Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Erdgasflüsse haben sich in Europa im Jahr 2022 erheblich verändert. Die bisherige Richtung der Gasflüsse von Ost nach West ist Geschichte. Die stark gestiegene Bedeutung von LNG verändert die Verteilungsstruktur im europäischen Erdgasnetz. Die Rolle Frankreichs als Transitland nimmt zu.

Im Zeitraum 1. November bis zum 31. Dezember 2022 haben sich die LNG-Aussendungen über die vier französischen Terminals mit 72,4 TWh gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. In diesem Zeitraum machten die LNG-Aussendungen etwa 75 Prozent des französischen Verbrauchs aus.

LNG-Transit aus Spanien

Frankreich ist in diesem Zeitraum zum Importeur aus Spanien geworden und importierte sieben TWh Erdgas. Im Vorjahreszeitraum wurden noch 7,5 TWh nach Spanien exportiert.  Der Fluss mit Belgien hat sich umgekehrt. Im Vorjahreszeitraum wurden rund 10 TWh aus Belgien importiert, nun wurde die gleiche Menge nach Belgien exportiert.

Die Exporte in die Schweiz haben sich von 6,5 TWh im Vorjahreszeitraum auf knapp 17 TWh erhöht, wobei ein Teil davon auch nach Deutschland und Italien weitertransportiert wird.

Schwankende Exporte nach Deutschland

Durch den Verbund mit Deutschland kann seit 13. Oktober 2022 Erdgas über den Interkonnektor Medelsheim/Obergailbach exportiert werden. Der französische Fernleitungsnetzbetreiber GRTgaz stellt eine Maximalkapazität von 100 GWh pro Tag zur Verfügung. Von November bis Dezember 2022 waren es insgesamt 2,3 TWh.

Allerdings verlaufen die Gasflüsse nach Deutschland nicht kontinuierlich. An manchen Tagen fließt überhaupt kein Erdgas. Die Schwankungen sind das Resultat von Kapazitätsproblemen, die sich aus der Nord-Süd-Trennung des französischen Erdgassystems ergeben.

Neue Pipelines über Frankreich

Während im Norden die Gasflüsse aus Norwegen beziehungsweise Großbritannien dominieren, prägen im Süden die LNG-Lieferungen aus den Terminals Fos Cavaou und Fos Tonkin. Ein optimaler Ausgleich zwischen Norden und Süden wird nicht immer erreicht, daher schwanken die Exporte nach Deutschland.

Die H2Med-Pipelines sollen Europa über Portugal, Spanien und Frankreich mit grünem Wasserstoff versorgen. Geplant sind zwei Pipelines mit einer Gesamtlänge von rund 700 Kilometern, von denen die Barmar-Pipeline im Mittelmeer verlaufen soll.

Barmar statt Midcat

Durch die neuen H2Med-Pipelines sollen rund zwei Millionen Tonnen Wasserstoff transportiert werden. Das entspricht etwa zehn Prozent des für 2030 erwarteten Bedarfs der Europäischen Union.

Die neue Unterwasserpipeline Barmar von Barcelona nach Marseille ersetzt Midcat, das Vorgängerprojekt, das eine Pipelineverbindung von Spanien über die Pyrenäen nach Frankreich vorsah.

H2Med-Ausdehnung auf Deutschland geplant

Von Marseille aus soll der Wasserstoff dann in die großen europäischen Industrieregionen fließen. Das H2Med-Project wird somit auch die Rolle Frankreichs als Transitland und Teil der "European Hydrogen Backbone Initiative" stärken.

Seit Januar 2023 ist auch Deutschland an dem Projekt beteiligt. Die zusätzlichen Kosten für den Ausbau der Leitung von Marseille nach Deutschland sind noch nicht beziffert. Eine neue Task Force wurde damit beauftragt, bis Ende April strategische Entscheidungen zur europäischen Versorgung vorzubereiten.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Gasmarkt auf Sparflamme: Ein EU-Land reduziert Verbrauch um 57 Prozent"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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