"Die Cloud wird kommen – aber differenziert. Office-IT kann man in eine US-Cloud legen. Leit- und Sicherungstechnik darf dort nicht liegen", sagt Thomas Kähler, Geschäftsführer von BET Solutions.

"Die Cloud wird kommen – aber differenziert. Office-IT kann man in eine US-Cloud legen. Leit- und Sicherungstechnik darf dort nicht liegen", sagt Thomas Kähler, Geschäftsführer von BET Solutions.

Bild: © Claudia Fahlbusch

Von Stephanie Gust

Mit der neu gegründeten BET Solutions erweitert die Aachener BET-Gruppe ihr Profil um eine eigene IT- und Umsetzungseinheit – mitten in einer Phase, in der Smart Metering, Steuerbarkeit und Cybersicherheit für Stadtwerke immer komplexer werden. An der Spitze steht Thomas Kähler, Elektrotechniker, Softwareexperte und seit Jahren einer der zentralen Köpfe hinter der Smart-Metering-Testplattform des BSI. Im Gespräch erklärt Kähler, warum viele Probleme im Rollout nicht an der Technik scheitern, weshalb andere Länder plötzlich auf den „deutschen Sicherheitsweg“ schauen – und warum für ihn eines feststeht: Ohne saubere Software und konsequentes Testen wird die Energiewende an Tempo verlieren.

Herr Kähler, Sie sind seit rund 30 Jahren im Digitalisierungsumfeld unterwegs. Was bringen Sie aus dieser Zeit in Ihre neue Rolle bei BET Solutions mit?

Ich habe Elektrotechnik mit Schwerpunkt technische Informatik studiert und war immer zwischen zwei Welten unterwegs: Energie und Software. Ich habe eigene Firmen gegründet, mobile Anwendungen entwickelt, Smart-TV-Konzepte mit aufgebaut und später bei P3/Umlaut große Digital-Twin- und Telematikprojekte umgesetzt – unter anderem für die Deutsche Bahn. In der Energiewirtschaft war das Sinteg-Projekt "Designetz" für mich ein Wendepunkt. Seit 2020 betreue ich außerdem die Smart-Metering-Testplattform des BSI. Diese Mischung aus Technik, Security, Architektur und Umsetzung nehme ich zu BET mit.

Warum hat BET überhaupt eine eigene IT-Tochter gegründet?

Die BET Consulting ist stark in der strategischen Beratung. Aber überall dort, wo es wirklich technisch wird – also Integration, Security, Betrieb – fehlte eine eigene Umsetzungseinheit. Genau da setzt BET Solutions an. Wir wollen das, was wir beraten, auch umsetzen.

Was leistet BET Solutions konkret – und was nicht?

Wir gestalten keine Grundsatzstrategien, das bleibt in der Beratung. Wir setzen um, sobald klar ist, wohin ein Messstellenbetreiber oder Netzbetreiber gehen will. Also sichere Architekturen entwickeln, Firewalls und Zertifikate managen, Systeme integrieren, testen, in Betrieb nehmen und stabil betreiben. Gerade Testing ist ein blinder Fleck. "Der Entwickler wird schon alles richtig getestet haben" – das ist der falsche Ansatz. Integrations- und Systemtests sind Pflicht.

Als BET betreuen, entwickeln und betreiben Sie seit November die Smart-Metering-Testplattform des BSI. Worum geht es dabei?

Die Plattform ist eine technische Testumgebung, in der Hersteller ihre Smart-Meter-Komponenten – also Smart-Meter-Gateways, Steuerboxen am CLS-Interface und später Zusatzmodule – gegen definierte Testfälle prüfen können. Und zwar bevor sie in die Zertifizierung gehen. Die Plattform bildet typische Kommunikationswege nach, prüft Sicherheitsmechanismen, validiert das Zusammenspiel der Geräte und erzeugt am Ende einen signierten Report, der an das BSI geht.

Ihr Vorteil ist klar: Fehler fallen früh auf. Entwicklungsbegleitend zu testen ist günstiger und schneller, als mit einem fertigen Gerät bei einem Testhaus durchzufallen und wieder von vorn anzufangen. Am Ende sorgt die Plattform für Interoperabilität – und damit für Stabilität im Feld.

Es wird oft behauptet, Deutschland übertreibe mit Security. Inzwischen interessieren sich auch andere Länder für den "deutschen Sonderweg". 

