Anatoli Seliwanow, Leiter Betrieb bei der Wobcom GmbH (rechts) und Dalibor Dreznjak, Leiter Unternehmensentwicklung und Kommunikation, Stadtwerke Wolfsburg AG, sind stolz auf die Plattform-Lösung der Stadtwerke Wolfsburg. Im Hintergrund sind verschiedene Dashboard-Ansichten zu sehen, wie Außen- und Innenluft, Parken in der Tiefgarage. 

Anatoli Seliwanow, Leiter Betrieb bei der Wobcom GmbH (rechts) und Dalibor Dreznjak, Leiter Unternehmensentwicklung und Kommunikation, Stadtwerke Wolfsburg AG, sind stolz auf die Plattform-Lösung der Stadtwerke Wolfsburg. Im Hintergrund sind verschiedene Dashboard-Ansichten zu sehen, wie Außen- und Innenluft, Parken in der Tiefgarage. 

Herr Dreznjak, wie kamen die Stadtwerke Wolfsburg überhaupt auf die Idee, eine Smart-City-Plattform zu betreiben?
Dalibor Dreznjak, Leiter Unternehmensentwicklung und Kommunikation, Stadtwerke Wolfsburg AG: Das Ganze hat seinen Ursprung in der Initiative #Wolfsburg Digital zwischen der Stadt und der Volkswagen AG im Jahr 2016. Hier ging es um die Frage, wie wir den Wirtschaftsstandort Wolfsburg stärken und die Stadt zu einer intelligenten Stadt ausbauen können. Welche Handlungsfelder, welche Instrumente sind hier nötig, um das umzusetzen? Und neben der Infrastruktur mit dem Thema WLAN und Glasfaserausbau kam man schnell zu der Erkenntnis, dass eine Datendrehscheibe, die die Silos, die es in jeder Stadt gibt, miteinander verbindet, ein Herzstück von #Wolfsburg Digital bilden kann.

Beide Partner haben sich dann gefragt, wer das Thema umsetzen kann. In der Regel sind es Stadtwerke, denen die Bürger ihre Daten anvertrauen wollen. Meistens haben sie auch direkt ihre Rechenzentren in der Stadt und die Menschen wissen dann auch, wo ihre Daten gelagert werden. Daher haben wir uns auch ganz bewusst dafür entschieden, im Kern des Neubaus unseres Firmensitzes, den Wolfsburger Nordkopf Tower (WNT), ein hochverfügbares Rechenzentrum über fünf Etagen zu integrieren.  So sind wir dann auch zum Thema Daten-Plattform gekommen. Sie ist das Kernstück unseres Smart-City-Ökosystems und verbindet Menschen, Daten und Akteure, so dass sich daraus Mehrwerte generieren lassen.

Das Modell der Wolfsburger in anschaulicher Form.

Wie entstehen solche Mehrwerte?
Anatoli Seliwanow, Leiter Betrieb bei der Wobcom GmbH: Die Grundidee der Plattform ist es, dass kontextbezogene Informationen aus unterschiedlichen Quellen bzw. Systemen zusammengebracht werden. Und jeder Anwendungsfall hat für sich schon im Grunde genommen einen Mehrwert. Informationen, die zunächst eigentlich nichts miteinander zu tun haben, werden plötzlich in einem Kontext gesehen: Zum Beispiel Staudaten und der Füllstand von Müllcontainern. Dann kann man beim Abholen dieser Müllcontainer berücksichtigen, dass man später losfährt, um den Stau zu umgehen. Wenn man sich hier kreativ austobt, kann man weitere Ebenen hinzufügen, das hat dann kein Ende.

Dreznjak: Wir sind durchaus technologie-verliebt, aber nicht um jeden Preis. Es muss immer einen Anwendungsfall geben, damit auch ein messbares Ergebnis entsteht. Technisch gesehen laufen hier unterschiedliche Daten-Silos, die wiederum standardisiert werden müssen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn wir uns mit Daten beschäftigen: Wir müssen wissen, was sie bedeuten. Daher ist es ein wesentlicher Schritt, ein sogenanntes Datenmodell zu bilden. Mit unserem zweidimensionalen Zwilling umschließen wir alle Akteure der Stadt. Das heißt, wir haben keine Begrenzung, was wir als Smart-City-Anwendungsfälle definieren. Solche Datenmodelle sind auch auf andere Städte übertragbar und funktionieren.

