In Deutschland mangelt es nach Einschätzung des Versicherungsverbands GDV an Vorsorge für längere Stromausfälle mit potenziell katastrophalen Folgen. «Leider sind wir in Deutschland auf die Folgen eines flächendeckenden Stromausfalls nicht ausreichend vorbereitet», sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen.
Für einen auf der GDV-Webseite erschienenen Beitrag befragte der Verband mehrere Katastrophenschützer und Krisenmanager. Albrecht Broemme, der frühere Präsident des Technischen Hilfswerks, hält demnach Hackerangriffe für die größte Gefahr. Auch Anschläge oder Extremwettereignisse könnten an neuralgischen Punkten die Netzstabilität in ganz Europa gefährden. «Die Sensibilität für die Folgen eines Blackouts ist in keiner gesellschaftlichen Gruppe vorhanden», wird Broemme vom GDV zitiert. «Auf einen Blackout ist Deutschland überhaupt nicht vorbereitet.»
Wahrscheinlichkeit für Blackout wächst
Ein Blackout gehöre «zu den größten Risiken für unser Land», sagt laut GDV auch Wolfram Geier, Abteilungsleiter für Risikomanagement und Internationale Angelegenheiten im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Seiner Meinung nach wächst die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Blackout kommt. Sei es durch einen Hackerangriff oder eine technische Panne. Zudem sei Deutschland wie bei der Pandemie auf einen solchen Ernstfall schlecht vorbereitet.
„Die Mehrheit der Gesellschaft tut nichts“, so Geier. Selbst unter den Menschen, die schon einmal einen Blackout erlebt hätten, änderten die wenigsten ihr Verhalten. Das ergab nach Angaben des GDV zum Beispiel eine Umfrage im Münsterland nach dem Schneechaos vom November 2005, als Dutzende Ortschaften vier Tage lang ohne Strom waren. „Kaum einer sah die Notwendigkeit, sich auf einen erneuten Blackout vorzubereiten.“
Bringt Energiewende Stromnetz an seine Grenzen?
"Es ist wichtig, das Krisenmanagement bei Katastrophen oder Anschlägen jederzeit zu optimieren", unterstreicht daher Holger Berens, Vorsitzender des Bundesverbandes kritischer Infrastrukturen (BSKI), in einem eigenen Statement: „Bei Stromausfällen muss in jedem Fall die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden.“
Viele Jahrzehnte sei es in Deutschland selbstverständlich gewesen, dass zu jeder Zeit genug elektrische Leistung bereitstand. Doch die Energiewende sei ein immer stärkerer Faktor, der das Stromnetz zunehmend an seine Belastungsgrenzen bringe. Deshalb setzt sich der BSKI seit Jahren für eine ausgewogene Balance aus Klimaschutz und Energiesicherheit ein, heißt es in einem Statement des Bundesverbands. „Wir brauchen eine jederzeit gesicherte elektrische Leistung“, so Berens.
Deutsche Telekom kooperiert mit Hitachi Energy
Passend zu den Warnungen gab die Deutsche Telekom bekannt, dass sie gemeinsam mit Hitachi Energy und dem Sicherheits- und Wachdienst Securitas Schutz für Energieversorger anbieten will.
Die drei Unternehmen kombinieren IT-Sicherheit mit althergebrachtem Werk- und Anlagenschutz in Form von Wachleuten und Alarmanlagen. Schließlich könnten Kriminelle oder Terroristen Kraftwerke, Leitungen und andere Einrichtungen auch altmodisch mit Waffen angreifen. «Ein erfolgreicher, präziser Angriff auf diesen Bereich der kritischen Infrastruktur würde das Leben, wie wir es kennen, lahmlegen», erklärte Thomas Fetten, Chef der Telekom Security. «Deswegen bündeln wir unsere Expertise im Kampf gegen physische Angriffe wie gegen Attacken aus dem virtuellen Raum.»
Attacke auf Colonial Pipeline macht Sorgen
Große Besorgnis in der Energiebranche hatte laut dpa im Mai vergangenen Jahres eine Cyberattacke auf die Colonial Pipeline ausgelöst, die größte Benzinleitung der USA. Die Angreifer wurden vom FBI der in Russland vermuteten Hackergruppe Darkside zugeordnet. Sie legten die Pipeline für fünf Tage lahm und erpressten mehrere Millionen Dollar.
Unabhängig von möglichen kriminellen oder terroristischen Attacken gibt es die Befürchtung, dass die Stabilität des Stromnetzes in Deutschland und Nachbarländern unter der Energiewende leiden könnten. Ende dieses Jahres sollen die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Gravierende Stromausfälle hat es in Deutschland bislang nicht gegeben, aber die Zahl der Eingriffe der Netzbetreiber zur Stabilisierung des Stromnetzes ist deutlich höher als vor Beginn der Energiewende.
Versicherungsbranche kann Schäden wohl nicht allein auffangen
Eine Umfrage des Onlineportals Verivox aus dem September deutet darauf hin, dass der Gedanke an einen längeren Stromausfall für die Mehrheit der Bevölkerung bislang tatsächlich keine Rolle spielt. 65 Prozent der Befragten gaben demnach an, sich noch nie mit dem Thema befasst zu haben. Doch auch von den übrigen 35 Prozent sah demnach knapp die Hälfte keinen Anlass für persönliche Vorbereitungen. Ein Beispiel wäre ein Vorrat von Kerzen, Lebensmitteln und Bargeld.
Was die finanziellen Schäden eines großen Blackouts betrifft, gebe es für Bürger und Unternehmen gleichermaßen nur begrenzte Möglichkeiten, sich vorbeugend zu schützen. «Manche Folgen eines Stromausfalls lassen sich mithilfe einer Versicherung auffangen, aber nicht alle», warnt GDV-Hauptgeschäftsführer Asmussen. Wie bei der Pandemie wären die Schäden katastrophaler Blackouts nach GDV-Einschätzung zu hoch, als dass die Versicherungsbranche diese allein auffangen könnte. «Versicherbar sind vor allem Sachschäden wie verdorbene Ware oder die Folgen von Wassereinbrüchen oder Bränden», sagt Asmussen.
Versorgungsunterbrechungen nehmen Deutschland ab
Allerdings: Die Zahlen der Bundesnetzagentur lassen nicht darauf schließen, dass ein Blackout aufgrund des Zubaus erneuerbarer Energien bevor steht: Die bisher niedrigste Ausfallzeit von Strom des Jahres 2019 konnte 2020 erneut unterboten werden.
Die durchschnittliche Unterbrechungsdauer je angeschlossenem Letztverbraucher fiel 2020 im Vergleich zum Vorjahreswert um 1,47 Minuten auf 10,73 Minuten. Dies ist die bisher geringste Ausfallzeit seit der ersten Veröffentlichung durch die Bundesnetzagentur im Jahr 2006. (dpa/sg)


