Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Im Fall des Referenzwinters geht der Verband Europäischer Fernleitungsnetzbetreiber für Gas (Entsog) davon aus, dass das europäische Gasnetz die Nachfrage vollständig decken kann und die Gasspeicher am Ende der Wintersaison zu mehr als 30 Prozent gefüllt sein könnten. Im Falle einer hohen LNG-Verfügbarkeit deuten Entsog-Simulationen sogar auf einen Füllstand zum Saisonende von 41 Prozent hin.

Mit den neuen LNG-Importkapazitäten ist Europa gegenüber verschiedenen Ausfallszenarien nun widerstandsfähiger. Ein Ausfall der russischen Gasflüsse über die Turkstream-Pipeline könnte mit den LNG-Kapazitäten im Referenzwinter vollständig ausgeglichen werden.

Nachfragekürzungen drohen nur in Extremszenarien

Käme der Ausfall Russlands mit einer niedrigen LNG-Verfügbarkeit zusammen, so könnten die Gasspeicher sich bis zum Ende eines Referenzwinters auf 16 Prozent entleeren. Im Falle des Kaltwinters müsste die Nachfrage gekürzt werden (durch Politik oder Preise) und der Speicherstand fiele auf elf Prozent.

Entsog simuliert in seinem Ausblick auch die Extremszenarien 2-wöchige Kältewelle, Spitzenbedarf an einem extremen Kältetag und Ausfälle zentraler Versorgungsstrukturen wie Gasflüsse aus Algerien und Gasflüsse aus Norwegen auf der Europipe 2 (Emden, Dornum).

Im Falle des Ausfalls von Algerien oder Norwegen auf Europipe 2 während eines Kaltwinters wären Nachfragekürzungen von 13 beziehungsweise 10 Prozent des gesamten Bedarfs notwendig. Ein hohes LNG-Angebot könnte dies jedoch in den Ländern mit hohen LNG-Importkapazitäten ausbalancieren.

Käme der Ausfall mit einem Tag extremer Kälte im Februar zusammen, an dem die Gasspeicher bereits auf 35 Prozent entleert wären, so entstünde deutlicher Systemstress. Nachfragekürzungen wären in allen Ländern außer auf der iberischen Halbinsel und Griechenland unvermeidlich. In Osteuropa könnte dies Nachfragekürzungen von bis zu 18 Prozent notwendig machen.

LNG-Flexibilität und Preisvolatilität

Mit der Nutzung der neuen LNG-Importkapazitäten können also auch Extremsituation deutlich besser bewältigt werden als in den Wintern zuvor. Dies sorgt derzeit für Ruhe am Markt und erklärt zumindest teilweise die seit August andauernde Seitwärtsbewegung der Gaspreise. Andererseits muss der zusätzliche LNG-Importbedarf, in den von Entsog aufgeführten Extremszenarien dann erkauft werden. Das globale LNG-Angebot ist in diesem Winter knapp, zusätzliche Kapazitäten kommen erst im Laufe des Jahres 2026 hinzu. Die Konkurrenzsituation zum asiatischen Markt kann dann für die entscheidenden Preisimpulse sorgen.

"Dunkelflauten, wie wir sie zu Beginn des Jahres gesehen haben, können den Bedarf an LNG erheblich steigern, was die Gaspreise nach oben zieht."

Risikofaktoren Winterwetter und Erneuerbare Energien

Das Winterwetter in Nordostasien hat einen entscheidenden Einfluss darauf, wie angespannt die Lage auf dem LNG-Weltmarkt sein wird. Aufgrund dort nur begrenzter Speicherkapazitäten muss zusätzlicher Bedarf über Spot-LNG beschafft werden. Dies treibt die Preise. Derzeit sorgt die gedämpfte Nachfrage aus Industrie und Stromerzeugung in Asien dafür, dass ausreichend LNG nach Europa kommt. Eine Änderung der Situation dort, zöge wieder mehr LNG nach Asien, was die globalen LNG-Preise stützen würde.

Die Gasnachfrage im europäischen Stromsektor ist in den letzten zwei Wochen wegen erster kleinerer "Dunkelflauten" auf den höchsten Stand seit rund sieben Monaten gestiegen. Dunkelflauten, wie wir sie zu Beginn des Jahres gesehen haben, können den Bedarf an LNG erheblich steigern, was die Gaspreise nach oben zieht.

Unser Kolumnist Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo. Er analysiert wöchentlich die aktuellen Entwicklungen im Gasmarkt für das ZfK-Morning Briefing.

Der Titel seiner letzten Analyse lautet: Gasspeicher Rehden wird Füllstand-Ziel verfehlen

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