Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Gasmärkte zeigen in den letzten Tagen eine beeindruckende Rallye. Am deutschen THE haben sich die Spotpreise seit Monatsbeginn um mehr als 70 Prozent verteuert. Der Day-Ahead notierte im Verlauf des Donnerstags deutlich über 40 Euro pro MWh.

Die Rallye kam zu Beginn der Woche richtig ins Rollen, als der norwegische Betreiber Gassco mitteilte, dass die Wartungsarbeiten in den Anlagen Nyhamna und Ormen Lange um etwa drei Wochen verlängert werden. Beide Wartungen zusammen kürzen die verfügbare Kapazität um 104 Mio. Kubikmeter. Die Arbeiten sollen nun erst am 15. Juli abgeschlossen sein.

Diskussion um Gründe für die Wartungsverlängerung

Über die Gründe des Preisanstiegs wurde viel diskutiert. Eine Kürzung der norwegischen Gaslieferungen kann es jedoch nicht gewesen sein. Die täglichen Nominierungen des norwegischen Betreibers Gassco stiegen zuletzt wieder auf über 255 Mio. Kubikmeter und erholten sich damit vom Zwölfmonatstief zu Beginn des Monats bei 210 Mio. Kubikmeter.

Vielmehr diskutierten die Handelsteilnehmer über die Möglichkeit, dass die Norweger die Fördermengen gezielt gekürzt haben könnten, um einen weiteren Preisverfall zu verhindern. Ein solcher möglicher Strategiewechsel des größten Gasimporteurs in die EU sorgte für viel Gesprächsstoff und beförderte die Preisrallye.

Es wird warm, trocken und wenig windig

Die Wetterprognosen für den Rest des Monats liegen mit Tagesmitteln in Deutschland von bis zu 24 Grad Celsius um bis zu sieben Grad deutlich über der saisonalen Norm. Die Windstromprognosen befinden sich mit nur vier GW in Deutschland rund 50 Prozent unter der Norm. Dazu liegen auch die Niederschlagsprognosen deutlich unter der Norm.

Es soll also sehr warm, trocken und wenig windig werden. Dies befeuert die Rallye am Strom- und Gasmarkt gleichermaßen.

Wechselwirkung mit umliegenden Märkten

Am CO2-Markt sind die Preise seit Monatsbeginn stark gestiegen. Der Frontmonatskontrakt notierte vor zwei Wochen noch bei 77 Euro pro Tonne. Zuletzt stieg der Preis für den EUA-Kontrakt-Dezember 23 auf über 92 Euro pro Tonne.

Auch die Terminmärkte haben einen erheblichen Anstieg verzeichnet. Der Kontrakt Winter-23 verteuerte sich seit Monatsbeginn um knapp 40 Prozent und notierte im Donnerstagshandel sogar über 58 Euro pro MWh. Dies ist wahrscheinlich auf die Sorge der europäischen Händler zurückzuführen, dass im Wettbewerb mit Asien nicht genügend LNG nach Europa gelangen könnte.

LNG-Versorgungsängste im Fokus

Denn derzeit kommt weniger LNG in Europa an als noch im Vormonat. Der wartungsbedingte Ausfall des US-LNG-Terminals Sabine Pass sorgt in Europa für rückläufige LNG-Importe aus den USA. Dazu kommt eine aktuell höhere Sommernachfrage in Südamerika und Asien. Insbesondere eine kurzfristige Hitzewelle in China steigert den dortigen Gasbedarf.

Die nun gestiegenen Gaspreise machen den europäischen Markt für LNG-Exporteure nun wieder attraktiver als den asiatischen Markt. Die Versorgung Europas den Sommer über sollte damit gewährleistet sein.

Speicherziele sollten erreicht werden

Auch wenn die EU ihre Speicherziele vor dem Stichtag 1. November mit 90 Prozent Füllstand erreichen sollte, werden die gespeicherten Gasmengen nicht genügen, um den gesamten europäischen Bedarf in einem kalten Winter zu decken.

Marktteilnehmer diskutierten daher zuletzt wieder verstärkt die Option, die Gasspeicherkapazitäten in der Ukraine zu nutzen und Gas dort einzuspeichern. Ob sich dies für die nächsten Monate als eine praktikable Lösung erweisen könnte, bleibt abzuwarten.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Gesunkene Preise: Gaskraftwerke machen Braunkohlemeilern Konkurrenz"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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