Von Stephanie Gust
Wie verändert künstliche Intelligenz die Energiebranche – und was bedeutet das für Führung, Kultur und Verantwortung? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion beim Zukunftskongress der Heidelberger Services AG (HSAG) Anfang November im Heidelberger Schloss. Das Unternehmen feierte zudem seinen 20. Geburtstag. Zwischen dicken Mauern und digitaler Zukunft spannten fünf Experten einen gedanklichen Bogen von der Energieversorgung bis zur Ethik der KI.
Der Gründer der HSAG Stefan E. Renkert hatte zum Dialog geladen. Auf der Bühne: Alexander Mädche vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Christoph Ullmer von der Thüga, Hans-Martin Hellebrand, Vorstandsvorsitzender der Badenova sowie Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky vom Thinktank "2b Ahead".
KI als Treiber im Kundenservice
Den Auftakt machte Hans-Martin Hellebrand. Er sieht die größten Veränderungen im kaufmännischen Bereich, wo KI bereits greifbar wirkt: "Wir erleben eine Verschiebung der Möglichkeiten – vor allem im Kundenservice. Der demografische Wandel verschärft den Druck, und die IT-Systeme kommen kaum hinterher."
Ziel müsse sein, künstliche Intelligenz nicht nur in Prozesse einzubauen, sondern sie datengetrieben zu denken. Noch fehle vielen Unternehmen die Fähigkeit, die eigenen Daten auszuwerten und daraus zu lernen. Kundinnen und Kunden erwarteten zudem zunehmend personalisierte Energieangebote – von der Solaranlage bis zur Wärmepumpe. "Wir müssen liefern, was der Kunde noch gar nicht kennt, aber brauchen wird", sagte Hellebrand. "Das ist die große Herausforderung."
Komplexität als neue Normalität
Christoph Ullmer von der Thüga griff das Stichwort auf. Transformation sei längst keine Option mehr, sondern Realität. "Wir wenden momentan alles – Energie, Wärme, Verkehr. Die Branchengrenzen verschwinden."
Die neue Komplexität entstehe, weil parallel mehrere Ökosysteme entstehen: "Man kann das gar nicht mehr isoliert betrachten. Wichtig ist, zu erkennen, dass man es nicht allein schaffen kann – und auch nicht muss."
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky brachte die gesellschaftliche Perspektive ein: "Veränderungsprozesse nehmen nie alle mit. Es sind immer einige, die vorauslaufen – aus Interesse, aus Neugier, aus dem Willen, Dinge besser zu machen." Deutschland, so seine Kritik, habe sich zu sehr in Routinen eingerichtet. Forschungsgelder würden verteilt, statt fokussiert in die Zukunft investiert. "Wir erzählen uns gegenseitig, wir wären führend – dabei stimmt das längst nicht mehr."
Chancen und Grenzen der KI
Technisch und ethisch blickte Professor Alexander Mädche vom KIT auf das Thema. Automatisierung biete Chancen, sei aber auch ein Risiko. "Wir neigen dazu, der KI zu viel Verantwortung zu geben. Das kann gefährlich sein, weil Menschen im Überwachungsmodus träge werden."
Entscheidend sei, Balance zu halten – zwischen menschlicher Kontrolle und maschineller Effizienz. "Wie im Cockpit eines Flugzeugs: Der Autopilot ist hilfreich, aber er darf nicht das Situationsbewusstsein ersetzen."
Wandel gestalten statt bewahren
Für Stefan Renkert ist Wandel kein Ausnahmezustand, sondern Identität. "Wir müssen eine Unternehmenskultur aufbauen, in der Veränderung Teil der DNA ist. Unsere Identität ist der Wandel."
Er verglich den Transformationsprozess mit der Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling. "Die Imagozellen, die den Wandel einleiten, haben es anfangs schwer. Aber wenn es genug werden, kann das Immunsystem der Raupe sie nicht mehr aufhalten."
