Nahezu alle großen Direktvermarkter konnten ihr PV-Portfolio im Sommer 2024 ausbauen. (Symbolbild)

Nahezu alle großen Direktvermarkter konnten ihr PV-Portfolio im Sommer 2024 ausbauen. (Symbolbild)

Bild: © marianaproenca/unsplash


Von
Christiane Straßenburg-Volkmann
Inhaberin bei
sv communications + consulting



Österreich, die Niederlande oder auch Italien und Skandinavien machen es uns in großem Stil bereits vor: das erfolgreiche Energy Sharing in Stromcommunitys. Und auch in Deutschland ist das Geschäftsmodell im Kommen. In gemeinschaftlichen Strukturen organisiert und unter Einbindung von Energieversorgern wird regenerativer Strom, zumeist aus Photovoltaik (PV), aber auch aus Windkraft, weitgehend dezentral erzeugt und nach eigenem Ermessen verteilt.

Teilnehmer sind Unternehmen, öffentliche Einrichtungen sowie Privathaushalte. Sie setzen ihre Konditionen innerhalb der Community selbst fest, bestimmen, wer zu welchen Preisen mit Ökostrom beliefert wird und speisen überschüssige Energie ins Netz ein. Reicht die Eigenproduktion nicht aus, weil die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, liefert das im Verbund stehende EVU den erforderlichen Reststrom.

Tarife unter Marktniveau

Stromcommunitys sind die Antwort auf hohe Strompreise, indem die Protagonisten ihre Tarife unterhalb des allgemeinen Marktniveaus und dabei trotzdem wirtschaftlich bestimmen können. So legen beispielsweise Eltern für ihre Kinder niedrigere Tarife für den eigens produzierten Solarstrom fest, während Unternehmen ihren Mitarbeitern mit günstigem Firmenstrom einen lukrativen Gehaltsbestandteil zuerkennen. Mieter erhalten erschwinglichen Strom von ihrem Vermieter, Anteilseigner aus ihrem Bürgerwindkraftwerk.

Die Communities leben von der Eigeninitiative der Mitglieder und sind der Motor für den weiteren, kontinuierlichen Ausbau der erneuerbaren Energien. Sie sorgen zudem für lokale Wertschöpfung und ein Plus an Nachhaltigkeit und ermöglichen den freien Handel in einem Peer-to-Peer-Gefüge, in dem Gleichgesinnte auf Augenhöhe kommunizieren und voneinander profitieren – die Produzenten ebenso wie die reinen Konsumenten, die vom Nachbarn ihren Strom oft zu besseren Bedingungen erhalten.

Ein Zuviel im Netz

Stromcommunitys sind aber auch die Antwort auf ein Dilemma, das mit dem eigentlich positiven Verlauf der Energiewende in Deutschland Hand in Hand geht. Mehr als 60 Prozent des hierzulande erzeugten Stroms gehen mittlerweile auf regenerative Quellen zurück, Tendenz steigend. Nur sind Sonnen- und Windenergie naturgemäß volatil, stehen mal im Überfluss und mal gar nicht zur Verfügung. Beim „Zuviel“ belasten sie die Netzinfrastruktur und senken, vom Netzanbieter an der Strombörse angeboten, die Preise bis ins Negative. Laut Online-Plattform Statista hat der Strompreis im Jahr 2023 bereits 301 Stunden unter null gelegen.

Was für manche Verbraucher, die vom Stromüberangebot in Form temporär sehr niedriger Energiepreise bis hin zu Erstattungen profitieren, erstrebenswert ist, ist für die Energiewirtschaft und auch für das Steueraufkommen des Bundes ein beginnendes Debakel. Denn mit dem weiteren Ausbau der regenerativen Energien werden aus 301 Stunden „unter null“ schnell 400, 500 und mehr. Die Solarpflicht, die in vielen Bundesländern für öffentliche und gewerbliche Gebäude bereits gilt und nun auch für Privatpersonen unter Androhung von Bußgeldern bei Neubauten umgesetzt werden muss, verschärft die Situation weiter.

