Stadtwerke ein LoRa-Netzwerk eingerichtet, um ihre Messpunkte fernauslesbar zu machen. Dabei sind praktisch als Nebenprodukt Smart-City-Anwendungen entstanden. Diesen Weg werden wir ganz häufig sehen: Das man aus dem, was man heute schon macht, Fähigkeiten und Fertigkeiten für ein digitales Zusammenleben ableitet und digitale Bürgerservices aufbaut.
Wie wichtig wird es sein, dass Stadtwerke die Betreiber digitaler Smart-City-Plattformen werden?
Das ist sogar, um ein Wort unserer ehemaligen Kanzlerin zu benutzen, alternativlos. Denn es wird niemand anderes kommen. Die Verwaltung ist dazu einfach strukturell nicht in der Lage und ein anderes Angebot an dieser Schnittstelle zwischen der gesetzlich gebundenen Daseinsvorsorge und kommerziellen Angeboten gibt es nicht. Es müssen die Stadtwerke sein – sonst wird es niemand machen. Diese werden im Ergebnis für Smart Cities verantwortlich sein. Nun werden aber nicht in Dortmund, Duisburg oder Münster jeweils eigene Plattformen entstehen. Wir werden eine Konsolidierung sehen, bei der sich wenige System-Häuser, die auch in Eigentümerschaft von Stadtwerken sein können, sich darauf spezialisieren, diese Plattformen umzusetzen.
Anbieter wie Google sind hier keine Gefahr?
Wir sind jetzt inzwischen bei einem Reifegrad bei der Digitalisierung angekommen, an dem wir alle verstanden haben, dass wenn wir Daten zur kommerzialisierten Nutzung an Google übertragen, es am Ende nicht um ein besseres Zusammenleben geht, sondern vor allem um das Geschäftsmodell von Google. Es gibt aber durchaus einen legalen und ethischen Weg, Google einzusetzen, nämlich wenn es um Infrastruktur geht und deren Hosting und Server genutzt werden. Irgendwo muss der Server stehen, und Google kann ein zuverlässiger Partner für die Grundlagen sein.
Sind Stadtwerke technisch schon so weit, dass sie Treiber einer Smart City sein können?
Der Zugang zu Talenten und Fähigkeiten ist dabei sicherlich das größte Problem. Das sehen wir auch in den Diskussionen, die wir heute mit Stadtwerken führen. Kein Wettbewerb beim Personal ist so intensiv wie der um digitale Talente. Stadtwerke sind also mittendrin im Krieg um Talente, genauso wie alle anderen. Konsequenz ist, dass sie sich deswegen zu attraktiven Arbeitgebern entwickeln müssen. Das ist ein Wettbewerb, den die Kommunalversorger gewinnen müssen.
Ist es besser mit Startups zu kooperieren oder klassischen Unternehmen?
Hier gibt es keinen goldenen Weg, der auf jeden Fall Erfolg verspricht, das wird jedes Stadtwerk für sich selbst herausfinden müssen. Sieht man sich die Stadtwerke München an, ist deren Antwort: Menschen aufbauen, mit Startups kooperieren, Unternehmen kaufen, Partner suchen. Hier gibt es vielfältige Möglichkeiten.
Aber ein kleines Stadtwerk kann das eher nicht?
Ich glaube nicht, dass jedes kommunale Unternehmen das Thema allein bearbeiten wird. Wir werden Kooperationen untereinander sehen, bei denen sich Stadtwerke Menschen sowie Fähigkeiten teilen und Wissen austauschen. Es wird entscheidend sein, ob die Kommunalversorger es hinbekommen, ihre Stärken zu nutzen und sich miteinander zu vernetzen. „Bildet Banden!“ bleibt ein wichtiger Schlachtruf für den digitalen Wandel. Das vorhandene Budget sollte effektiv an einer Stelle eingesetzt werden, statt in der parallelen Entwicklung individueller Plattformen zu verbrennen. Das Schlimmste ist, wenn jeder vor sich selbst hinkrautelt.
Was kann ich selbst machen und wo brauche ich Unterstützung?
Die Themen der primären Wertschöpfung müssen Stadtwerke allein hinbekommen. Also das Thema digitaler Kundenzugang, Zugang zu Stromverträgen und ähnliches. Da wird keiner kommen, der das für sie löst. Aber gerade wenn es um Smart City Plattformen geht, gibt es ganz viele mögliche Partnerschaften und Lösungen, die schon als Best Practice umgesetzt wurden. Die Frage ist also: „Wo finde ich gute Lösungen, an die ich mich anschließen kann, ohne dabei die Kontrolle und meine Entscheidungsfreiheit aus der Hand zu geben?“ Schnittstellenfähigkeit wird ebenfalls entscheidend sein. Also weg von „ich baue alles selbst“ hin zu „ich treffe bewusste Entscheidungen, was baue ich selbst und wo suche ich mir Partner“. Das wird sehr früh erforderlich werden.
Wie bewerten Sie die Digitalisierung im kommunalen Bereich?
