Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts) und Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einer Militärausstellung am 21. Dezember 2021.

Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts) und Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einer Militärausstellung am 21. Dezember 2021.

Bild: © Mikhail Metzel/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa

Nutzt Russland Erdgas als Waffe? Dieser Vorwurf ist nicht neu. Er gewinnt aber jetzt, da die Gasnachfrage in Europa hoch ist und russisches Gas trotzdem nur spärlich fließt, an Brisanz.

Zwar kommt Staatskonzern Gazprom nach Aussagen seiner Handelspartner seinen Lieferverpflichtungen weiterhin nach. Mehr tut er aber offenbar auch nicht – obwohl die Megawattstunde Gas mit 75 Euro am Spotmarkt noch immer üppig vergütet wird.

Warum verhält sich Gazprom so?

Es sei verwunderlich, dass vor dem Hintergrund der hohen Preise und der hohen Nachfrage die Gaslieferkapazitäten Richtung Europa so wenig genutzt würden, sagt Gasmarktexperte Fabian Huneke vom Berliner Beratungshaus Energy Brainpool.

"Wenn Gazprom sich marktrational verhalten würde, würden sie die Gaslieferungen nach Europa auch durch die Pipelines, die durch Belarus und die Ukraine führen, verstärken."

LNG-Boom lindert Sorgen

Gerade Letzteres tut der Konzern aber nicht. Seit einem Monat fließt kein russisches Gas mehr über die durch Polen gehende Jamal-Pipeline nach Deutschland. Und auch die Durchflüsse durch die Ukraine und die Gasflüsse auf Nord Stream 1 zeigten sich unter Vormonatsniveau, wie Joachim Endress, Gasmarktexperte vom Beratungsunternehmen Ganexo schildert.

Dass die Gaspreise im Großhandel in den vergangenen Tagen eher nach unten deuteten, hat vor allem mit einem LNG-Importboom in Nordwesteuropa zu tun. Laut Endress markieren die Flüssigerdgasausspeicherungen diese Woche (gemeint ist Woche bis 23. Januar) ein neues Allzeithoch (4.400 GWh pro Tag).

Rehden nur zu fünf Prozent gefüllt

Die von der Gazprom-Tochter Astora betriebenen Gasspeicher wirken dagegen preisstützend. Deutschlands größter Speicher Rehden etwa ist mittlerweile nur noch zu fünf Prozent gefüllt. Beim österreichischen Speicher Haidach sind es 20 Prozent, beim niedersächsischen Speicher Jemgum immerhin noch 52 Prozent.

Die von Russland im Herbst versprochene Einspeicheroffensive scheint jedenfalls bei keinem der drei Speicher angekommen zu sein. Auch deshalb beträgt der Füllstand aller deutschen Speicher zusammengenommen nur noch 43 Prozent – Tendenz angesichts winterlicher Temperaturen weiter sinkend.

Gasspeicher als Back-up

Speicher dienen vor allem an kalten Wintertagen als Rückfallversicherung. Dann liefern sie schon mal bis zu 60 Prozent des in Deutschlands verbrauchten Gases.

Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Energy Brainpool entspricht die aktuell gespeicherte Gasmenge etwa dem Verbrauch eines Wintermonats.

Ukraine-Krise

Gern weist Gazprom den Vorwurf zurück, hinter seinen unternehmerischen Entscheidungen steckten geopolitische Motive. Gern hält der Konzern der Europäischen Union zudem vor, mit der Liberalisierung des Gasmarkts und dem damit einhergegangenen Trend zu kurzfristigeren Verträgen und volatilieren Preisen die aktuellen Missstände selbst verursacht zu haben. Gazprom bevorzugt langfristige Verträge mit Zahlungsgarantien, die dem Konzern Planungssicherheit verschaffen.

Im derzeitigen Verhalten Gazproms vermutet Energy-Brainpool-Experte Huneke dagegen sehr wohl einen politischen Grund: die Ukraine-Krise, die sich seit Tagen weiter zuspitzt. Nach Nato-Angaben hat Russland vor den Grenzen des Nachbarlandes mehr als 100.000 Soldaten zusammengezogen. Experten halten eine baldige Invasion für wahrscheinlich. Russland selbst bestreitet dagegen, in die Ukraine einmarschieren zu wollen.

Wird aus Preis- eine Mengenkrise?

Offen ist, wie Europa auf einen möglichen russischen Angriff auf die Ukraine reagieren würde. Zur Debatte steht etwa das Aus für die fertig gebaute Ostseepipeline Nord Stream 2, die russisches Gas an der Ukraine und anderen osteuropäischen Staaten vorbei direkt nach Deutschland liefern soll.

Offen ist auch, wie Russland in diesem Fall reagieren würde. Als wichtigster Erdgaslieferant für Zentraleuropa hätte Moskau jedenfalls eine scharfe Waffe zur Hand. "Solange die russischen Gaslieferungen nach Europa auf dem normalen oder einem leicht unterdurchschnittlichen Niveau weitergehen, ist kein Versorgungsengpass zu erwarten und es bleibt bei einer Energiepreiskrise", sagt Huneke. "Sollten die russischen Gaslieferungen aufhören oder fast aufhören, wird daraus auch eine Mengenkrise."

Kompletter Gasstopp "sehr unwahrscheinlich"

Andererseits würde Russland mit der Einstellung von Gaslieferungen nicht nur sichere sowie üppige Einnahmen aufs Spiel setzen, sondern auch zahlungskräftige und zuverlässige Abnehmer vergraulen. Deutschland ist traditionell der größte ausländische Abnehmer für Gazproms Erdgas.

Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), dem Branchenverband der Speicherunternehmen, hält den Ausfall aller russischen Gaslieferungen jedenfalls für "sehr unwahrscheinlich".

Habeck schaltet sich ein

Trotzdem treiben mögliche Gasengpässe nicht zuletzt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck um. Der Grünenpolitiker wünscht sich mehr staatliche Kontrolle über die Erdgasreserven in Deutschland.

Er wolle die Möglichkeiten verbessern, "für den nächsten Winter vorzusorgen, damit die Gasspeicher gut gefüllt sind", sagte Habeck dem "Spiegel". "Darin sehe ich eine politische Aufgabe". (Mehr dazu hier.) (aba/dpa)

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