Woher bekommen Sie denn ihre Daten?
Seliwanow: Wir haben analysiert, welche Daten liegen als Open-Data in der Stadt vor. Das sind in der Regel gar nicht so viele. Und wenn es solche gibt, sind sie eher statisch und historisch. Damit es Mehrwerte gibt, müssen wir verschiedene Themen zusammenbringen. Beim Thema Ladestrom haben wir zum Beispiel statische Informationen, an welchen Orten sich die Ladesäulen befinden. Natürlich liegen diese Daten in unterschiedlichen Formaten und in unterschiedlicher Qualität vor. Manchmal gibt es Geokoordinaten, manchmal nicht. Nicht selten werden die Ladetypen der Säulen in unterschiedlicher Schreibweise geschrieben. Das Erste, was wir also machen, ist, dass wir diese statischen Informationen, die sich in der Regel nicht verändern, standardisiert, auf ein Modell bringen und sie mit dynamischen Informationen anreichern. Diese Datenmodelle sind dann auf andere Städte und Kommunen übertragbar.

Das klingt in der Theorie einfach. Wie funktioniert Ihre Plattform in der Praxis?
Seliwanow: Man muss auch fragen, was ist eine Plattform und was nicht? Das ist nicht nur Software, die man installiert und dann läuft es, sondern das ist ein Ökosystem. Wir haben uns im wesentlichen am Modell von FIWARE orientiert.  Wir haben verschiedene Schichten: Eine Schicht, die steht für die Infrastruktur in Form des Internet of Things (IoT). LoRaWAN zum Beispiel ist ein nützliches Funksystem, das wir auch nutzen, aber wir sehen das globaler, das übergreifende Thema ist IoT. Das LoRaWAN-Funknetz dient dabei als Kommunikationssystem und wird in der roten Schicht für die Konnektivität abgebildet. Verbunden werden beide mit dem grünen Layer, dem Kern der Datenplattform. Wir bekommen also statische und dynamische Informationen über unsere Infrastruktur, wo wir dann, um beim Thema E-Mobilität zu bleiben, sehen, ob Ladestationen belegt sind oder gerade geladen werden. Diese Daten wiederum werden den weiteren Schichten zur Verfügung gestellt, der sogenannten Nutzungsschicht. Wir haben das bewusst neutral gestaltet, denn es ist immer anwendungsbezogen.

Wer profitiert von den Daten?
Dreznjak: Ladestationen zum Beispiel sind ein sehr wichtiges Thema in Wolfsburg. Hier haben wir unterschiedliche Akteure, die an unterschiedlichen Informationsinhalten interessiert sind und die Smart-City-Plattform stellt diese Informationen zur Verfügung. Endnutzer etwa können über die städtische „Wolfsburg-App“ erfahren, wo Ladestationen frei sind. Die Stadtverwaltung hat andere Bedürfnisse: Sie will wissen, wie oft und wann wird die Ladestation genutzt – wird dort überhaupt geladen oder steht dort ein Verbrenner, der den Parkplatz blockiert. All diese Informationen sind wichtig für die Stadt, um in Zukunft Entscheidungen zu treffen.

Wenn wir weitergehen in Richtung Wirtschaft gehen, dann möchte vielleicht ein Tiefgaragenbetreiber mit Ladeplätzen seinen Kunden mitteilen können, ob diese frei sind. Vielleicht will der Betreiber auch darüber hinaus Anwendungsfälle schaffen, um die Attraktivität seines Parkhauses zu erhöhen. Hier gibt es verschiedene Ideen. Zum Beispiel, indem man das Parken mit einem Gutschein für ein Café in der Nähe kombiniert.

Damit das funktioniert, braucht man eine Plattform, auf die alle zugreifen können. Dann muss man aber auch Fragen beantworten können wie: Wem gehören die Daten, darf ich die Daten von einem parkenden Auto weiterleiten, oder muss ich sie anonymisieren. Über ein Ökosystem wäre dieses Thema gelöst, denn die Plattform ist gewissermaßen ein neutraler Boden, bei dem Vertrauen eine ganz wichtige Rolle spielt.

