"Mit den Veränderungen im Gebäudebestand wird eigentlich jedes Gebäudeobjekt mittelfristig zum Prosumer", sagt Christof Spangenberg, Geschäftsführer der Geschäftsführer der M3 Management Consulting GmbH.

"Mit den Veränderungen im Gebäudebestand wird eigentlich jedes Gebäudeobjekt mittelfristig zum Prosumer", sagt Christof Spangenberg, Geschäftsführer der Geschäftsführer der M3 Management Consulting GmbH.

Bild: © AndSus/AdobeStock

Prosumer-Plattformen sollen Stadtwerken helfen, Kunden stärker zu binden und neue Erlösmodelle zu erschließen. Doch wie schnell und in welcher Form sich solche Ansätze umsetzen lassen, hängt stark von Größe, IT-Reife und Wirtschaftlichkeit ab. Ein Blick auf drei Versorger zeigt, wie unterschiedlich der Weg in die Prosumer-Welt aussieht.

Nicht nur ein technisches Projekt

Treiber der Entwicklung ist die zunehmende Dezentralisierung der Energieversorgung. "Mit den Veränderungen im Gebäudebestand wird eigentlich jedes Gebäudeobjekt mittelfristig zum Prosumer", sagt Christof Spangenberg, Geschäftsführer der M3 Management Consulting GmbH – einem Teil der Msg-Gruppe. Und weiter: "Das Stadtwerke-Commodity-Vertriebsgeschäft wird erheblich unter Druck gesetzt und es ist extrem wichtig, auf Stadtwerke-Seite ein Gegenangebot zu haben." Prosumer-Plattformen werden in diesem Kontext weniger als technisches Projekt verstanden, sondern als Baustein für neue Geschäftsmodelle und zur Sicherung der Kundenbeziehung.

Zugleich stellt sich für viele Stadtwerke die Frage, wie sich solche Ansätze organisatorisch und wirtschaftlich überhaupt stemmen lassen. Gerade kleinere Häuser verfügten nicht mehr über die notwendige Investitionskraft, um neue Plattformen und Geschäftsmodelle allein zu entwickeln, sagt Karsten Redenius, Mitglied des Msg-Vorstands. Viele hätten erkannt, "dass sie alleine nicht mehr die Investitionskraft haben, alles für sich selbst zu lösen, sondern Verbündete finden müssen, die damit ins Invest gehen".

Dabei gehe es weniger um einzelne Softwarelösungen als um einen grundsätzlichen Perspektivwechsel. "Wichtiger ist eigentlich, dass ich das Geschäftsmodell mit Dampf aufbaue", so Spangenberg. Home-Energy-Management-Systeme seien am Markt verfügbar, entscheidend sei deren Einbettung in Prozesse, Vertrieb und Organisation. Wie unterschiedlich Stadtwerke diesen Anspruch in der Praxis umsetzen, zeigt der Blick auf konkrete Beispiele.

Gasag: Produktiv mit HEMS und dynamischen Tarifen

Die Gasag arbeitet in einem stark fragmentierten Markt mit unterschiedlichen Kundensegmenten und setzt Prosumer-Ansätze bereits produktiv ein. "Prosumer-Plattformen sind bereits jetzt essenzieller Bestandteil unseres Produktportfolios", erklärt Vertriebsvorstand Matthias Trunk. In Kombination mit klimafreundlichen Energielösungen gewännen sie weiter an Bedeutung. Ziel sei es, "die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden präzise bedienen und wettbewerbsfähig bleiben" zu können.

Kern des Ansatzes ist der "Gasag Energiemanager", ein Home-Energy-Management-System, das Erzeugung, Verbrauch und steuerbare Geräte miteinander verknüpft. "Wir wollen unseren Kunden mehr Flexibilität ermöglichen und ihnen dabei helfen, ihren Eigenverbrauch zu optimieren", so Trunk. Kosteneinsparungen würden dabei transparent gemacht.

Im Vordergrund stehen Anwendungen rund um Eigenverbrauch und Lastverschiebung. "Die starken Preisschwankungen an der Strombörse und dynamische Tarife erhöhen den Anreiz, Lasten zu verschieben" erläutert Trunk. So könne etwa die Wärmepumpe bereits am Morgen laufen, bevor die Strompreise steigen. Kunden mit Photovoltaikanlage und Speicher profitierten besonders, da "die Einspeisevergütung für Solarstrom sinken wird" und damit die Attraktivität des Eigenverbrauchs steige. Perspektivisch werde auch die Direktvermarktung von Überschussstrom wichtiger.

Technisch sei der Weg dorthin anspruchsvoll. "Es ist aufwendig, eine HEMS-Lösung beim Kunden, im Vertrieb, im Produktangebot und in unsere IT-Systeme einzubinden", so Trunk. Deshalb habe die Gasag ihre IT-Systeme frühzeitig so aufgebaut, "dass wir externe Systeme leicht über Schnittstellen anschließen können". Partnerschaften spielten dabei eine zentrale Rolle. "Partnerfähigkeit ist entscheidend, um die technische Komplexität zu beherrschen – etwa bei der Anbindung von Hardware, beim Betrieb und bei der Weiterentwicklung der Systeme."

