Von Daniel Zugehör
Der Abschied vom Erdgas gestaltet sich weiter schwierig. Ein großer Teil der Stadtwerke in Deutschland weiß offenbar noch nicht, was mit seinem Gasnetz in Zukunft geschehen soll. Laut einer aktuellen Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) haben fast 50 Prozent der Versorger noch keine festen Pläne. Ihr Netz stilllegen wollen dagegen rund ein Fünftel der befragten Stadtwerke.
Die Branche steckt in dem Dilemma, einerseits bis 2045 klimaneutral werden zu müssen und andererseits kaum mit Alternativen wie grünem und damit teurem Wasserstoff planen zu können – was auch Bürgerinnen und Bürger verunsichert. Zugleich sind Versorger weiterhin verpflichtet, neue Gasanschlüsse zu gewähren. Aktuell würden Stadtwerke weder Investitionen in die Umrüstung noch Stilllegung ihrer Gasnetze einplanen, so der VKU.
Appell an die Regierung
Für einen geordneten Ausstieg aus dem Erdgas fordert der Verband nun "Klarheit" und schlägt unter anderem einen "Umstellbonus" vor. "Wir appellieren an die Bundesregierung, schnell für Rechts- und Planungssicherheit bei den Gasnetzen zu sorgen", sagt VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. Sowohl für die Umrüstung zu Wasserstoff-Verteilnetzen oder für die Nutzung mit Biomethan als auch für die Stilllegung, so Liebing.
Befragung offenbart große Unterschiede
Auf die Frage "Was planen Sie mit Ihrem Gasnetz?" antworteten im Einzelnen 46 Prozent, "Das steht noch nicht fest". 19 Prozent gaben an, ihr Gasnetz stilllegen und auf Fernwärme sowie Wärmepumpen setzen zu wollen. Einen Mix aus Stilllegung und Umrüstung auf grüne Gase planen insgesamt 23 Prozent. "Wir werden unser Gasnetz auf grüne Gase wie zum Beispiel Wasserstoff umrüsten", sagten vier Prozent. Der Rest (8 %) betreibt kein eigenes Gasnetz.
Damit steht die Wärmewende an einem entscheidenden Punkt: Während die Bundesregierung zwar seit dem vergangenen Jahr das Wasserstoffkernnetz plant, fehlen den kommunalen Versorgern weiter verlässliche Vorgaben für ihre Wasserstoffverteilnetze. Der VKU warnt vor einem "Flickenteppich" und "erheblichen Verunsicherungen" bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern.
Drohende soziale Schieflage
Ein besonderes Problem sieht der VKU in den sozialen Folgen eines unkoordinierten Gasnetzausstiegs. Wenn sich finanzstärkere Haushalte schneller vom Gasnetz abkoppeln, steigen die Kosten für die verbleibenden Nutzer. Leidtragende wären laut Verband vor allem Mieterinnen und Mieter, die nicht über ihre Heizung entscheiden können, sowie kleine und mittlere Unternehmen, deren Produktionsprozesse weiterhin Gas benötigen.
Um das zu vermeiden, plädiert der VKU für einen Umstellbonus und ein staatliches Gasnetzkompensationskonto. Wer freiwillig auf Gas verzichtet, soll dafür einen Zuschuss erhalten, während der Staat den Netzbetreibern einen Teil der Rückbaukosten erstattet. So könnten übermäßige Preissteigerungen für die verbleibenden Kunden verhindert werden.
Beispiel Mannheim: Streit ums Abschalten
Wie emotional das Thema werden kann, zeigt das Beispiel Mannheim. Dort hat die MVV Energie im November angekündigt, ihr Gasnetz bis 2035 vollständig stillzulegen – also zehn Jahre vor dem bundesweiten Ziel der Klimaneutralität. Eine Bürgerinitiative wehrt sich gegen die Pläne: Sie fürchtet hohe Kosten und mangelnde Alternativen für Hausbesitzer.
Die Umfrage führte der VKU nach eigenen Angaben vom 26. August bis zum 15. September 2025 durch. Befragt wurden demnach 609 Stadtwerke und kommunale Energieversorger, wovon 164 teilnahmen, was einer guten Rücklaufquote von 26,9 Prozent entspreche.



