Von:
Tobias Stepan, Geschäftsführer der Teamwire GmbH &
Matthias Bolkart, Account Executive Utility bei Esri Deutschland
Fast in jedem EVU sind Tools wie Workforce-Management-Software, GIS-Systeme und andere Lösungen im Einsatz. Diese gestatten es, tägliche Arbeitsprozesse effizienter und transparenter zu gestalten. Doch vor allem der große Anteil der mobilen Arbeitskräfte wie etwa Netztechniker, Wartungsingenieure oder Monteure sind oftmals noch mit Plänen und Karten in Papierform unterwegs. Hier braucht es mehr digitale Lösungen wie ein GIS, mehr Effizienz und mehr Komfort – und zwar für alle Mitarbeitenden in EVU.
Dabei spielt auch die Kommunikation im Rahmen eines Mobile-Workforce-Managements eine zentrale Rolle. Viele Technologien sind aber eher auf die Vereinfachung technischer Aspekte und Automatisierung von Datenprozessen fokussiert. Kommunikationslösungen, die sich konkret an die Bedürfnisse mobiler Arbeitskräfte im EVU richten, sind meist nur rudimentär oder gar nicht vorhanden. Zwar bieten auch Workforce-Management-Tools mittlerweile Chatfunktionen, doch sind diese meist nicht so umfassend wie Messenger-Lösungen und können selten mobilen wie Vor-Ort-Mitarbeitenden gleichermaßen gerecht werden.
Herausforderung 1: Die Digitalisierung per se
Versorger sind permanent gefordert, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Kein Wunder, dass GIS zu einer wertvollen Stütze geworden ist, um Netzdaten zu digitalisieren. Location Intelligence wird mehr und mehr zum Kern aller Geschäftsprozesse, weil das „Wo“ die Frage ist, um die es sich letztlich dreht: Wo ist eine Störung im Netz? Wo befindet sich gerade ein Monteur in der Nähe?
Zudem geht es darum, Netzdaten zu analysieren und um weitere Informationen, etwa demografische, Umwelt-, Wetter- und Sensordaten, anzureichern. Die Ergebnisse wiederum müssen unterschiedlichsten Stakeholdern zur Verfügung gestellt werden – seien es die Ingenieure, die die Trassenplanung verantworten, Entscheidungsträger bei Behörden oder Vertreter von Bürgerinitiativen.
Denkbare Lösungen:
Die Lösung für die Virtualisierung und Analyse von Netzdaten in Kombination mit weiteren Daten wird durch digitale Zwillinge möglich, welche ein vollumfassendes Abbild des Netzes, des Umspannwerkes oder der geplanten Trassenstrecke darstellen. Damit lassen sich Analysen fahren und Szenarien erstellen, die wiederum den Frontline-Workers dabei helfen, Prozesse umzusetzen oder im Ereignisfall vor Ort richtig zu reagieren.
Mithilfe einer mobilen Kommunikationslösung wie einem Business Messenger lassen sich dahingehend auch weitere Informationen übermitteln, Einsätze von Monteuren optimal koordinieren und dokumentieren. Bilder von den Arbeiten vor Ort sind bequem innerhalb des Teams, mit Abteilungsleitern oder der Leitstelle geteilt. Durch eine Integration von Kommunikations- und GIS-Tool können die mobilen Arbeitskräfte auch wichtige Informationen direkt im Kartenmaterial ergänzen.
Herausforderung 2: Der demografische Wandel
Ziel der digitalen Datenaggregation und Erstellung digitaler Zwillinge ist es, Daten als Entscheidungsgrundlage zu nutzen. Denn die erfahrenen Fachkräfte verlassen die EVU altersbedingt und deren Wissensschatz oder intuitives Entscheidungsverhalten lassen sich nicht auf neue Mitarbeitende übertragen. Umso wichtiger, validen Daten, Prognosen und Berechnungen zu vertrauen und langfristig ein Wissensmanagement zu etablieren.
Denkbare Lösungen:
Dennoch ist für Übergangsphasen sowie Ausbildungs- oder Onboarding-Prozesse der Austausch mit erfahrenen Teammitgliedern von unschätzbarem Wert. Über einen Messenger lassen sich schnell Text-, Bild- und Sprachnachrichten austauschen oder Neulinge via Push-to-Talk-Funktion oder Video-Call direkt bei der Montage oder Reparatur anleiten.
Die GIS-Daten liefern dabei auch dem Anleitenden genaue Informationen über den Standort. Zudem haben Team-Verantwortliche die Möglichkeit, aus- und weiterbildungsrelevante Informationen via Broadcasting an die jeweiligen Teammitglieder zu streuen. Damit ergänzt eine Kommunikationslösung bestehende Tools und gestattet eine effektive Kollaboration.
Herausforderung 3: Resilienz sicherstellen
Nicht nur gegenüber dem Fachkräftemangel müssen sich Versorger widerstandfähig machen, sondern auch gegenüber klimatischen Ereignissen (zum Beispiel Hochwasser oder Sturmtief) oder geopolitischen und wirtschaftlichen Krisen. Am häufigsten sind Störungen oder Defekte der Betriebsmittel. Hier müssen EVU Maßnahmenpläne etablieren, um stets richtig und schnell reagieren zu können.
Informationen wie der Standort betroffener Objekte, Zugänglichkeit oder technische Daten sind ebenso relevant wie die Information, wer aus dem Team schnell in der Nähe sein kann und ob diese Person ihren Kompetenzen und Befugnissen nach in der Lage ist, die Problemstellung zu beheben. Neben automatisierten Prozessen und Handlungsanweisungen spielt die Kommunikation in jeder Art von Krisen- und Notfallsituationen eine entscheidende Rolle und bedarf daher auch expliziter Lösungsansätze, die über standardisierte Workflows hinausgehen.
