Nachdem Putin jüngst bereits Polen und Bulgarien den Hahn für russisches Gas abdrehte, ist auch ein Lieferstopp für Deutschland nicht ausgeschlossen – mit vielfältigen Konsequenzen. Welche Auswirkungen hätte dies denn auf den Kohleausstieg hierzulande? Könnten längere Laufzeiten der Kohlekraftwerke das Ausbleiben von russischem Gas zum Teil abfedern?
Das ist auf jeden Fall eine Diskussion, die man aktiv führen sollte. Der Gasverbrauch im Stromsektor liegt 2022 vermutlich bei etwa 17 Milliarden Kubikmeter (BCM) dies entspricht etwa 20 Prozent des Gasverbrauchs insgesamt. Kurzfristig würde es natürlich helfen, die Kohlekraftwerke, die jetzt zur Abschaltung anstehen, vorerst laufen zu lassen und auch Reserven wieder ins System zu nehmen. Denn so können wir gasbasierte Stromproduktion verdrängen und damit den Gasverbrauch reduzieren. Allerdings sind die Volllaststunden der Gaskraftwerke ohne Wärmeauskopplung aufgrund der sehr hohen Gaspreise ohnehin bereits sehr gering.
Eine weitere Möglichkeit wäre, den Verbrauch der gasbefeuerten KWK-Kraftwerke zu reduzieren. Meist haben diese effiziente Ersatzkessel, in denen man Gas direkt verbrennen kann, um Wärme oder Dampf zu erzeugen. Wenn man diese Ersatzkessel statt des ganzen Kraftwerks nutzen würde, könnte man den Gasverbrauch der KWK-Kraftwerke um etwa die Hälfte reduzieren. Damit könnte mehr Platz für Kohlestrom geschaffen werden. Doch machen solche Maßnahmen nur für eine Übergangszeit Sinn, wo wir eine extreme Gasknappheit haben. Den Kohleausstieg, auch einen vorgezogenen bis 2030, sollten wir nicht in Frage stellen.
Sind solche Maßnahmen, über die Kohlekraftwerke temporär die Gaskraftwerke zu entlasten, sinnvoller als die verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland befristet weiter laufen zu lassen?
Aus einer reinen CO2-Betrachtung wäre es sinnvoller die AKWs länger laufen zu lassen. Aber das kann man ja nicht nur für ein, zwei Jahre machen, sondern wenn dann für längere Zeiträume. Dazu kommen laut Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) Sicherheitsprobleme und nötige Nachrüstungen, welche vermutlich hohe Kosten verursachen würden. Zudem sind wir auch beim Uran stark importabhängig von Russland. Insgesamt bieten temporär längere Laufzeiten der Kohlekraftwerke eine flexiblere Alternative, ohne nochmals das Fass des Atomausstiegs aufmachen zu müssen.
Wie wichtig sind denn langfristige Lieferverträge, um genügend LNG zu bekommen? In europäischen Ländern wie Deutschland mit ehrgeizigen Klimaschutzzielen gilt ja Erdgas nur als eine Übergangstechnologie.
Bisher ist weltweit nur ein Teil der Lieferverträge langfristig. Doch steigt bei einem hohen Preisniveau wie jetzt auch die Motivation mittel- und langfristige Lieferverträge einzugehen, vor allem wenn es um die Refinanzierung von neuen LNG-Verflüssigungskapazitäten geht. Für Länder wie Deutschland ist das in gewisser Weise eine etwas problematische Situation, doch werden wir hierzulande wahrscheinlich auch noch in 2035 zu einem gewissen Anteil Erdgas brauchen. Insofern sehe ich kein großes Problem, dass wir auch mittelfristige Lieferverträge eingehen.
Apropos Markt und Preissignale: Das müsste doch auch ein Anreiz sein, die Erneuerbaren stärker auszubauen, weil es sich lohnt durch die hohen Preise?
Genau, das ist in der Tat so. Wir sehen derzeit für Strom Futures oder für PPAs sehr hohe Preise. Auch die Nachfrage ist sehr hoch, wenn erneuerbare Projekte verkauft werden. Es gibt einen riesigen Pull durch die hohen Strompreise. Das Problem ist einfach, dass kurzfristig gar nicht mehr die Ökonomie der limitierende Faktor ist, sondern langwierige Genehmigungsverfahren, die Flächenverfügbarkeit oder der Fachkräftemangel. Mittelfristig und langfristig haben wir wieder eine andere Situation. Da sehen wir eine Welt, wo wir sehr viel Erneuerbare haben wollen. Das führt zu einer Kannibalisierung der Strompreise in Zeiten, wenn die Erneuerbaren viel produzieren und damit zu geringeren Erträgen für diese.
Da ist dann die Frage, wie Erneuerbare mittel- und langfristig in Deutschland finanziert werden. Es ist davon auszugehen, dass wir auch künftig Absicherungsinstrumente haben werden, um die ehrgeizigen Ausbauziele der Bundesregierung zu erreichen.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Hans-Christoph Neidlein
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