Das ist eine schwierige Frage. Wir sind auf jeden Fall alle schon losgelaufen. In großen Kommunen und großen Städten erleben wir eine relativ weitreichende Umsetzung. Zum Beispiel digitale Fahrscheine, oder dass die Fahrt erst abgerechnet wird, nachdem ich ausgestiegen bin und ich nicht mehr vorher einen Fahrschein kaufen muss. Wir sehen hier ein relativ hohes Leistungs- und Umsetzungsniveau, vor allem in den großen Städten. Bei den kleineren wird sich die Frage stellen, wie kooperieren wir mit Größeren und lernen von ihnen, unsere Ziele umzusetzen. Es ist sinnvoll, sich an Leuchtturm-Stadtwerken zu orientieren. Lübeck zum Beispiel kooperiert mit Hannover, Freiburg, Darmstadt und Düsseldorf, weil sie verstanden haben, dass man Themen insgesamt lösen muss. Nur wenn man sich die Kosten und die Erfahrungen teilt, wird man auf diesem Gebiet super vorankommen.
Wie sieht es mit dem Ausland aus? Sind die Städte außerhalb von Deutschland im Vergleich weiter?
Da gibt es kein einheitliches Bild und auch keine einheitliche Umsetzung. Wenn man in Länder wie Finnland und Estland schaut, dann ist die Antwort deutlich ja. In Spanien auf Stadtebene ist Barcelona weiter als irgendeine Großstadt. Aber gilt das für alle Städte Spaniens? Nein! Aber auch im Ausland ist es ähnlich wie in Deutschland, wir sehen in Großstädten den größten Fortschritt und die größten Veränderungen.
Jetzt während der Pandemie wurden relativ viele Stadtwerke gehackt, vor allem ihre Büro-IT. Welche Auswirkungen hat das auf das Image, wenn Kommunalversorger Smart-City-Plattformen betreiben wollen?
Wenn das einmal passiert ist, kann ich dem Bürger schlecht erklären, warum ich an anderer Stelle die Institution bin, der er bedenkenlos seine Daten anvertrauen kann. Diese gefühlte Sicherheit ist natürlich Grundvoraussetzung für weitere Anwendungen. Das Thema IT-Sicherheit wird uns noch in vielen Diskussionen bewegen, es wird zum Wettbewerbsvorteil und es muss in aller Tiefe erfasst und verstanden werden. Auch wenn es keine absolute Sicherheit gibt, es geht immer um die relative Sicherheit. Eine Negativ-Schlagzeile wird künftig das Handeln von Konsumenten und Bürgern beeinflussen, das sehen wir jetzt schon. Wenn eine Smart-City-Plattform gehackt wird, dann fällt unter Umständen alles aus, was für das Zusammenleben wichtig ist. Wir sind leider in Deutschland noch nicht an dem Punkt der Diskussion, wo die Wichtigkeit von IT-Sicherheit und entsprechenden Fähigkeiten vollständig verstanden und akzeptiert ist.
Sie sagen auch, wir befinden uns nicht nur im Krieg mit der Ukraine, sondern auch in einem Cyberwar. Gibt es denn hier überhaupt gehäufte Anschläge auf Kritische Infrastrukturen?
Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Häufigkeit von Versuchen – ob erfolgreich oder nicht – Kritische Infrastrukturen anzugreifen, erhöhen wird. Das ist hundertprozentig sicher, da gibt es keine zwei Meinungen dazu. Je mehr wir ans Internet anschließen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich echter Schaden passieren kann. Insofern betrifft der Wettbewerb um die besten Köpfe auch den Bereich Cybersecurity. Denn es wird keine Unternehmen mehr geben, die nicht irgendwie vernetzt agieren.
Was wünschen Sie sich im Hinblick auf Smart Cities von der Politik?
Vor allem das Bewusstsein, dass die Kommune für die Gestaltung der Rahmenbedigungen einer Kommune verantwortlich ist. Wenn wir Landflucht in Deutschland beklagen, dann hat es auch damit zu tun, dass Kommunen ihrer Verantwortung, auch digitale Lebensbedingungen zu schaffen, nicht nachgekommen sind. Dieses Verständnis von der Gestaltung des digitalen Raums und unseres Zusammenlebens ist keine Kür mehr, sondern gehört zu den elementaren Pflichten bei der Gestaltung des kommunalen Lebensraums. Dazu gehört zum Beispiel: „Hat mein öffentlicher Personalverkehr eine sinnvoll strukturierte App, mit der ich weiß, wann der Bus kommt?“ Das ist kein Luxus, das sollte so selbstverständlich wie die Wasserversorgung sein. Das anzuerkennen und aktiv zu gestalten, ist eines der zentralen Themen. Bürger und Bürgerinnen leben ihr Leben längst zu einem großen Teil digital unterstützt. Keine Kommune kann sich leisten, sich als analoges Relikt aus diesem digitalen Leben herauszuhalten. Und dann kommt noch das ewig deutsche Problem dazu: Wir reden nicht über etwas was in 2030 passieren muss, sondern jetzt!
Das Interview führte Stephanie Gust
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