Diese Haltung präge auch die HSAG selbst. "Wir sind viel gescheitert. Aber aus Fehlern ist Neues entstanden: Robotic Process Automation, Chatbots, Copiloten. Wir gehen in Richtung Agentic AI, weil wir glauben, dass die Kombination aus Mensch und Maschine enorme Hebel freisetzt."
Kulturwandel als Führungsaufgabe
Wie tiefgreifend dieser Wandel in die Strukturen reicht, machte Ullmer von der Thüga deutlich. 98 Prozent der Entscheider hätten "noch gar nicht verstanden, worum es wirklich geht".
Er beschrieb KI als Vorhang, der sich zwischen Führung und Organisation schiebt: "Der Dirigent sieht das Orchester nicht mehr, weil die KI Teile des Spiels übernimmt. Vertrauen zu behalten, wenn der Vorhang zugeht – das ist die Herausforderung."
Hellebrand ergänzte: "Kulturwandel ist Chefsache. Wer Innovation fordert, aber beim ersten Fehler Schuldige sucht, tötet jede Innovationskultur." Transformation müsse Top-down gewollt und Bottom-up gelebt werden.
Menschzentrierte Technologie
Professor Mädche plädierte für einen "menschzentrierten Gestaltungsprozess" bei der Einführung neuer Technologien. Technologie allein bringe nichts, wenn sie nicht als nützlich empfunden werde.
"Viele Projekte scheitern, weil niemand das Ziel kennt. Technologie ist kein Selbstzweck – sie muss Probleme lösen." Der Forscher rief dazu auf, das Denken in Abteilungen zu überwinden. "‘IT-Projekt’ ist ein tragischer Begriff. Jedes Technologieprojekt ist ein Veränderungsprojekt."
Der Mensch im Zentrum
Bei jeder Technologiedebatte kehrte die Runde immer wieder zum Menschen zurück. Renkert erinnerte daran, dass jede technische Revolution neue Möglichkeiten geschaffen habe: "Wir sind nie auf dem Pferd nach Berlin geritten, um Zeit zu verschwenden. Wir haben diese Zeit genutzt, um mehr zu lernen."
Jánszky sieht in KI sogar die Chance auf eine menschlichere Welt: "Wenn Maschinen Routinearbeit übernehmen, bleibt mehr Zeit für das, was uns ausmacht – Begegnung, Kreativität, Sinn."
Mädche warnte jedoch vor Übertreibung: "Soziale Medien machen nicht automatisch sozialer. Wir müssen lernen, Technologie wie eine Medizin zu dosieren." Renkert schloss an: "Wir dürfen nicht darauf warten, dass andere unsere Welt gestalten. Wir müssen sie selbst gestalten – mit Verantwortung und Neugier."
Kooperation statt Größe
In der anschließenden Fragerunde ging es um die Zukunft der Stadtwerke. Ein Teilnehmer wollte wissen, ob kleine Versorger in der neuen Energiewelt überleben können. Ullmer sah in der KI eine Chance zur Gleichstellung: "Früher brauchte man Größe, heute braucht man Intelligenz. KI kann Prozesse skalieren, ohne, dass tausend Menschen daran arbeiten."
Renkert ergänzte: "Ich glaube an Konsolidierung durch Partnerschaften, nicht durch Fusionen. Stadtwerke können ihre Marke und Nähe behalten – und im Hintergrund gemeinsam skalieren."
Zukunftsbilder und Verantwortung
Zum Abschluss drehte sich die Diskussion um Visionen – und um Verantwortung. Jánszky warnte vor Passivität: "Wenn Kommunen ihre digitale Zukunft nicht selbst gestalten, werden andere es tun – vielleicht Microsoft, vielleicht Google."
Besser sei, regionale Allianzen zu bilden und gemeinsame Zukunftsbilder zu entwickeln. "Nur wer ein klares Bild von morgen hat, kann heute richtig handeln."



