Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Im laufenden Winter steigen die russischen Flüssigerdgas- oder LNG-Importe auf einen neuen Höchststand. 17 Prozent aller LNG-Schiffslieferungen nach Europa kamen aus dem größten Flächenstaat der Erde. Damit ist Russland nach den USA derzeit der zweitgrößte Flüssigerdgaslieferant für Europa. Vor allem zwei EU-Länder erhöhten die Importe aus Russland deutlich.

Die europäischen Länder führten im laufenden Winter bisher insgesamt 125 LNG-Schiffsladungen ein. In den sechs Sommermonaten davor waren es insgesamt 118 Lieferungen, was bisher einem Anstieg um 4 Prozentpunkte auf 17 Prozent entspricht.

125 Schiffsladungen aus Russland

Nach unabhängigen Schätzungen liegt der Wert der russischen LNG-Importe Europas in den vergangenen Monaten bei rund 1 Mrd. Euro pro Monat.

Die Importe aus Algerien und Katar zeigen sich bisher dagegen, gegenüber dem letzten Sommerhalbjahr, deutlich rückläufig. Die Anteile der beiden Länder sinken auf zehn beziehungsweise acht Prozent. Größter LNG-Importeur bleiben weiterhin die USA mit bisher 330 Lieferungen (Importanteil 46 Prozent) im laufenden Winter.

Belgien größter Importeur von russischem LNG

Frankreich importiert diesen Winter bislang 39 LNG-Schiffsladungen aus Russland. Im zurückliegenden Sommer waren es noch 28 Lieferungen. Russland zieht damit gleichauf mit Algerien, dem bisher zweitgrößten LNG-Importeur Frankreichs.

Belgien bezieht diesen Winter bislang 47 LNG-Lieferungen aus Russland. Elf Schiffsladungen kamen aus den USA, zwölf aus Katar und drei aus afrikanischen Ländern. Damit liegt im laufenden Winter der Importanteil von russischem LNG am belgischen Zeebrugge-LNG-Terminal bei 63 Prozent.

Mehr russisches Gas in Deutschland

Der Großteil der Lieferungen kam dabei aus dem russischen Sabetta, Russlands Jamal-LNG-Terminal. Übereinstimmenden und unabhängigen Quellen zufolge entsprach das belgische Importvolumen damit rund einem Drittel der Jamal-LNG-Terminalkapazität.

Mit den gestiegenen russischen Importen Belgiens dürfte sich auch der Anteil von russischem Gas in Deutschland deutlich erhöht haben. Deutschland bezieht monatlich zwischen 20 und 25 Prozent seiner Pipelinelieferungen aus Belgien.

Zeebrugge und Dunkerque

Nach Schätzungen einer belgischen Nichtregierungsorganisation wuchs der Anteil regasifizierten russischen Flüssigerdgases an den gesamten Gaslieferungen Belgiens nach Deutschland in 2022 auf elf Prozent. Für 2023 sollte der Wert deutlich nach oben geklettert sein, da die LNG-Importe am belgischen LNG-Terminal Zeebrugge gegenüber 2022 um 41 Prozent auf 4 Mrd. Kubikmeter gestiegen sind.

Dazu kommt viel russisches LNG am französischen LNG-Terminal Dunkerque an. Ein Teil davon dürfte als Erdgas über Pipelines nach Belgien exportiert werden. Dies erhöht seinerseits den Anteil an russischem Gas an den belgischen Exporten nach Deutschland. Im laufenden Winter kamen am französischen LNG-Terminal Dunkerque 55 LNG-Lieferungen an, 19 davon aus Russland.

Russlands LNG-Pläne

Um den Wegfall der Einnahmen aus den Pipeline-Exporten zu kompensieren, hat Russland unlängst seine Ziele für den Ausbau seiner LNG-Exportkapazitäten deutlich hochgestuft. Es plant, seine Exportkapazität bis 2030 von zuletzt 30 auf 110 Mio. Tonnen LNG pro Jahr (mtpa) zu erhöhen.

Russland wäre dann der weltweit drittgrößte LNG-Exporteur, hinter den USA (Plan 2030: 173 mtpa) und Katar (Plan 2030: 142 mtpa), aber noch vor Australien, was für 2030 eine jährliche Kapazität von 88 Mio. Tonnen LNG plant.

Fokus auf Jamal LNG und Sakhalin-Il

Derzeit konzentriert sich der russische Flüssigerdgasexport auf die beiden Anlagen Jamal LNG und Sakhalin-II. Gewichtige Großprojekte sind unter anderem die geplanten Terminals Baltic LNG (13 mtpa), Murmansk LNG (20 mtpa) und Arctic LNG 1+2 (insgesamt 40 mtpa).

Unabhängigen Schätzungen zufolge müsste Russland dafür mindestens 70 Mrd. US-Dollar investieren. Allerdings bleibt der Zugang zu Kapital und westlicher Technologie aufgrund von weitreichenden westlichen Sanktionen eingeschränkt. Ob die hohen Ziele Russlands vor diesem Hintergrund umsetzbar sind, erscheint fraglich.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Nach Rallye zu Wochenbeginn: Was gegen weiter steigende Gaspreise spricht"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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