Von Stephanie Gust
Der zweite Tag der Metering Days 2025 stand ganz im Zeichen der Umsetzung: Wie gelingt der Sprung vom Smart Meter zum intelligenten Energiemanagement – und wie kann Digitalisierung die Energiewende bezahlbar machen? Antworten suchten die Teilnehmer der Podiumsdiskussionen.
Energiewendemonitoring: 30 Prozent Einsparpotenzial
Zum Auftakt ordnete Sören Patzack, Partner bei BET Consulting, die Ergebnisse des aktuellen Energiewende-Monitorings ein. Der Bericht, gemeinsam mit dem EWI Köln erstellt, zieht eine gemischte Bilanz: Die Energiewende sei grundsätzlich auf Kurs, doch Kosten und Komplexität stiegen. "Wir müssen Digitalisierung endlich als Kostensenker begreifen", so Patzack.
Laut BET summieren sich die notwendigen Investitionen in die Verteilnetze bis 2045 auf rund 300 Milliarden Euro. Mit konsequenter Digitalisierung, Datennutzung und Flexibilität ließen sich bis zu 30 Prozent dieser Kosten vermeiden. Voraussetzung sei, dass der Smart-Meter-Rollout Fahrt aufnimmt und Daten aktiv in die Netzplanung einfließen. "30 Prozent weniger Netz-Capex sind 90 Milliarden Euro – das ist kein Nebeneffekt, das ist die Energiewende selbst", sagte Patzack.
Als größte Hemmnisse nannte er die fehlende Vereinheitlichung der rechtlichen und technischen Instrumente: § 14a, variable Netzentgelte, Flexibilitätsmärkte – "ein Dschungel", so Patzack. BET empfiehlt einen einheitlichen Rechtsrahmen für Flexibilität, gezielte Digitalisierungsanreize für Netzbetreiber und verbindliche Vorgaben statt freiwilliger Optionen. Die Branche brauche weniger Pilote und mehr Skalierung. "Wenn wir es nicht schaffen, die Netze digital zu denken, wird die Energiewende unbezahlbar."
Zwischen Bremse und Boost
Patzack stellte zwei Zukunftsbilder gegenüber: eine "Digitalisierungsbremse", wenn Gutachten in der Schublade bleiben, und einen "Digitalisierungsboost", wenn Politik und Branche die Empfehlungen umsetzen. In der Bremse-Welt stiegen die Netzausbaukosten bis 2033 auf über 200 Milliarden Euro, in der Boost-Variante sinken sie um ein Drittel. Entscheidend sei, so Patzack, dass Digitalisierung nicht länger als Randthema, sondern als zentrale Infrastruktur der Energiewende begriffen werde.
Praxis schlägt Theorie: Karin McCandlish fordert Machbarkeit
In der Diskussionsrunde "Steuern im System" setzte Karin McCandlish, Leiterin Produkt- und Marktmanagement bei Eon Grid Solutions, den pragmatischen Ton. Sie erinnerte daran, dass der Steuer-Rollout kein Laborexperiment sei, sondern im Alltag funktionieren müsse. "Wir müssen wissen, was wir beim Kunden erwarten – und was im Feld wirklich funktioniert", sagte sie. Neue Steuerlogiken dürften nicht an den Betriebsrealitäten vorbeigeplant werden.
McCandlish schilderte, wie Eon in mehreren Regionen reale Tests durchführt, um Steuerbefehle über verschiedene Kommunikationskanäle zu prüfen. Die Technik sei das eine – entscheidend sei, dass Monteure, Dienstleister und Kund:innen die Prozesse verstehen.
"Wir können Digitalisierung nicht ausrollen, wenn diejenigen, die sie installieren sollen, sie nicht verstehen." Ihr Appell: Qualifizierung und Prozessklarheit vor Regulierungsdetails. Darauf reagierte Björn Heinemann von der Robotron Datenbank-Software GmbH mit Zustimmung, aber auch einem Warnhinweis: Ohne konsequente Automatisierung drohe das System, an seinen eigenen Prozessen zu scheitern. "Wir dürfen keine neue Steuerwelt auf ohnehin überlastete IT-Systeme setzen." Der Schlüssel liege in interoperablen Datenflüssen und automatisierten Prüfungen – sonst wachse der Aufwand im Netzbetrieb weiter.
