Herr Heuell, ab dem 1. Januar 2025 sind alle Energielieferanten verpflichtet, dynamische Tarife anzubieten, die sich an den Spotmarktpreisen orientieren. Die konkreten Einsparungen sind bisher gering – die Skepsis bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern groß. Nun haben EMH Metering, Robotron und TMZ ein Gesamtsystem auf Basis des TAF 5 entwickelt. Um was handelt es sich hier?
Peter Heuell (Geschäftsführer EMH Metering): Auf den Metering Days hatte ich die Idee, dynamische Tarife mit dem TAF 5 besser nutzbar zu machen, ja erstmals vorgestellt. Das kam sehr gut an in der Branche. Wir haben den TAF 5 für Testzwecke inzwischen in unser Smart-Meter-Gateway integriert. Jetzt geht es um die konkrete technische Umsetzung einer Gesamtlösung. Das Preissignal muss ja vom Energielieferanten bis zum Kunden übertragen werden. Das Backend muss dafür eine MaKo-konforme Tarifierung unterstützen. Robotron entwickelt derzeit die passende Lösung.
Welche Herausforderung gibt es für den Backend-Prozess, Herr Hofmann?
Christian Hofmann (Head of Metering and IoT Solutions bei Robotron): Es gibt mehrere Prozessschritte, die im Kontext der dynamischen Tarifierung mittels TAF 5 Einfluss auf die Backendsysteme haben. Zunächst muss die Konfiguration der Tarifstufen durch den Lieferanten beim Messstellenbetreiber (MSB) bestellt und dann durch den MSB/Gateway Administrator (GWA) im Smart Meter Gateway (SMGW) konfiguriert werden. Für die Bestellung kann die Marktkommunikation mit dem Universalbestellprozess und entsprechenden Messproduktcodes genutzt werden. Die Tarifwechselanforderungen erfolgen auf Basis der jeweiligen Ereignisse. Eine Übermittlung mittels EDIFACT/AS4 ist aufgrund der Fristen und Verarbeitungsroutinen in den MaKo-Systemen für kurzfristige Preissignale nicht geeignet. Wir nutzen daher eine WebService-Schnittstelle auf Basis der BDEW(Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft)-API-Webdienste als technische MaKo. Diese API kann eine potenzielle Erweiterung sein. Der Lieferant kann auf diese Weise Markt- und Preissignale in Echtzeit an den MSB weitergeben, der sie dann unmittelbar über das GWA-System zum Kunden transportiert. Der Messdatenempfang erfolgt standardisiert. Für jede konfigurierte Tarifstufe werden die Messwerte zyklisch an das MDM(Meter-Data-Management)-System des MSB übermittelt und mittels EDIFACT/AS4 dem Lieferanten bereitstellt.
Herr Heuell, warum ist der TAF 5 eigentlich so passend für dynamische Tarife?
Heuell: Mit dem TAF 5 ist es möglich, ein Ad-hoc-Preissignal im Gateway zu tarifieren und an den Kunden weiterzugeben. Das ist mit andern TAFs nicht umsetzbar. Mit TAF 2 ist man ja an bestimmte Zeiten gebunden. Das kennen wir vom Hoch- und Niederstromtarif. Der wird aber vom Gesetzgeber explizit als dynamischer Tarif ausgeschlossen. Und der TAF 3 ist an Laststufen gebunden. Mit TAF 7 lassen sich die dynamischen Tarife zwar abrechnen; die Preisinformation liegt aber nicht im Gateway. Sie muss über eine weitere Kundenschnittstelle – z.B. die Webseite des Lieferanten – zum Verbraucher geführt werden. Der muss dann nicht nur mehrmals täglich die Preise überprüfen, sondern auch Wärmepumpe, Waschmaschine oder Wallbox betätigen. Studien haben gezeigt, dass das den Verbrauchern zu kompliziert ist und dass die Einsparungen weit hinter den Potenzialen zurückbleiben.
Und mit TAF 5 lassen sich dynamischen Tarife besser nutzen?
Heuell: Mit TAF 5 gelangt der Tarif direkt zu einem Energiemanagementsystem – die Steuerung der Verbrauchsgeräte wird also automatisiert und die Einsparungen kommen dadurch im Portemonnaie des Kunden an. Dafür wurde der TAF 5 ja auch vorgesehen: Um Ereignisse zu tarifieren. Das muss dann auch nicht zwingend ein Spotmarktpreis sein. Es könnte auch ein anderes vom Lieferanten gesendetes Preissignal sein, beispielsweise wenn der Lieferant günstigen Grünstrom eingekauft hat. Für Lieferanten ist das eine völlig neue Möglichkeit, sich im Wettbewerb zu positionieren.
Herr Lutze, wie sieht der weitere zeitliche Ablauf für das Projekt aus?
Jörn Lutze (Geschäftsführer TMZ): Um die ambitionierte Zeitlinie einhalten zu können, beginnen EMH und Robotron bereits Ende Februar mit den ersten Systemtests. Sobald die beiden Unternehmen grünes Licht geben, testen wir das System in unserem Labor in der TMZ-Prüfstelle in Ilmenau. Eine erste Pilotierung im Rahmen eines Forschungsprojektes in Thüringen haben wir ebenfalls bereits geplant. Rechtzeitig zur verpflichtenden Einführung dynamischer Tarife im Jahr 2025 soll das System dann bereitstehen. Ich bin sicher: Der TAF 5 wird einer der essenziellen Treiber im zukünftigen Rollout sein und für alle Akteure einen enormen Vorteil bieten. (sg)



