Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1. In Lubmin bei Greifswald endet die Ostsee-Pipeline Nord Stream1, durch die seit 2011 russisches Erdgas nach Deutschland fließt.

Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1. In Lubmin bei Greifswald endet die Ostsee-Pipeline Nord Stream1, durch die seit 2011 russisches Erdgas nach Deutschland fließt.

Bild: © Stefan Sauer/dpa-Bildfunk

Die Bundesregierung lehnt einen Importstopp russischer Energieträger aus Gründen der Versorgungssicherheit weiter ab. Bei dieser Entscheidung dürfte auch das Risiko einer Liquiditätskrise von Versorgern und Stadtwerken eine Rolle spielen, das im Falle eines Gasboykotts akut wäre, heißt es einer Pressemitteilung der Managementberatung Horváth.

Größere Gasvorlieferanten in Deutschland wie RWE, Uniper oder VNG stünden vertraglich in der Lieferpflicht – mit hohen Liquiditätsforderungen aufgrund von Mengen und Preisrisiken. „Eine mögliche Liquiditätskrise von größeren Gasvorlieferanten in der Energieversorgung würde sich auf alle EVUs und Stadtwerke ausweiten“, so Matthias Deeg, Energieexperte bei Horváth.
 

Gemeinsam mit dem Energie-Consulting-Startup evety hat das Unternehmen untersucht, welche Möglichkeiten bestehen, das russische Gas kurzfristig zu ersetzen. Das Fazit: Selbst wenn das Diversifikationspotenzial beim Erdgasbezug und das Steigerungspotenzial bei LNG ausgereizt würden, verbliebe eine Lücke von etwa 15 Prozent der benötigten Erdgasmengen in Europa. Bei diesem Wert seien Temperaturschwankungen unberücksichtigt, die nach oben oder unten fünf bis zehn Prozent bedeuten können.

"Diese Lücke stellt insbesondere für Deutschland ein großes Problem dar"

„Insbesondere für Deutschland mit seiner starken Russlandabhängigkeit stellt diese Lücke ein großes Problem dar, denn der deutsche Erdgasbedarf wird sich der Analyse zufolge auch bis 2030 noch nicht relevant ändern“, so die Studienautoren. Mache Erdgas aktuell noch etwa 26 Prozent des hierzulande benötigten Primärenergiebedarfs aus, werde der Anteil in acht Jahren sogar auf zwischenzeitlich 30 Prozent steigen und erst dann langsam fallen.

Zwar sinke aufgrund der Energieeffizienzmaßnahmen der Gesamtbedarf an Primärenergie, jedoch wirke sich das zunächst auf andere Energieträger aus.

"Jedes Land muss seine eigene Strategie entwickeln"

Global betrachtet müsste die Erdgasfördermenge aller anderen Staaten um 8,5 Prozent angehoben werden, um ohne russische Gasexporte auszukommen. „Jedes Land muss seine eigene Strategie entwickeln, um russische Importe zu substituieren“, so Deeg.

Erdgas könne in Deutschland weder kurz- noch mittelfristig ohne weiteres durch Wasserstoff und erneuerbare Energien ersetzt werden. Zu 80 Prozent werde das hier verbrauchte Erdgas zur Wärmeerzeugung verwendet, konkret für Gebäudebeheizung, Industrieprozesse und den Betrieb erdgasbasierter KWK-Anlagen (Kraft-Wärme-Kopplung) zur Wärmegewinnung. Die übrigen 20 Prozent entfielen auf die Stromerzeugung durch KWK-Anlagen.

Industriellen Erdgasverbrauch reduzieren

Zum kurzfristigen Ausgleich fehlender Erdgasmengen empfiehlt das Studienteam von evety und Horvath für Deutschland unter anderem eine Verrringerung der Stromerzeugung durch Gaskraftwerke, stattdessen sollten Kohle- und Atomkraftwerke befristet stärker ausgelastet werden. Ebenso sollten erdgasbasierte Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung heruntergefahren und entsprechend substituiert werden. Die Wärme könnte etwa vermehrt durch Spitzenlastkessel mit geringerem Erdgasbedarf erzeugt werden. 

Zudem sollte der industrielle Erdgasverbrauch reduziert beziehungsweise industrielle Anlagen auf alternative Energieträger wie grünen Wasserstoff umgestellt werden. Weiterhin könne eine um ein Grad Celsius reduzierte Raumtemperatur in allen Gebäuden in Deutschland den hiesigen Erdgasbedarf um 2,5 Prozent reduzieren.

Langfristig erhöhte Wirtschaftlichkeit von Wasserstoff berücksichtigen

Auf lange Sicht bräuchten Industrie und Kommunen dringend weitere Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung, schreibt das Studienteam von evety und Horváth. Empfohlen wird dabei unter anderem, Wasserstoff aufgrund seiner erhöhten Wirtschaftlichkeit zukünftig stärker bei der Substitution von Kohle, Gas und Öl zu berücksichtigen.

Bis 2030 werde die Überproduktion im Bereich erneuerbarer Energien von fünf auf bis zu 50 Prozent steigen. Dieses Potenzial könne durch Elektrolyseure sinnvoll zur Produktion von Wasserstoff und damit zur Substitution von Erdgas genutzt werden. Die Kosten für Elektrolyseure würden durch Skaleneffekte bis 2030 um bis zu 85 Prozent sinken, so die Prognose.

Verbunden mit zunehmend günstiger werdenden Gestehungskosten von Strom aus erneuerbaren Energien werde Wasserstoff damit schnell konkurrenzfähig – bei aktuellen Erdgaspreisen bereits heute, es fehle hier „schlicht die Erzeugungskapazität“. (hoe)

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