Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Europa hat den wohl kritischsten Winter in diesem Jahrtausend bislang ohne Unterbrechungen der Gas- oder Stromversorgung überstanden. Trotz der fehlenden französischen LNG-Kapazitäten zeigen sich die Märkte in dieser Woche bearish. Die Herausforderungen für den Rest des Jahres bleiben jedoch groß.

Die große Aufgabe in diesem Jahr ist die Gasspeicher bis zum Winter wieder aufzufüllen. Obwohl die EU-Gasspeicher aktuell zu 56 Prozent gefüllt sind (Vorjahr 26 Prozent), stammte im letzten Jahr rund ein Viertel des eingespeicherten Erdgases aus Russland.

Russische Gasmengen stark rückläufig

Russische Gasimporte in die EU machen derzeit nur noch sieben Prozent aus. Die fehlenden Mengen müssen durch eine Erhöhung des LNG-Angebots und die Reduzierung der Nachfrage ausgeglichen werden. Mit der gestiegenen LNG-Abhängigkeit entsteht auf dem europäischen Markt eine neue Dynamik.

Die EU tätigt mehr als 70 Prozent ihrer LNG-Käufe am Spotmarkt. Damit ist das System gegenüber zusätzlicher Nachfrage aus China oder Ausfällen der US-amerikanischen Lieferungen vulnerabel. Goldman Sachs erwartet daher für das dritte Quartal 2023 eine hohe Nachfrage und prognostiziert ein Preisniveau von etwa 110 Euro pro MWh.

Neuer IEA-Bericht

Auch wenn es Europa gelingt, in diesem Jahr die hohen LNG-Importe aufrechtzuerhalten, so kann dies nur gelingen, wenn die Einsparziele von 15 Prozent eingehalten werden. Die EU-Kommission will daher das 15-Prozent-Sparziel bis 2024 verlängern.

Wie groß diese Herausforderung ist, veranschaulicht ein Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) von dieser Woche. Die IEA untersucht darin die Ursachen für den Rekordrückgang von 55 Mrd. Kubikmeter Erdgas im Jahr 2022 in der EU (minus 13 Prozent).

Gebäudesektor verbraucht weniger Erdgas

Sie betrachtet darin die Sektoren Stromerzeugung, Gebäude und Industrie. Die Stromerzeugung ist der einzige Sektor in dem der Gasverbrauch in 2022 über dem Verbrauch von 2021 lag (plus 2 Mrd. Kubikmeter). Der Zuwachs bei Kohle und Erneuerbaren konnte die geringere Verfügbarkeit von Wasser- und Kernkraft nicht kompensieren.

Der Gebäudesektor verbrauchte 2022 rund 28 Mrd. Kubikmeter Erdgas weniger als 2021, was einem Rückgang von fast einem Fünftel entspricht. Effizienzmaßnahmen inklusive Wärmepumpen machten laut IEA jedoch nur eine Einsparung von 3,5 Mrd. Kubikmeter aus.

Wetter und Industrie

Der Hauptanteil ließ sich auf Wettereffekte zurückführen. Die IEA schätzt allein den witterungsbedingten Rückgang auf 18 Mrd. Kubikmeter.

Im Industriesektor sank der Gasverbrauch 2022 um 25 Mrd. Kubikmeter, das heißt um rund 25 Prozent gegenüber 2021. Produktionsdrosselungen oder Verlagerungen der Produktion wegen der hohen Gaspreise machten dabei Einsparungen von rund 13 Mrd. Kubikmeter aus. Der preisbedingte Brennstoffwechsel sorgte für rund sieben Mrd. Kubikmeter Verbrauchsreduktion.

Zyklischer Nachfragerückgang

Ein Großteil des historischen Nachfragerückgangs war also zyklisch oder vorübergehend. Fraglich ist, ob sich die freiwilligen Maßnahmen zur Verbrauchsreduktion oder Importsubstitution bei einem niedrigen Preisniveau aufrechterhalten können.

Ein knapperes LNG-Angebot oder wetterbedingte Faktoren, wie ein trockener Sommer oder kalter Winter in 2023 könnten die Gasmärkte wieder unter Druck setzen. Daher betont die IEA die Wichtigkeit, die politischen Anstrengungen aufrechtzuerhalten, um den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien umzusetzen.

Russland verdient mehr mit weniger Gas

Trotz des Nachfragerückgangs lagen die EU-Gasimportkosten im vergangenen Jahr laut IEA bei 390 Mrd. US-Dollar gegenüber 120 Mrd. US-Dollar im Vorjahr.

Obwohl der Anteil russischer Gaslieferungen von 40 Prozent im Jahr 2021 gegen Ende 2022 auf unter zehn Prozent fiel, verdiente Russland mit dem Gasexport in die EU im vergangenen Jahr mehr Geld. Gemäß IEA-Kalkulation erhöhten sich die russischen Einnahmen aus dem Erdgasverkauf in 2022 wegen der gestiegenen Preise von 41 Mrd. US-Dollar (2021) auf rund 96 Mrd. US-Dollar (2022).

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Von LNG bis Wasserstoff: Frankreichs Einfluss auf deutschen Gasmarkt wächst"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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