In den Netzgebieten von rund 99 Prozent der deutschen Netzbetreiber erfolgt der bilanzielle Ausgleich von Redispatch-2.0-Maßnahmen weiterhin durch den Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) des Lieferanten und nicht durch den anfordernden Netzbetreiber.

In den Netzgebieten von rund 99 Prozent der deutschen Netzbetreiber erfolgt der bilanzielle Ausgleich von Redispatch-2.0-Maßnahmen weiterhin durch den Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) des Lieferanten und nicht durch den anfordernden Netzbetreiber.

Bild: © kosssmosss/AdobeStock

Von Stephanie Gust

Die Energiewende zwingt die Verteilnetzbetreiber (VNB) in ein neues Betriebsmodell: weg vom reinen Netzausbau, hin zur aktiven Steuerung dezentraler Anlagen. Doch der technische Wandel stockt. Eine umfassende Analyse der Horizonte-Group zeigt, dass die Branche den gesetzlichen Start des Massenrollouts von Steuereinheiten (STE) im Jahr 2026 nicht erreichen kann. 

"Der aktuelle Zeitplan für den Rollout bei steuerbaren Neuanlagen für 2026 ist zu ambitioniert und Anpassungen sind notwendig, um einen wirksamen Steuerungsrollout ohne zu viele Umgehungslösungen sicherzustellen", sagt Roland Olbrich, Partner und Gesamtverantwortlicher der Studie. 

Acht Handlungsfelder, drei kritische Engpässe

Im Zentrum der Untersuchung stehen acht Handlungsfelder – vom Enterprise-Resource-Planning-System (ERP) über Montageprozesse bis zur Kommunikationstechnik im Weitbereichsnetz (WAN). Die Datenbasis: 75 Befragte, 38 Tiefeninterviews sowie Projektwissen aus mehr als 20 laufenden Umsetzungsprojekten.

Ein zentrales Ergebnis: Geräte und Steuerungsplattformen sind weitgehend bereit, doch die System- und Prozesslandschaft ist nicht massentauglich. Besonders gravierend sind laut Studie drei Engpässe:

1. ERP-Systeme von Verteilnetzbetreibern und Messstellenbetreibern (MSB)

Datenmodelle für Steuereinheiten, Netzzustandsdaten (TAF10) und parametrisierbare Steuerprozesse fehlen häufig. Webservice-Schnittstellen zu Systemen der Steuerungsadministration (CLS-Management) und zur Gateway-Administration (GWA-Systeme) sind nur rudimentär umgesetzt. Viele Varianten des Einbaus, Wechsels oder der Abrechnung sind nicht abgebildet.

2. WAN-Kommunikation

Die Anbindung der Steuereinheiten über Mobilfunk nach dem LTE-Standard ist technisch nicht stabil genug. Die Erreichbarkeiten liegen laut Studie häufig unter 70 Prozent – zu wenig für verlässliche Echtzeit-Steuerbefehle oder Netzzustandsdaten. Mobilfunk im 450-MHz-Band zeigt je nach Region unterschiedliche Ergebnisse. Kabelgebundene Alternativen wie Breitband-Powerline schneiden deutlich besser ab, sind aber noch nicht flächendeckend verfügbar.

3. Montage- und Inbetriebnahmeprozesse

Der mehrstufige Prozess zwischen Installateur, Kundenelektriker und Monteur ist kaum erprobt. Schon bei der einfachen Relais-Anbindung fehlen einheitliche Vorgehensweisen. Für die digitale Anbindung per EEBus – dem bevorzugten Kommunikationsstandard für steuerbare Anlagen – ist das technische Pairing möglich, aber nicht massentauglich.

"Die Engpässe sind klar benannt. Entscheidend ist nun, dass Politik, Hersteller, IT-Systemhäuser sowie Messstellenbetreiber und Verteilnetzbetreiber gemeinsam einen verlässlichen Pfad für die kommenden Jahre definieren", sagt Frank Hirschi, Manager und Mitautor der Studie.

Auch Fortschritte: Geräte, Steuerplattformen, erste Netzcockpits

In mehreren Feldern kommt die Branche allerdings auch voran:

  • Steuereinheiten sind prinzipiell verfügbar – sowohl Relais-Varianten als auch Hybridgeräte mit EEBus – wenn auch noch nicht in ausreichender Menge. Auch bezüglich von in Smart-Meter-Gateways integrierten Steuerfunktionen sind zertifizierte Geräte im nächsten Jahr zu erwarten.
  • CLS- und GWA-Systeme decken zentrale Funktionen bereits ab, insbesondere Parametrierung und Inbetriebnahmen von Steuereinheiten sowie die Durchleitung von Steueranfragen beziehungsweise Netzzustandsdaten.
  • Netzcockpits, also die digitalen Leitstellen für die Niederspannungsebene, sind derzeit im Implementierungsprozess und können erste Anwendungsfälle wie einfache Steuerbefehle und die Analyse von Netzzustandsdaten leisten.

