Eine von S&P Global in der letzten Woche veröffentlichte Studie kommt zum Schluss, dass die Aufhebung der Sanktionen gegen russisches Erdgas in den USA LNG-Projekte im Umfang von 29 Millionen Tonnen pro Jahr (FIDs) und damit verbundene Investitionsentscheidungen von Höhe von 120 Milliarden US-Dollar gefährden würde.
Die Studie unterscheidet dabei drei Szenarien: Im Szenario 1 ("Current Trend") fließt weiterhin russisches LNG und Pipeline-Gas über die Turkstream-Pipeline nach Europa. Die bestehenden Sanktionen gelten fort. Gemäß der Studie resultieren daraus für die USA LNG-Projekte (FIDs) in Höhe von 33,7 Millionen Tonnen pro Jahr im Zeitraum 2025 bis 2027.
Rückkehr von russischem Gas, ein Risiko für die USA
Im Szenario 2 ("Opening the Taps") kehrt russisches Erdgas in beschränktem Maße per Pipeline auf den europäischen Gasmarkt zurück. Die aufgehobenen Sanktionen sorgen für einen Ausbau der LNG-Exportkapazitäten Russlands. Die FIDs der USA gehen im Zeitraum 2025 bis 2027 auf 16,5 Millionen Tonnen pro Jahr zurück.
Das Szenario 3 ("Phasing Down") betrachtet weitgehend die Auswirkungen des von der EU-Kommission vorgeschlagenen Verbots der russischen Gasimporte und verschärfter Sanktionen gegenüber Russland. Für dieses Szenario errechnet die Studie einen Ausbau der US-LNG-Projekte auf bis zu 45,5 Millionen Tonnen pro Jahr im Zeitraum 2025 bis 2027.
Entscheidungen mit globaler Auswirkung
Im aktuellen Trend machen die US-LNG-Projekte für die Jahre 2025 bis 2027 rund 42 Prozent aller LNG-Projekte weltweit aus. Kehrt russisches Gas gemäß Szenario 2 zurück, sinkt der Anteil der USA auf 29 Prozent weltweit. Im Szenario "Phasing Down“ würde sich der Anteil der USA weltweit auf knapp 50 Prozent erhöhen.
Gemäß der Studie ergäben sich für den Zeitraum 2030 bis 2040 in den Szenarien signifikant unterschiedliche Auswirkungen für die globale Gasversorgung. Ein europäisches Verbot von russischem Erdgas würde zu rund zwei Drittel durch US-LNG-Lieferungen ersetzt werden. Der globale LNG-Markt würde angespannt bleiben und das dadurch hohe Preisniveau würde zu einem geringfügigen Nachfragerückgang führen.
Im Szenario "Opening the Taps" würde sich der Absatz von russischem Erdgas um 30 Millionen Tonnen pro Jahr erhöhen. Die US-LNG-Importe würden um 17 Millionen Tonnen pro Jahr zurückgehen, auch die LNG-Exporte aus dem Nahen Osten würden um rund 5 Millionen Tonnen sinken. Die billigeren Gaspreise würden die jährliche Gasnachfrage um rund 7 Millionen Tonnen pro Jahr erhöhen.
Auswirkungen des Verbots für Russland
Ein europäisches Verbot von russischen Gasimporten hätte für Russland gravierende Auswirkungen. Russland ist derzeit der viertgrößte LNG-Exporteur weltweit, Russland plant diese Position mit weiteren Projekten auszubauen. Die Anlage Yamal-LNG ist mit einer Kapazität von rund 17 Millionen Tonnen LNG pro Jahr derzeit das größte Exportterminal Russlands. Durchschnittlich zwei Drittel der Kapazität wurden seit 2022 jährlich in die EU verkauft.
Der Verlust des Zugangs zum europäischen Markt und die höheren Transportkosten für die Ansteuerung an die asiatischen Märkte würde mittelfristig wahrscheinlich zu einem signifikanten Rückgang der LNG-Produktion von Yamal-LNG führen. Ob es dann zum weiteren Ausbau der Projekte Arctic-2-LNG und Murmansk käme, ist fraglich.
Ein Verbot von russischem Erdgas in der EU wäre sicherlich eine wichtige politische Maßnahme. Dennoch bleibt sie ein zweischneidiges Schwert hinsichtlich der Versorgungs-Diversifikation, denn es könnte die USA, noch vor Norwegen, mittelfristig zum größten Erdgasimporteur Europas machen.
Unser Kolumnist Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo. Er analysiert wöchentlich die aktuellen Entwicklungen im Gasmarkt für das ZfK-Morning Briefing. Die Gaswoche: EU-Entwurf, Wartungsarbeiten und neue Speicherziele
Der Titel seiner letzten Analyse lautet: Die Gaswoche: EU-Entwurf, Wartungsarbeiten und neue Speicherziele



