Der Fortschrittsmonitor Energiewende des BDEW rechnet mit einem Investitionsbedarf von über 721 Milliarden Euro bis 2030.

Der Fortschrittsmonitor Energiewende des BDEW rechnet mit einem Investitionsbedarf von über 721 Milliarden Euro bis 2030.

Bild KI generiert: © ImagePulse/AdobeStock

Von Hans-Peter Hoeren

Die Stadtwerkebranche sucht nach neuen Wegen in der Finanzierung. Der Grund: Allein aus der Innenfinanzierung und über die klassische Bankendarlehen werden die Investitionsherausforderungen nicht zu stemmen sein. Öffentliche-rechtliche und private Investoren aus Deutschland sind dabei durchaus interessiert, in die Energiewende vor Ort und Infrastrukturprojekte der Kommunalwirtschaft zu investieren.

Das zeigt die erste Resonanz auf den neuen "NV Finance Infrastrukturfonds 1", den die Energieforen Leipzig gemeinsam mit der Corporate Finance Boutique "Pine Valley Capital" aus Frankfurt und den Versicherungsforen aktuell aufbauen. Dazu haben sie Anfang des Jahres das Unternehmen "FinanceConnect" mit dem Ziel gegründet, vor allem kleinere und mittlere Stadtwerke bei der Kapitalaufnahme von mit institutionellen Investoren zu unterstützen.

Die Verwaltung des Fonds erfolgt durch die Kapitalverwaltungsgesellschaft "NordVest" aus Hannover, die im dritten Quartal die Zulassung bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht anstrebt, danach können erste Gelder aus dem Fonds bereitgestellt werden.

Große Sparkassen und Versicherer gehören zum Investorenkreis

"Das Interesse auf Investorenseite ist groß", erklärt Tobias Frevel, Geschäftsführer des Stadtwerke-Netzwerks Energieforen Leipzig. Als erstes Fondsvolumen sind 250 Millionen Euro geplant, die Losgrößen je Investment liegen zwischen 2,5 und 25 Millionen Euro.

Die Investoren hätten aber bereits weitere 500 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Aktuell gehörten zum Anlegerkreis vor allem bundesweit oder in bestimmten Bundesländern tätige öffentlich-rechtliche Unternehmen wie große Sparkassen, aber auch mittelgroße Versicherer. Insbesondere Investorengruppen mit regionalem Bezug zum jeweiligen Projekt seien oftmals sehr interessiert.

"Der größte Bedarf besteht im Wärmebereich"

Dem gegenüber stehen aktuell ein halbes Dutzend kommunale Unternehmen, die ernsthaft überlegen, ihr Eigenkapital mit Mitteln aus dem Fonds zu stärken. "Der größte Bedarf besteht bei der Wärmewende. Weil hier der aktuelle Rahmen durch die neue Bundesregierung noch nicht steht, warten viele Stadtwerke aber noch mit ihrer konkreten Finanzierungsentscheidung", sagt Alexander Bollinger, Partner bei Pine Valley Capital. Ein Grund sei unter anderem das Fehlen einer langfristig verlässlichen Förderkulisse.

Bei den interessierten Stadtwerken gehe es aktuell unter anderem um kleinere und größere Batteriespeicherprojekte, die Finanzierung neuer Umspannwerke oder den Ausbau der Wärmeinfrastruktur, ergänzt Tobias Frevel. Gerade im Wärmebereich biete die lange Laufzeit des Fonds von 20 Jahren plus Verlängerungsoptionen von zwei Mal fünf Jahren eine langfristige Finanzierungsperspektive.

Die Kapitalkosten für den Erwerb der Fondsanteile liegen bei sieben bis neun Prozent über die gesamte die Laufzeit. "Um die Liquidität der Stadtwerke in den ersten Jahren nicht zu überstrapazieren, wenn die Cashflows aus der neuen Infrastruktur noch nicht oder kaum vorhanden sind, gibt es die grundsätzliche Option, dass in den ersten Jahren die Kapitalkosten gestundet und auf die Laufzeit aufgeteilt werden", verdeutlicht Bollinger. 

