Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Gaspreise haben seit vergangener Woche deutlich nachgegeben. Verantwortlich dafür sind die außergewöhnlich milde Witterung, die schwache Nachfrage, das weiterhin hohe LNG-Angebot und die konstant hohen norwegischen Gaslieferungen. Die Gaskrise ist jedoch noch lange nicht vorbei und der Winter hat kaum begonnen.

Mit den deutlich über der Norm liegenden Temperaturen sank die Gasnachfrage in Europa zuletzt auf den niedrigsten Stand seit mindestens fünf Jahren. Auch in der kommenden Woche soll sich die milde Witterung fortsetzen.

Europas Speicher zu 94 Prozent gefüllt

Die Gasnachfrage in der EU im laufenden Monat liegt 25 Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Der Tagesbedarf lag zuletzt bei rund zehn TWh pro Tag. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt noch circa zwölf TWh pro Tag. In Deutschland liegt die Gasnachfrage mit zuletzt 1,8 TWh pro Tag rund 33 Prozent unter der Norm.

Die Einspeicherungen in die Gasspeicher laufen weiter. Die europäischen Speicher sind zu 94 Prozent gefüllt, in Deutschland zu knapp 97 Prozent. Damit wurden bisher im laufenden Monat in der EU rund 57 TWh eingespeichert, 56 Prozent mehr als im Schnitt der vergangenen fünf Jahre.

Flaschenhals Spanien

Die Situation sorgt bereits für Engpässe. Mehr als 35 LNG-Tanker kreisen vor der spanischen Küste und acht Schiffe liegen in der Bucht von Cádiz vor Anker, da keine Slots zur Entladung verfügbar sind. Wenn der Rückstau nicht bald beseitigt wird, könnten diese Schiffe Häfen außerhalb Europas aufsuchen.

Spanien verfügt über die größte Regasfizierungskapazität in der EU aber nur limitierte Möglichkeiten zur Weiterverteilung von Erdgas innerhalb der EU. Der Mangel an LNG-Terminals in der EU bzw. an Pipelines, um dieses Erdgas zu verteilen, sorgt dafür, dass auf dem Meer schwimmende LNG nicht genutzt werden kann.

Fokus auf Speicher und russisches Gas

In den europäischen Gasspeichern sind aktuell rund 1050 TWh Erdgas gespeichert, rund 200 TWh mehr als zum Beginn des letzten Winters 2021. Im letzten Winter wurden rund 550 TWh ausgespeichert. Der Gesamtbedarf lag bei rund 3500 TWh. Die Speicher waren am Ende des Winters zu rund 30 Prozent befüllt (knapp 300 TWh Speichergas).

Unter der Voraussetzung, dass Russland den Winter hindurch den Ukraine- und Turkstream-Transit aufrechterhält, sollten die russischen Lieferungen insgesamt 200 TWh nicht nennenswert überschreiten, ein Minus von mindestens 450 TWh gegenüber dem vergangenen Winter.

Gaskrise ist nicht vorbei

Unterstellt man den Winter über eine Steigerung des LNG-Angebots von 250 TWh gegenüber dem letzten Winter (auf insgesamt 1000 TWh) und Kontinuität der restlichen Lieferanten und der heimischen Gasförderung, so könnten am Ende des Winters 2022/2023 ein Speicherstand von 30 Prozent erreicht werden.

Ein kalter Winter, ein niedrigeres LNG-Angebot und ein Stopp des Ukraine-Transits würden die Speicher jedoch deutlich stärker entleeren. Mit Blick auf die Erfüllung der Speicherziele und die Gewährleistung der Versorgungssicherheit im Winter 2023/2024 wäre dies ein stark bullishes Signal für die Märkte.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Abwärtstrend gestoppt: Was die Gaspreise über 100 Euro pro MWh hält"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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