Regulatorische Konflikte bremsen zusätzlich

Die Analyse benennt klare Widersprüche im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und im Messstellenbetriebsgesetz (MsbG). Besonders kritisch ist die Diskrepanz zwischen:

  • EEG-Vorgaben zur Anbindung von Erzeugungsanlagen ab 2 kW,
  • MsbG-Pflicht zur Anbindung erst ab 7 kW,
  • jährlichem Steuerbarkeitscheck nach § 12 EnWG für alle nach EEG steuerbaren Anlagen.

Damit wird eine Vielzahl von Kleinstanlagen potenziell zu einem hohen Aufwandsblock, ohne nennenswert zur Netzstabilität beizutragen. Die Studie fordert deshalb eine temporäre Aussetzung dieser Vorgaben sowie eine Harmonisierung der Leistungsgrenzen.

"Die Smart-Meter-Infrastruktur entwickelt sich von der reinen Messdatenerfassung zur Steuerbarkeit weiter", sagt Jochen Buchloh, Senior Partner der Horizonte-Group. "Jedoch hat der Gesetzgeber unrealistische zeitliche Fristen für den Aufbau der Infrastruktur formuliert."

Stufenmodell bis 2028: Von der Pilotierung zur Netzsteuerung

Die Horizonte-Group hat basierend auf den Ergebnissen ein vierstufiges Modell entwickelt, das beschreibt, was technisch und organisatorisch bis 2028 erreicht werden kann:

  1. Technischer Durchstich (2025)
  2. Funktionsfähige Steuerung (2026)
  3. Massenfähige Steuerung (2027)
  4. Ende-zu-Ende-Netzsteuerung (ab 2028)

Wer jetzt handeln muss

Die Studie benennt klare Verantwortlichkeiten:

  • Gesetzgeber: Fristverlängerung der Rolloutquoten für steuerbare Neuanlagen von 2026 auf 2027, Aussetzung der 2-7-kW-Pflichten, Anrechnung netzdienlicher Ausbringung auf Rolloutquoten
  • Systemhersteller: vollständige Datenmodelle umsetzen, Webservice-Schnittstellen entwickeln, Netzcockpits sukzessive ertüchtigen
  • Energieversorger und Netzbetreiber: Priorisierung der Use Cases innerhalb des Steuerungsrollouts, Beschaffungslücken schließen, Installateure schulen.
  • Gerätehersteller: Interoperabilität zwischen EEBus-Steuereinheiten, Steuerfunktionen im Smart-Meter-Gateway (SMGW) und CLS-Systemen sicherstellen.

Impulse aus der Branche

Im Rahmen der Abschlussveranstaltung gaben drei Branchenvertreter zusätzliche Einblicke in ihre täglichen Herausforderungen. Andreas Hergaß, Vorstand der Stadtwerke Gießen, zeigte auf, wie Stadtwerke ihre Aufbau- und Ablauforganisation gezielt weiterentwickeln müssen, um die Digitalisierung der Energiewende wirksam zu unterstützen. Gert Schneider, Senior Produktmanager der Gwadriga, berichtete über den bereits erreichten technischen Durchstich mit ersten Steuereinheiten im Wirkbetrieb auf Basis von Workarounds zwischen ERP- und CLS-Management-System.

Er erläuterte, dass diese zwar wertvolle Erfahrungen liefern, jedoch wirtschaftlich nicht für einen Massenrollout geeignet sind. Nick Seeger, Mitglied der Geschäftsführung der Bayernwerk Netz, stellte die besonderen Herausforderungen eines solarspitzengeprägten Netzgebiets dar und betonte, dass der Weg zur massenfähigen Steuerung nur über einen mehrstufigen, strukturierten Pfad gelingen kann.

Fazit

Der Steuerungsrollout ist technisch machbar – aber nicht in dem Tempo, das der Gesetzgeber aktuell vorgibt, so das Ergebnis der Studie. Ohne zeitliche und inhaltliche Anpassung der Fristen drohen aufwendigere Umgehungslösungen, die für eine effiziente Herstellung der Steuerbarkeit in der Niederspannung abträglich sind. Mit realistischen Zeitplänen und klaren Prioritäten kann das Zielbild laut den Autoren jedoch bis 2027/2028 erreicht werden.

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