Wie also umgehen mit diesem scheinbar gordischen Knoten, der mit dem Ausbau der Öko-Energie der Wirtschaftlichkeit den Boden entzieht? Die Forderungen der Netzbetreiber zielen auf Restriktionen bei der Einspeisung, auf Überwachung und Steuerung bis hin, sollte zu viel Strom im Netz sein, auf die Verhängung von Sanktionen. Und die Prosumer müssen ohnehin zur Kenntnis nehmen, dass ihre Einspeisevergütungen kontinuierlich sinken und damit die Kosten-Nutzen-Relation ihrer Investitionen schlechter wird.

Für alle Beteiligten von Nutzen

"Stromcommunitys führen aus diesem Dilemma heraus und können für alle Beteiligten von hohem Nutzen sein“, sagt Hendrik Schubert, Geschäftsführer von WeShareEnergy aus Düsseldorf. Die im März 2023 gegründete GmbH bietet Unternehmen, Vereinen und auch Privatpersonen die Gesamtorganisation von Stromcommunitys an.

Schubert erläutert das Prinzip: "Statt dass Produzenten ihren überschüssigen Solar- oder Windstrom in ein ohnehin volles Stromnetz einleiten, stellen sie diesen Strom den Mitgliedern ihrer Community zur Verfügung. Hier erzielen sie höhere Strompreise, als sie an Einspeisevergütungen zu erwarten hätten, und Pönalen werden zuverlässig vermieden.“ Die EEG-Förderung fiele dann zwar weg, doch würde diese aus dem privaten Handel quasi überkompensiert: ein eindeutiges Plus für den Prosumer. Aber auch die Allgemeinheit der Steuerzahler profitiere, da PV-Anlagen nicht mehr dauerhaft bezuschusst werden und stattdessen der freien Marktwirtschaft unterliegen.

Stromcommunitys sind gesamtökonomisch motiviert. Die Produktion sowie Verteilung von regenerativem Strom lohnen sich ethisch und kaufmännisch – entweder durch Mehreinnahmen oder durch Ersparnisse. Bei Städten und Gemeinden beispielsweise tragen Stromcommunitys zur Entlastung des Haushalts bei. So ist naheliegend, dass der vom Dach eines Rathauses erzeugte Solarstrom sowohl die Verwaltung mit Energie versorgt als auch das örtliche Schwimmbad, den Kindergarten und die Schule. Viele Unternehmen werden in die Lage versetzt, sich untereinander zu vernetzen, wobei energieintensive Betriebe vom niedrigen Ökostrom-Tarif des Nachbarn profitieren können. Auf diese Weise entwickeln sich Stromcommunitys sogar zu einem Standortvorteil für eine Gemeinde oder Stadt. Aber auch die virtuelle Vernetzung innerhalb eines Unternehmens mit mehreren Standorten, die sich über einige Kilometer erstrecken, ist Usus.

 

Hendrik Schubert

Bild: © We share Energy

Verbundenheit und Unabhängigkeit

Und die genossenschaftlichen Netzwerke zum Austausch erneuerbarer Energien können noch mehr. „Neben den Preisvorteilen schaffen Stromcommunitys eine hohe Bindung und Identifikation mit dem Anbieter“, weiß Hendrik Schubert. „Sie erzeugen eine regionale Verbundenheit.“ Der Experte legt darüber hinaus besondere Vorteile für Arbeitgeber dar: „Firmenstrom zu attraktiven Konditionen stärkt die Motivation und den Teamzusammenhalt der Mitarbeitenden und damit auch die Wettbewerbsposition am Personalmarkt.“

WeShareEnergy stellt fest, dass derzeit vor allem mittelständische Unternehmen an der zügigen Gründung einer Stromcommunity interessiert sind. Schubert freut sich: "KMU haben den Nutzen erkannt und möchten sich als Vorreiter für bedeutende Zukunftsthemen positionieren. Da sie häufig inhabergeführt sind, sind die Entscheidungswege kurz und das Vorhaben wird schnell in die Tat umgesetzt.“

So verhalf der Düsseldorfer Dienstleister seit Jahresbeginn 2024 bereits mehreren Betrieben sowie regionalen Gemeinschaften zu einer eigenen Stromcommunity und übernimmt von der Anmeldung bis zur Abrechnung die komplette Abwicklung. Das Vertriebsportfolio sei zudem gut gefüllt. All dies sind vielversprechende Anzeichen dafür, dass sich Stromcommunitys in Deutschland in zunehmendem Maße etablieren.

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