Denkbare Lösungen:
Ein GIS dient im Asset Management auch dazu, den aktuellen Status der eigenen Betriebsmittel und Objekte immer im Blick zu behalten, deren Leistungsfähigkeit zu monitoren sowie ihren Lebenszyklus zu verlängern. GIS-basierte digitale Zwillinge und Analyse-Dashboards helfen zum Beispiel dabei, Anomalien zu identifizieren und zu beheben, bestimmte Ereignisse vorherzusagen oder Szenarien zu modellieren, um zu wissen, wie in welchem Fall zu reagieren ist.
Zur Resilienz gehört ebenso die digitale Souveränität: Sollten Kern-Infrastrukturen wie beispielsweise das Workforce-Management-System oder andere zentrale Tools ausfallen, ist es hilfreich, eine Notfallkommunikation im Team – auch über mehrere Standorte oder mobile Arbeitskräfte hinweg – aufrechtzuerhalten. Dann lassen sich auch entsprechende Einsätze der Frontline-Workers weiterhin problemlos koordinieren.
Herausforderung 4: Agilität und Schnelligkeit
Nicht nur Notfälle bedürfen einer hohen Reaktionsgeschwindigkeit. Schafft beispielsweise ein Großunternehmen in der Region eine E-Auto-Flotte an und installiert einen firmeneigenen Ladepark, wird der Stromverbrauch im jeweiligen Gebiet vermutlich rasant ansteigen.
Hier ist es Aufgabe des Versorgers, abzusehen, wie sich dies auf das Netz auswirkt und die Leistung entsprechend zu skalieren. Dabei helfen auch Sensoren im Netz, deren Datenströme sich nahezu in Echtzeit in das GIS einbinden und visualisieren lassen und so als Entscheidungsgrundlage für die Steuerung herangezogen werden können.
Denkbare Lösungen:
Für Versorger bedeutet dieses ständige Justieren einen erhöhten Kommunikationsbedarf. Der dedizierte Informationsaustausch mit unterschiedlichen Stakeholdern kann nicht mehr via E-Mail-Verteiler stattfinden, um etwa bei der Vor-Ort-Begehung oder im Gespräch mit dem Bürgermeister notwendige Informationen abzurufen.
Auch intern muss die Kommunikation einfacher und schneller werden. Hier spielt ein DSGVO-konformer Instant-Messaging-Dienst seine Vorzüge aus, insbesondere dann, wenn er sogar interoperabel ist und autarke Organisationen serverübergreifend miteinander verknüpfen kann.
Herausforderung 5: IT-Sicherheit
Das Thema Sicherheit steht bei Energieversorgern hoch im Kurs: IT-Administratoren fürchten Hacker-Angriffe, deren Ausmaß bis hin zum Blackout reichen kann. Daher sind die Versorger gefragt, ihre Systeme entsprechend zu schützen und damit die hohen Compliance-Anforderungen zu erfüllen.
Nutzten EVU früher aufgrund ihrer hochspeziellen Ansprüche häufig Individualsoftware, die meist on-premises gehostet wurde, fällt es ihnen heute immer schwerer, diese individuellen und komplexen Architekturen gegen die wachsende Vielfalt an Cybergefahren zu sichern. In diesem Zusammenhang migrieren auch viele Versorgungsunternehmen ihre einzelnen Prozesse und Anwendungen in die Cloud, um von den hohen Sicherheitsstandards der Cloud-Anbieter zu profitieren.
Denkbare Lösungen:
Generell ist es ratsam, sich einerseits auf Systeme und Anbieter zu fokussieren, die nicht nur funktional möglichst viele Anforderungen abdecken, sondern auch die Sicherheit der Applikationen wie dem GIS entsprechend gewährleisten. Das gilt einmal mehr für die Sicherheit der internen Kommunikation, denn hier geht es mitunter um personenbezogene Daten der Mitarbeitenden sowie um Gefahren durch Sicherheitslücken und nicht autorisierte mobile Endgeräte, die bei den Monteuren zum Einsatz kommen.
Dass diese dabei auf WhatsApp und Co. zurückgreifen könnten, ist ein gefährlicher Irrtum, der schwerwiegende Folgen für das Unternehmen haben kann. Eine mobile Kommunikationslösung sollte daher eine rechtssichere Alternative zu WhatsApp und anderen Messengern darstellen und dennoch eine wirkungsvolle Unterstützung in den Kernaufgaben sein.
Fazit
Vom kleinen Stadtwerk bis zum großen Verteil- und Übertragungsnetzbetreiber – sie alle müssen ihre IT-Infrastruktur auf den Prüfstand stellen und neben technischen Kriterien auch Faktoren wie Sicherheit, Flexibilität und die interne Kommunikation betrachten. Die gute Nachricht: Es gibt bereits zahlreiche Lösungen, die auf die Bedürfnisse von EVU zugeschnitten sind, doch meist nur einen Bereich abdecken.
Mit offenen, standardisierten Systemen und kooperierenden Anbietern ist es möglich, sich ein eigenes Best-of-Breed-IT-Ökosystem inklusive „Kommunikationskanal“ aufzubauen. Dieses bietet professionelle Sicherheit, schafft Unabhängigkeit und gestattet es, einzelne Tools auszuweiten, zu ersetzen oder gänzlich abzuschaffen. Schnell, agil und sicher – für echte Zukunftsfähigkeit in der Energiebranche. (sg)


