Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Normalerweise steigen die Gaspreise, wenn es richtig kalt wird. Zuletzt war es umgekehrt.

Das Gasangebot war in den vergangenen Wochen so gut, dass nur wenig ausgespeichert werden musste. Die Gasspeicher sind daher so voll wie noch nie zu dieser Jahreszeit. Das sorgt für Entspannung auf den Gasmärkten.

Gasnachfrage steigt stärker als erwartet

Die Gasnachfrage in Deutschland – ohne Einspeicherungen – stieg im November mit knapp neun Terawattstunden (TWh) auf den höchsten Stand seit März dieses Jahres. Die Einsparung gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2022 fiel daher auf neun Prozent.

Die Verbräuche kletterten nicht nur im Kraftwerks- und industriellen Bereich nach oben. Auch die Heizgasnachfrage der Privatkunden stieg im November auf das höchste Niveau seit dem vergangenen Winter.

Offenbar verändertes Einsparverhalten bei Endkunden

Das Einsparverhalten der Endkunden scheint sich mit den gefallenen Gaspreisen wieder verändert zu haben.

Daher stufte die Bundesnetzagentur den temperaturbedingten Gasverbrauch im November als angespannt und seit Beginn der laufenden Kältewelle im Dezember als kritisch ein.

Starkes Gasangebot, volle Gasspeicher

Dem europäischen Gasmarkt stand im November ein Gasangebot von insgesamt knapp 420 TWh Erdgas zur Verfügung. Das starke Gasangebot überkompensierte die gestiegene Nachfrage und führte dazu, dass nur wenig ausgespeichert werden musste.

Die komfortable Ausgangssituation für die restlichen Wintermonate sorgte daher zuletzt auch während der Kältewelle für Entspannung unter den Gashändlern.

Norwegen liefert nahe Kapazitätsgrenze

Wegen der milden Temperaturen im November und der starken Gasimporte mussten netto nur 45 TWh Erdgas ausgespeichert werden, 24 Prozent weniger als im Fünf-Jahres-Mittel.

Die europäischen Gasspeicher waren zuletzt zu 93 Prozent gefüllt. Das waren zehn Prozent mehr als im langfristigen Mittel. Zuletzt waren insgesamt rund 1050 TWh Erdgas eingespeichert – so viel wie noch nie zu diesem Zeitpunkt im Jahr.

Pipeline-Gasangebot: Neues Jahreshoch

Das Pipeline-Gasangebot in Europa erreichte im November mit mehr als 183 TWh ein neues Jahreshoch. Verantwortlich dafür waren in erster Linie die starken Lieferungen aus Norwegen, die mit durchschnittlich rund 3,8 TWh pro Tag im November nahe der Kapazitätsgrenze lagen.

Insgesamt lieferte Norwegen im November knapp 113 TWh. Das waren vier Prozent mehr als im Fünf-Jahres-Durchschnitt des zurückliegenden Monats. Die russischen Pipelinelieferungen haben sich  in den vergangenen Monaten kontinuierlich verbessert und stiegen im November mit insgesamt mehr als 29 TWh auf den höchsten Stand seit Januar dieses Jahres.

LNG-Importe auf Sieben-Monats-Hoch

Die europäischen Länder importierten im November insgesamt 149 Schiffsladungen Flüssigerdgas (LNG). Dies war die höchste Anzahl an Lieferungen seit dem Rekordmonat Mai dieses Jahres, als 164 Schiffsladungen importiert wurden.

Meiste LNG-Schiffe aus USA

67 LNG-Schiffe kamen aus den USA. Damit hat Europa im laufenden Jahr insgesamt aus dem nordamerikanischen Land 659 Ladungen importiert.

Die USA sind daher unangefochtener Marktführer mit einem Marktanteil von 44 Prozent auf dem europäischen LNG-Markt.

Russische LNG-Lieferungen auf Jahreshoch

26 Schiffsladungen kamen aus Russland. Das entspricht einem neuen Jahreshoch. Europa importiert bisher im laufenden Jahr 210 Schiffslieferungen LNG aus Russland. Russland ist damit die Nummer zwei auf dem europäischen LNG-Markt nach den USA mit einem Marktanteil von 14 Prozent.

Größter Abnehmer von russischem LNG in Europa ist Belgien. Das für Europa wichtige LNG-Terminal Zeebrugge importierte im November zwölf Schiffsladungen und insgesamt im laufenden Jahr 66 Lieferungen aus Russland.

Russische LNG-Dominanz in Belgien

Russisches LNG macht damit im laufenden Jahr am belgischen LNG-Terminal Zeebrugge 50 Prozent aller Importe aus. Zum Vergleich: Aus den USA importierte Belgien nur elf Lieferungen im laufenden Jahr. Das entspricht einem Markanteil von acht Prozent.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Trotz Kältewelle: Warum die Gaspreise zuletzt gesunken sind"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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