Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Das warme Wetter, die geringe Windstromproduktion und die verlängerten Wartungsarbeiten in Norwegen führten auch in dieser Woche zu einer angespannten Situation auf den Gasmärkten sowie zu volatilen Gaspreisen. Zudem sorgen sich die Marktteilnehmer um die Zukunft der Gasproduktion in Groningen.

Die Gasexporte aus Norwegen sind weiterhin stark eingeschränkt. Geplante und ungeplante Wartungsarbeiten kürzen die norwegische Kapazität um rund 150 Mio. Kubikmeter pro Tag. Die Nominierungen des Betreibers Gassco liegen mit 221 Mio. Kubikmeter auch am Donnerstag auf niedrigem Niveau.

Anziehende LNG-Nachfrage in Asien

In den nächsten Tagen soll sich das warme Wetter in Deutschland fortsetzen. Bis Mitte der nächsten Woche werden Tagesmittel von bis zu 23 Grad Celsius erwartet. Das sind rund fünf Grad über der saisonalen Norm. In der Folge dürften Kühlungen stärker genutzt werden. Zudem dürfte die Gasnachfrage auf dem Strommarkt wegen einer unterdurchschnittlichen Windstromproduktion steigen.

Ein weiterer Faktor ist die zunehmende LNG-Nachfrage in Asien. Dort herrscht aktuell in vielen Regionen eine Hitzewelle, die den Gasbedarf nach oben zieht. Die Preise am asiatischen JKM stiegen daher zuletzt auf ein neues Zweimonatshoch. Im Wettbewerb um die LNG-Schiffe treiben sich die asiatischen und europäischen Gasmärkte weiter gegenseitig an.

30 LNG-Lieferungen in zwei Wochen

An den europäischen Häfen werden in den nächsten zwei Wochen 30 LNG-Lieferungen erwartet, sieben davon in Spanien und jeweils vier in Belgien und Frankreich. Die größten ostasiatischen LNG-Nachfrager sind China, Japan, Korea und Taiwan. Dort werden in den nächsten zwei Wochen insgesamt 65 LNG-Schiffe erwartet, 23 davon in China.

Laut Wetterprognosen wird es in den genannten ostasiatischen Länder auch in den nächsten beiden Wochen vergleichsweise heiß,  sodass die LNG-Nachfrage groß bleiben dürfte. Die Gaspreise in Europa könnten in der Folge weiter nach oben klettern.

Volle Speicher zu Winterbeginn möglich

Die Speicherbefüllung in der EU verläuft positiv. Die Gasspeicher sind zu 75 Prozent gefüllt, rund 14 Prozentpunkte über dem Fünfjahresmittel. In unserem Langfrist-Minimum-Szenario wären die Speicher Mitte Oktober vollständig gefüllt. Auch wenn die restlichen russischen Gaslieferungen ab sofort wegfallen würden, könnte die EU ihre Gasspeicher zu Beginn der Wintersaison zu mindestens 90 Prozent befüllen. 

Die Nachfrageverringerung bleibt weiterhin sehr wichtig. Der Verbrauch in der EU lag im vergangenen Winter um 22 Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Ein kalter Winter in Verbindung mit einem geringeren Gasangebot könnte auch im nächsten Winter zu neuen Spannungen auf den Gasmärkten führen.

Gerüchte um Groningen Gasproduktion

Vor diesem Hintergrund reagierten die Märkte zuletzt nervös auf Gerüchte, dass die Gasförderung im niederländischen Groningen zum 1. Oktober 2023 vollständig eingestellt werden könnte. Das niederländische Wirtschaftsministerium wird voraussichtlich noch in diesem Monat eine Entscheidung dazu fällen.

Derzeit läuft das Feld mit einer Kapazität von 2,8 Mrd. Kubikmeter pro Jahr im Pilotbetrieb. Im vergangenen Jahr wurde die Kapazität jedoch nicht ausgeschöpft. Die niederländische Gasförderung lag im Jahr 2022 bei knapp 200 TWh. Das entsprach rund sieben Prozent der Gasnachfrage in Europa. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 lag die niederländische Gasförderung noch bei knapp 450 TWh und machte damit mehr als zehn Prozent der europäischen Gasnachfrage aus.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Über 70 Prozent teurer: Was hinter der Rallye an den Gasmärkten steckt"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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