Steffen Heudtlaß von Meterpan ergänzte die Infrastruktursicht. Steuerung funktioniere nur, wenn die Kommunikation zuverlässig sei. "Ob Mobilfunk, Powerline oder 450 MHz – ohne stabile Verbindung bleibt jede Steuerstrategie Theorie." Der Kommunikationsweg müsse daher integraler Bestandteil jedes Steuerkonzepts sein, nicht nachgelagert.
Michał Sobotka von Gwadriga stimmte McCandlish grundsätzlich zu, mahnte aber, die Zeit dränge. "Wir können nicht warten, bis jedes Praxisdetail perfekt ist. Wir müssen jetzt in den Rollout kommen und parallel lernen." Gwadriga teste bereits standardisierte Abläufe für verschiedene Netzsituationen, um Tempo und Skalierbarkeit zu erhöhen. Sein Appell: "Wir brauchen weniger Theoriediskussionen und mehr belastbare Prozesse", forderte er.
Co-Moderator Patzack fasste zusammen: "Steuerung darf kein neues Inselsystem werden. Entscheidend ist, dass sie funktioniert – im Alltag, beim Kunden, in der Fläche."
Intelligentes Energiemanagement: Kunden, Kosten, Kommunikation
In der abschließenden Runde "Intelligentes Energiemanagement" rückten Kundennutzen und marktwirtschaftliche Impulse in den Fokus.
Claudia Häpp von Eon Energie Deutschland brachte erstmals konkrete Zahlen in die Debatte: Mit vernetzter Wärmepumpe, Wallbox und Speicher lassen sich im Haushalt bis zu 950 Euro pro Jahr sparen – allein durch intelligentes Energiemanagement. Die Voraussetzung: einfache Installation, transparente Steuerung und verständliche Tarife. Wim Drożak von Metrify betonte, dass solche Einsparungen erst entstehen, wenn der Smart-Meter-Rollout flächendeckend umgesetzt ist und dynamische Tarife tatsächlich greifen. Jochen Schwill von Spot my Energy warnte, der Kunde wolle keine Technik verstehen, sondern schlicht am Monatsende eine niedrigere Rechnung sehen. Lars Meisenbach von Wöhner ergänzte, Wirtschaftlichkeit setze stabile und belastbare Systeme voraus – erst dann werde Energiemanagement zum Alltagsnutzen.
Markt braucht Anreize
Drożak betonte zudem die Rolle der wettbewerblichen Messstellenbetreiber: "Wir bringen die Technik in die Fläche, nicht die Quote." Der Markt brauche Anreize, damit Kunden Smart Meter aktiv nachfragen. Der aktuelle Rechtsrahmen setze jedoch falsche Signale. "Prämien gibt es auch ohne Einbau – so entsteht kein Pull-Effekt."
Schwill zeigte, wie Energiemanagement auch ohne flächendeckende Steuerbox-Infrastruktur funktioniert. Plug-and-Play-Lösungen, die sich an Router anschließen, ermöglichen lokale Steuerung über EEBus-Schnittstellen. "Die meisten wissen gar nicht, wer ihre Steuerbox installiert. Wir müssen das Thema verständlich machen – weg vom Fachjargon, hin zum Kundennutzen."
Meisenbach brachte die technische Perspektive ein: Energiemanagement sei kein Experiment, sondern Alltagstauglichkeit im Testfeld. Dezentrale Systeme könnten die Resilienz erhöhen, sofern IT-Sicherheit von Beginn an mitgedacht werde.
"Der Steuer-Rollout muss nicht glänzen, er muss laufen", sagte Patzack von BET Consulting zum Abschluss. "Und zwar für alle – vom Verteilnetz bis zur Steckdose."