DEW21: Schrittweise Integration statt Schnellstart

Einen vorsichtigeren Ansatz verfolgt DEW21 in Dortmund. Für den kommunalen Versorger sind Prosumer-Plattformen "ein wichtiges Instrument, um auf die zunehmende Dezentralisierung der Energiewelt auf Kundinnenseite zu reagieren". Im Fokus stehe insbesondere eine Bündelung und Vereinfachung bislang fragmentierter Einzellösungen sowie ein Mehrwert in der langfristigen Kund:innenbindung.

Gestartet wird mit Anwendungsfällen, die für Kundinnen unmittelbar nachvollziehbar sind. Dazu zählen Transparenz über Erzeugung und Verbrauch, die Steuerung größerer, zeitlich verschiebbarer Verbräuche sowie die Kombination mit einem dynamischen Tarif. Solche Einstiege seien sinnvoll, "vorausgesetzt, die technischen Grundlagen wie Mess- und Datenverfügbarkeit sind gegeben".

Prosumer-Themen lassen sich aus Sicht von DEW21 nicht isoliert betrachten. "Kund:innenseitige Angebote, Mess-/Steuerungstechnik und netzrelevante Effekte greifen ineinander." Gleichzeitig gelte, auch aufgrund der regulierten Rahmenbedingungen, dass konkrete Betriebs- und Rollenkonzepte erst dann entwickelt würden, "wenn die technische und organisatorische Einbindung belastbar ist".

Als besonders anspruchsvoll nennt DEW21 die Integration unterschiedlicher Hersteller- und Systemlandschaften sowie die Anbindung an bestehende IT- und Abrechnungsprozesse. "Deshalb setzen wir auf skalierbare Ansätze und bauen Schritt für Schritt die notwendigen Grundlagen auf." Perspektivisch gehe es darum, Flexibilitäten so nutzbar zu machen, "dass Kund:innen davon profitieren und zugleich netzdienliche Effekte möglich werden".

VWEW Energie: Wirtschaftlichkeit entscheidet

Noch zurückhaltender fällt die Einschätzung bei kleineren Stadtwerken aus. Bei VWEW Energie, also den Vereinigten Wertach-Elektrizitätswerken in Kaufbeuren, stehen vor einer möglichen Umsetzung zunächst Marktsondierung, Partnerwahl und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Erwartet wird ein positiver Businesscase. Perspektivisch sei der Aufbau eines Flexibilitäts-Portfolios Strom denkbar, erläutert Johannes Honold, Bereichsleiter Energiedienstleistungen.

Technisch sieht er vor allem die "Integration mit dem bestehenden ERP- oder Abrechnungs-System" sowie den "Aufbau von Prozessen zur Beauftragung von Einzelfall-Einbauten für intelligente Messsysteme" als Voraussetzung. Aktuell sei jedoch "angesichts geringer Kundennachfragen und hoher Kosten bislang keine Realisierung" erfolgt, erklärt Honold.

Standardlösungen und White-Label-Modelle gelten aus Sicht von VWEW Energie als zwingend – sowohl aus Gründen der Kundenbindung als auch mit Blick auf den zukünftigen Weiterentwicklungsaufwand. Als größte Hürden nennt das Unternehmen die "Verzahnung mit dem Rollout intelligenter Messsysteme, hohen Kosten für Anbieter/Dienstleister sowie den Aufwand für die Systemintegration". Anderen kleineren Stadtwerken rät VWEW Energie zur Marktsondierung in Kooperationen.

Künftige Rolle im Energiesystem

Unabhängig von Größe und Ausgangslage steht für alle Stadtwerke die gleiche strategische Frage im Raum: Wie lässt sich die eigene Rolle in einem zunehmend dezentralen Energiesystem neu definieren. "Derzeit leben konventionelle Energieversorger noch vom Commodity-Geschäft, das wird die nächsten Jahre auch noch weitertragen, aber die Uhr tickt", so Redenius von Msg.

Gleichzeitig weist er darauf hin, dass viele Stadtwerke diese Transformation nicht allein bewältigen können. Der Aufbau von Plattformen und neuen Geschäftsmodellen erfordere ein Umdenken, weg vom kurzfristigen Reagieren, hin zu klaren Zielbildern. Gerade kleinere Stadtwerke stünden vor der Frage, wie sie Investitionen und Innovationsfähigkeit langfristig sichern. "Sie verstehen, dass es nicht mehr alleine geht."

Die Richtung ist aus Sicht von Msg dennoch klar. "Wenn ich das Geschäftsmodell nicht habe, dann zwinge ich die Kunden geradezu dazu, aus der Vertriebsbeziehung zu mir als Stadtwerk in die Vertriebsbeziehung zu anderen Anbietern zu gehen."

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