Allgäu Netz hat sich entschieden, den Smart-Meter-Rollout nicht auf Pflichtfälle zu beschränken. Der Netzbetreiber aus dem Allgäu tauscht flächendeckend alle Zähler. 140.000 Messstellen sollen innerhalb von drei Jahren umgestellt werden. Aktuell wechseln die Monteure rund 600 Geräte pro Woche, Tendenz steigend. "Wir machen einen echten Voll-Rollout. Wir gehen in jedes Haus", sagt Geschäftsführer Volker Wiegand. Sein Unternehmen wird von mehreren kommunalen und regionalen Energieversorgern getragen, darunter die Allgäuer Kraftwerke, die Allgäuer Überlandwerk GmbH sowie weitere Partner aus der Region.
Während viele größere Unternehmen zunächst die gesetzlichen Pflichtfälle bedienen, verfolgt Allgäu Netz einen strategischen Ansatz. Der Rollout soll nicht nur Quoten erfüllen, sondern die Grundlage für Transparenz, Messwerterfassung und Steuerbarkeit im Niederspannungsnetz schaffen. Hintergrund sind unter anderem die Anforderungen aus § 14a EnWG sowie der steigende Bedarf an netzdienlicher Steuerung. Ferner soll der Kundennutzen durch das Entfallen der Zählerablesung gesteigert werden, insbesondere bei Mieterwechseln ist das für Kunden ein Punkt weniger, an den man denken muss.
Wirtschaftlichkeit als Ausgangspunkt
Auslöser der Entscheidung war eine nüchterne Rechnung. "Ein Gateway kostet rund 200 Euro – ich darf aber nur 100 Euro ansetzen", konkretisiert Wiegand. "Einfach Preise steigern? – ausgeschlossen aufgrund gesetzlicher Preisobergrenzen."
Bei 140.000 Zählern hätte ein klassischer Ansatz mit Gateway in jedem Haushalt ein erhebliches finanzielles Defizit bedeutet. Für Allgäu Netz war deshalb klar: Der Voll-Rollout ist nur mit einer anderen Architektur wirtschaftlich darstellbar.
Mesh-Netz statt Gateway im Haus
Der Verteilnetzbetreiber entschied sich schließlich für ein Funk-Mesh-Netz, das die Allgäuer mit dem Anbieter Hausheld umsetzen. Die modernen Messeinrichtungen kommunizieren über eine 868-Megahertz-Frequenz miteinander. Eine Frequenz, über die auch Babyphones laufen. Die Repeater dazu sitzen unter anderem an Straßenlaternen. Die Gateways selbst befinden sich nicht in jedem Haushalt, sondern zentral in Kabelverteilerschränken.
Statt rund 45.000 Gateways werden somit lediglich 8.500 benötigt. Zugleich löst der Ansatz ein regionales Problem: Im Allgäu verfügen nach Angaben von Wiegand nur rund 65 Prozent der Haushalte über ausreichenden LTE-Empfang. Ein klassisches Gateway im Keller würde zwar messen, die Daten kämen jedoch nicht überall zuverlässig an. Durch Platzieren der Gateways in den Kabelverteilerkästen ist der Empfang im Freien deutlich besser. Ferner wird der Einsatz von Glasfaser durch die Bündelung einfacher.
Die Kommunikationsform Breitband-Powerline hatte man in der Vergangenheit ebenfalls in einem Testgebiet geprüft. Die Erreichbarkeit lag dort bei 96 bis 97 Prozent. Dennoch entschied sich Allgäu Netz dagegen. Denn auch hier wäre weiterhin ein Gateway pro Gebäude erforderlich gewesen, zudem hätte zusätzliche Netztechnik verbaut werden müssen. "Wir wollten eine Lösung, die flächendeckend funktioniert und wirtschaftlich ist", verdeutlicht Wiegand.
10 Prozent statt 20 – und trotzdem auf Kurs
Der Rollout läuft nun seit September. Rund 15.000 Zähler sind bereits installiert. Formal liegt die Quote empfangsbereiter intelligenter Messsysteme damit bei etwa 10 Prozent und somit unter der gesetzlich geforderten Marke von 20 Prozent.
Allgäu Netz suchte deshalb frühzeitig das Gespräch mit der Bundesnetzagentur. "Wir haben uns proaktiv gemeldet", so Wiegand. Die Bundesnetzagentur hatte sich die Vorgehensweise erläutern lassen. Aus Sicht der Bonner Behörde sei entscheidend, dass ein belastbarer Rollout-Plan vorliege und die Infrastruktur tatsächlich aufgebaut wird. Offizielle Zusagen gebe es zwar nicht, so Wiegand, doch der eingeschlagene Weg werde als nachvollziehbar bewertet.
MKV-Modul verzögert Quote noch
Dass die Quote noch nicht erreicht ist, liegt im Allgäu vor allem an einer technischen Herausforderung: Die verbauten modernen Messeinrichtungen samt Gateway gelten erst dann als intelligente Messsysteme im Sinne der Quote, wenn die Daten vollständig in das Abrechnungssystem integriert sind. Bei Allgäu Netz hängt dies derzeit noch an der finalen Anbindung im SAP-System.
Der Netzmandant laufe zwar bereits auf SAP S/4HANA, zusätzliche Verzögerungen entstehen nach Angaben Wiegands aber durch das neue Messkonstrukt-Verwaltungstool, kurz MKV. Sobald die Gateway-Administration hier vollständig angebunden sei und die Messwerte im System auflaufen, steige die Quote rechnerisch deutlich an, so der Geschäftsführer.
IT als Engpass
Neben der Hardware sieht Wiegand daher die Integration als größte Herausforderung. Das gelte insbesondere für die Steuerboxen im Kontext von § 14a EnWG. Allgäu Netz hat dafür ein eigenes Prüflabor aufgebaut. Die komplette Signalkette muss über mehrere Firewalls hinweg stabil funktionieren, bevor die Technik in die Fläche geht. "Die Hardware allein reicht nicht – sie muss über mehrere Firewalls hinweg ins System integriert werden", konkretisiert Wiegand.
Erst wenn Messung, Gateway-Administration, Steuerbox und Backend-Systeme sauber zusammenspielen, entsteht aus seiner Sicht echter Mehrwert für Netzführung und Kunden.
In mehreren Schritten zur Rollout-Architektur
Hintergrund
Der jetzige Vollrollout ist das Ergebnis mehrerer organisatorischer und technischer Anpassungen. Allgäu Netz hatte den Messstellenbetrieb zunächst gemeinsam mit NLI aufgebaut, später mit Bosch weiterentwickelt und im Rahmen von Metering Süd über Gwadriga organisiert.
Mit der Entscheidung für Hausheld stellt das Unternehmen die Architektur grundlegend neu auf. Ausschlaggebend waren nach Angaben von Geschäftsführer Volker Wiegand die wirtschaftliche Skalierbarkeit, die höhere Unabhängigkeit vom Mobilfunk sowie klar definierte Service-Level.
Künftig soll die Gateway-Anbindung über Hauheld und deren Partner IT Dienstleister Robotron erfolgen.