Die Plattform ermöglicht es auch, die Datenflüsse zwischen den Akteuren fließen zu lassen, um neue Anwendungsfälle zu schaffen.

Sie betreiben eine Open-Source-Plattform. Wieso die Entscheidung für Open-Source?
Seliwanow: Uns war es damals sehr wichtig, herstellerunabhängig zu agieren. Wenn wir uns mit einem Hersteller auf diesem Geschäftsfeld eingelassen hätten, hätten wir möglicherweise auch dessen Sensorik oder andere Produkte dazukaufen müssen und wären dann in dessen Hand. Das wollten wir nicht, deswegen spielt z.B. die Fiware Foundation, die in Berlin sitzt, bei der der Architektur der Plattform eine wichtige Rolle.

Bei Open Source und Projekten dieser Größenordnung geht es nicht in erster Linie die Software kostenlos herunterladen und diese zu nutzen zu können, wie man das von einzelnen Programmen kennt. Natürlich entstehen keine Kosten bei der Lizenz und Nutzung, die Kosten entstehen in der Regel in der Integration der zahlreichen Module. Hier geht es auch um die anwendungsbezogene und sinnvolle Zusammensetzung und den Aufbau eines Ökosystems. Open Source ist nicht einfach  kostenlos, sondern es ist eine andere Herangehensweise aller Beteiligten. Es gibt eine Community, die keine Lizenzen zahlt und kein Geld bekommt, aber dafür gibt sie mit ihren Entwicklungen auch etwas zurück.

Sie entwickeln also auch eigene Module? Ist das als Stadtwerk nicht ziemlich herausfordernd?
Dreznjak: Wir haben natürlich die Wobcom als Tochterunternehmen der Stadtwerke im Haus. So war bei uns die Technologie und Infrastruktur schon immer da. Das unterscheidet uns auch ein wenig von anderen Stadtwerken, die zwar interne IT und Partner haben oder das einkaufen, aber nicht eine Mannschaft, die so technologiegetrieben ist wie unsere.

Stadtwerke entwickeln sich ja zunehmend zum zentralen Infrastrukturdienstleister in den Städten. Es gibt inzwischen schon relativ viele und gute Beispiele, wo sich Kommunalversorger neben Strom, Wärme, Wasser, ÖPNV und Bädern zu zentralen Infrastruktur-Dienstleistern weiterentwickelt haben. Und zu dem Thema Infrastruktur gehört nun auch das Thema Daten in einer Smart City. Der Vorteil von einem Stadtwerk ist ja immer auch, dass es in sehr vielen verschiedenen Geschäftsfeldern eine Kundenbeziehung zu ihren Bürgern hat und damit auch ziemlich bekannt ist.

Wer nimmt noch an Ihrer Plattform teil?
Dreznjak: Im ersten Schritt die Stadt Wolfsburg mit ihren Partnern. Mit jedem Use-Case, den es z.B. in der App gibt, kommen außerdem neue Partner hinzu. Das wird kontinuierlich weiterentwickelt. Im zweiten Schritt wollen wir auch andere einbinden. Wir hoffen natürlich, dass alle Player der Stadt Teil dieses Ökosystems werden. Aber das geht nicht von heute auf morgen.

Die Smart-City-Plattform klingt zwar sehr spannend, aber lohnt sich der Aufwand auch?
Dreznjak: Definitiv muss es auch mittelfristig wirtschaftlich sein, sonst wird es auf Dauer nicht funktionieren. Aber erst einmal muss man natürlich den Weg gehen – das kennt man auch bei Startups oder anderen Unternehmen. Man muss eine gewisse Ausdauer mitbringen. Am Ende des Tages muss es sich aber lohnen, da ist auch viel Überzeugungsarbeit gefragt.

Seliwanow: Das bedeutet natürlich auch ein Umdenken im Kopf. Man muss sich auf Veränderungen einlassen, um dann auch die Kostenersparnis mittelfristig zu haben. Oder wenn man andere Services aufbaut, dass man natürlich auch versucht, damit Geld zu verdienen. Der Weg ist mühselig, aber er lohnt sich! Weil eine andere Alternative als alles miteinander zu koppeln und auf neutralem Boden zu verbinden gibt es nicht.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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