Unser Smart-Meter-Rollout wurde lange belächelt, nach dem Motto: "Die Deutschen over-engineeren wieder alles." Aber die geopolitische Lage hat vieles verändert. Andere Länder merken inzwischen, wie wichtig ein stabiles, abgesichertes Mess- und Steuersystem ist. Ich werde regelmäßig von Netzbetreibern und Herstellern außerhalb Deutschlands gefragt, welche Elemente man aus dem deutschen Modell übernehmen kann – insbesondere bei Security, Kryptografie und dem Umgang mit Zertifikaten.

Natürlich ist das System komplex. Aber es schützt kritische Infrastruktur (Kritis). Und genau das erkennen jetzt auch Staaten, die früher auf die Schnelle, einfache Lösungen gesetzt haben.

Beim Thema Steuerbarkeit nach § 14a EnWG herrscht viel Unsicherheit. Was beobachten Sie?

Viele Netzbetreiber wissen nicht, wie sie die geforderten Tests praktisch durchführen sollen – schon gar nicht für Zehntausende Anlagen. Woher weiß ich, dass eine Wallbox wirklich geschaltet hat? Reicht ein Rückkanal? Wie messe ich das?

Wir entwickeln Prozesse und Tools, die solche Tests automatisieren. Das ist zwingend notwendig, sonst ist der Aufwand nicht beherrschbar.

Neben Smart Metering rücken Cloud und digitale Souveränität stärker in den Fokus. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Die Cloud wird kommen – aber differenziert. Office-IT kann man in eine US-Cloud legen. Leit- und Sicherungstechnik darf dort nicht liegen. Da geht es um Kritis, Verantwortung und rechtliche Risiken. Für viele Stadtwerke werden souveräne europäische Cloud-Angebote eine realistische Option. Technisch ist eine Cloud oft sicherer, weil Patches und Monitoring professionell laufen. Aber man muss wissen, was man wohin legt.

Und ganz allgemein, wo sehen Sie aktuell die größten Engpässe bei Stadtwerken und Netzbetreibern bei der Digitalisierung?

Ganz klar in der Umsetzung. Große Energieversorger haben ihre Teams und Strukturen. Aber die mehr als 700 kleineren Netzbetreiber stehen unter massivem Druck: Redispatch, neue Kommunikationsstrukturen, Steuerbarkeit, 24-Stunden-Lieferantenwechsel – und gleichzeitig sehr kleine IT-Abteilungen. Viele Systeme sind historisch gewachsen, voller Eigenbauten, die niemand mehr anfasst. Wenn dann etwas geändert werden muss, geht es schnell schief. Und vieles passiert auf den letzten Drücker: schnell, teuer, fehleranfällig.

Viele Stadtwerke kämpfen derzeit mit komplexen IT-Landschaften. Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Erfolgsfaktor, damit diese Systeme zuverlässig laufen?

Software ist der Kleber für alle Prozesse. Sie entscheidet darüber, ob Daten richtig fließen, Steuerbefehle sauber ankommen und Systeme stabil laufen. Ohne Software funktioniert heute nichts mehr – kein Netz, kein Zähler, kein Prozess. Hardware ist wichtig, aber Software ist das Bindeglied. Wenn sie schlecht ist, bricht das System. Und wenn sie schlecht getestet ist, erst recht. Der Rollout scheitert nicht an fehlenden Geräten, sondern an fehlender Qualitätssicherung. Mein Appell: Testen, testen, testen und das früh genug.

Das Interview führte Stephanie Gust

Werdegang

Thomas Kähler ist Elektrotechniker durch und durch – und seit drei Jahrzehnten an der Schnittstelle von Energie, IT und Kommunikation unterwegs. An der RWTH Aachen spezialisierte er sich früh auf technische Informatik. Nach ersten Jahren in der Automotive-Software gründete er ein eigenes Unternehmen für mobile Anwendungen, lange bevor Smartphones selbstverständlich waren.

Es folgten Stationen bei Loewe, wo er an frühen Smart-TV- und Smart-Home-Konzepten arbeitete, sowie bei P3/Umlaut/Accenture. Dort verantwortete er Digital-Twin- und Telematikprojekte, unter anderem für die Deutsche Bahn ("Wagon Intelligence"). In der Energiewirtschaft war Kähler später Projektleiter im Sinteg-Projekt "Designetz", das als Schaufenster der Energiewende galt. Außerdem ist er auch als zertifizierter Beirat bei den Deutschen Digitalen Beiräten tätig. 

Seit 2020 begleitet er die Smart-Metering-Testplattform des BSI – zunächst beim Vorgängerunternehmen Umlaut/Accenture, heute als Geschäftsführer der neu gegründeten BET Solutions GmbH.

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