Mezzaninekapital stärkt das wirtschaftliche Eigenkapital und erhöht die Finanzierungsfähigkeit

Über den Fonds könnten aber nicht nur neue, sondern auch bestehende Objekte refinanziert werden. Beispielsweise könne ein kommunaler Versorger sein Wärmenetz ausgründen. Der Fonds stellt dann mittels der gebündelten Gelder von Investoren sogenanntes Mezzaninekapital in Form qualifizierter Nachrangdarlehen zur Verfügung. Das Mezzaninekapital wird als wirtschaftliches und nicht als bilanzielles Eigenkapital angesehen und ist im Verlustfall nachrangig im Vergleich zu klassischen Bankkrediten.  

Frevel und Bollinger haben in den vergangenen Monaten viele Gespräche mit Investoren und Stadtwerken zu dem Modell geführt. "Die Investoren haben in dem Prozess lernen müssen, dass Renditen von mehr als zehn Prozent illusorisch sind", sagt Frevel. Es sei aber gleichzeitig auch wichtig zu verstehen, dass eigenkapitalähnliche Finanzmittel teurer seien als Fremdkapital. Mit Kapitalkosten von sieben bis neun Prozent lasse sich je nach Businesscase eine neue Wärmeinfrastruktur langfristig auskömmlich finanzieren.

Die Fondsgelder könnten über eine Projektgesellschaft und über die Stadtwerke selber aufgenommen werden. Die Kommunalversorger behielten dabei die vollständige Kontrolle und den alleinigen Einfluss über ihr Geschäft, die Investoren stellten lediglich das Kapital zur Verfügung und hätten kein Stimmrecht.

Projektfinanzierung gewinnt an Bedeutung

Bisher gab es in den Geschäftsführungen vieler kommunaler Unternehmen und ihrer Aufsichtsräte noch weit verbreitet Skepsis bis hin zu Berührungsängsten gegenüber solchen Modellen. "Hier findet mittlerweile ein Umdenken bei vielen kaufmännischen Geschäftsführungen und auch in den kommunalen Aufsichtsräten statt", sagt Alexander Bollinger. Die anstehenden, hohen Investitionsvolumina in den nächsten zehn Jahren würden vielerorts mit Sorge betrachtet. 

Grundsätzlich hätten viele Kommunen und ihre Tochterunternehmen bisher wenig Erfahrungen mit unterschiedlichen Kapitalformen und Finanzierungsstrukturen gemacht. Wichtig sei, dass kommunale Energieversorger und entsprechende Projektstrukturen so angelegt sind, dass sie für externe Finanzierer grundsätzlich finanzierbar sind. 

Investoren wollen oftmals Gelder in einzelne Assets anlegen

Diese wollten nicht in ein breit aufgestelltes Stadtwerk mit defizitären Bereichen und einer hohen Komplexität investieren. Im Fokus stünden vielmehr einzelne Assets, die eine gewisse Rendite garantierten. Hier müsse die Branche bereit sein, häufiger Projektgesellschaften zu gründen, um auch externe Partner an Bord nehmen zu können. Der Trend gehe hier weg von der Unternehmens- und stärker hin zur Projektfinanzierung. 

Das Mezzaninekapital sei dabei aber nur ein Baustein in der Finanzierung. Da über dieses Vehikel das wirtschaftliche Eigenkapital der Stadtwerke gestärkt wird, erhöhe das die Finanzierungsspielräume mit den Banken. Durch eine Stärkung des wirtschaftlichen Eigenkapitals lassen sich die Projekte deutlich einfacher finanzieren und somit realisieren.

Um die Finanzierungsherausforderungen der Kommunen und kommunalen Unternehmen passgenau zu adressieren, gibt es aktuell einige Initiativen in der Branche. Vor Kurzem wurde etwa bekannt, dass die Landesbank Baden-Württemberg und die baden-württembergischen Sparkassen an einem neuen Finanzierungsinstrument arbeiten, das im Herbst vorgestellt werden soll. Umfassendere und weiteichendere Instrumente im Sinne von vorteilhaften Rahmenbedingungen wären etwa der seit Längerem vom VKU und anderen Verbänden geforderte Energiewendefonds.

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