Es ist ein ungewöhnlich volatiler Gas-Sommer. Mit LNG-Preisen, die in Asien durch die Decke gingen und mit Gasflüssen aus Russland, die manche böse Überraschung bereit hielten. In einem Gastbeitrag zeichnet Energieexperte Calvin Triems vom Analysehaus Energy Brainpool nach, wie angespannt die Gasmärkte inzwischen sind*.
Es war der 19. August, um neun nach elf, als der russische Gaskonzern Gazprom eine Mitteilung veröffentlichte, die die Gasmärkte maßgeblich beeinflussen sollte. "Die Nord-Stream-2-Pipeline könnte in diesem Jahr 5,6 Mrd. Kubikmeter Gas liefern", stand da.
In den folgenden 40 Handelsminuten brachen die Gas-Future-Kontrakte fristübergreifend ein. An der Handelsbörse ICE Endex verlor der TTF-Kontrakt für das erste Quartal 2022 ganze vier Euro an Wert und schloss zum Tagesende mit einem Verlust von 9,5 Prozent.
Gaspreise steigen seit Monaten
Die Ereignisse an diesem Handelstag stehen stellvertretend für die aktuell extrem angespannte Situation an den Gasmärkten, geprägt durch eine Rally mit zeitweise starken Korrekturen. Im Fokus liegen dabei immer wieder Neuigkeiten über russische Gaslieferungen und Nord Stream 2.
Seit Monaten steigen die Gaspreise. Der NCG-Kontrakt im Spotmarkt liegt inzwischen bei deutlich mehr als 50 Euro pro MWh und damit auf Rekordniveau. Der wesentliche Grund für das Hoch ist nach wie vor die prekäre Angebotssituation.
Risikoprämien für Gas-Futures über Winter
Sorge bereitet insbesondere der niedrige Speicherfüllstand in Europa. Auch die LNG-Preise blieben in den vergangenen Tagen wegen anhaltenden Kaufinteresses in Asien hoch.
Dazu kommen positive Preissignale im europäischen CO2-Zertifikatehandel und auf den Kohlemärkten. Mit zusätzlichem Blick auf die nahende Heizperiode und das damit aufkommende Temperaturrisiko enthalten Gas-Futures über den Winter derzeit bedeutende Risikoprämien.
Brand lässt Preise steigen
Je angespannter die Angebotssituation, desto heftiger die Reaktion auf ungeplante Änderungen der Versorgung. Hier sind die Blicke nun umso mehr auf Russland gerichtet, da es aktuell die einzig flexible Gasquelle für Europa darstellt, die ihre Lieferungen mittelfristig deutlich anpassen kann.
So ließ ein Brand in einer Gasaufbereitungsanlage im westsibirischen Novy Urengoy Anfang August den Preis rapide steigen.
Deutliche Korrekturen in zweiter Augusthälfte
Die Meldung, dass Gazprom in einer Auktion am 16. August nur vier Prozent der zusätzlich angebotenen Transitkapazitäten an einem ukrainischen Pipeline-Grenzpunkt gebucht hatte, trieb die Preise schließlich auf ein neues Rekordhoch.
Zu Beginn der zweiten Augusthälfte waren es dann Meldungen um Nord Stream 2, die zu deutlichen Korrekturen führten. Bereits am 18. August gab der Future für das erste Quartal 2022 zwischenzeitlich zehn Prozent nach. Da hatte der deutsche Gasnetzbetreiber Gascade in seinen Daten gemeldet, dass Gasflüsse über die Nord-Stream-2-Pipeline begonnen hätten.
Spekulationen zu Nord Stream 2
Die Meldedaten stellten sich kurze Zeit später als falsch heraus. Auch die Mitteilung Gazproms über bald beginnende Lieferflüsse nur einen Tag später wurde von Gasmarkt-Experten schnell in Frage gestellt.
Selbst wenn Nord Stream 2 technisch in der Lage ist, noch dieses Jahr Gas in einem solchen Umfang zu liefern, ist es noch mehr als fraglich, ob regulatorische Genehmigungen vor Ende des Jahres erfolgen.
Nervöse Märkte
Dass solch vage Meldungen trotzdem zu großen Preissprüngen führen, unterstreicht die Nervosität der Märkte.
Mit Blick auf die Future-Kontrakte zeichnet sich erst ab dem zweiten Quartal 2022 Entspannung ab. Bis dahin werden LNG-Importe, erste Einschätzungen zur Intensität des Winters, aber auch russische Gaslieferungen, den Markt weiter in Schach halten.
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*Eine gekürzte Version dieses Artikels erschien in der September-Printausgabe der ZfK. Die Daten wurden seitdem redaktionell aktualisiert.
Täglich aktualisierte Energiedaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit Energy Brainpool befüllt wird. (aba)



