Die Gaspreise erreichen in dieser Woche neue Allzeithochs. Am Spotmarkt notiert der Day-Ahead über 230 Euro pro MWh und im Terminmarkt wird für das Kalenderjahr 2023 (Cal-23) deutlich mehr als 200 Euro pro MWh gezahlt. Die Europäische Union und vor allem Deutschland befinden sich in ihrer schwersten Energiekrise.
Seitdem Gazprom Anfang Juni die Gasflüsse auf der Nord-Stream-Pipeline reduziert hat, setzte eine Aufwärtsbewegung ein, deren Ende bis heute nicht abzusehen ist. Die strukturelle Unsicherheit über die russischen Gasflüsse und das anhaltend niedrige Angebot hat seitdem die Gaspreise fast verdreifacht.
Keine kurzfristige Spitze, sondern ein Trend
Wir sehen also nicht eine kurzfristige Preisspitze, sondern einen Trend, der mit der Verschärfung der europäischen Gaskrise einhergeht.
Die anhaltende Hitzewelle, die die Nachfrage nach Klimatisierung in die Höhe treibt und gleichzeitig die Produktion von Wasser-, Atom- und sogar Kohlestrom (wegen des niedrigen Rheinpegels) beeinträchtigt, sorgt für eine steigende Gasnachfrage zur Stromerzeugung.
Einspeicherungen gehen gut voran
Die beschlossene Gasumlage könnte die Preise gestützt haben, da ein Nachfrageausfall scheinbar nicht mehr zu befürchten ist. Schließlich können die großen Importeure nun die Mehrkosten an die Verbraucher weitergeben. Dies könnte mehr Unternehmen auf der Midstream-Ebene dazu veranlasst haben, sich auf dem Markt zu bewegen und zusätzliches Gas zu kaufen.
Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung am Speichermarkt. Die Einspeicherungen in Deutschland gehen gut voran. Die hohe Nachfrage stützt die Preise. Der Marktgebietsverantwortliche THE kauft Gas zur Einspeicherung ein. Die Einspeicherungen stiegen zuletzt mit knapp 1700 GWh pro Tag auf ein neues Jahreshoch.
Septemberziel schon jetzt erfüllt
Die Gasspeicher in Deutschland sind zwischenzeitlich zu 78 Prozent gefüllt. Damit ist das Ziel, zum 1. September einer Speicherstand von 75 Prozent zu erreichen, bereits jetzt erfüllt.
Der Fortschritt bei der Speicherbefüllung in Deutschland ist jedoch trügerisch. Die Gasmangellage kann laut Berechnung der Bundesnetzagentur nur vermieden werden, wenn der Gasverbrauch um 25 Prozent sinkt und die Gasexporte signifikant zurückgehen.
Wartungssaison in Norwegen
Umso mehr sind jetzt Entschlossenheit und Schnelligkeit beim Energiesparen gefragt. Maßnahmen zum Ersatz der Stromerzeugung aus Gas und zum Brennstoffwechsel weg vom Gas in Industrie und Gewerbe müssen beschleunigt werden.
Dazu verknappt ab dieser Woche bis Ende September die Wartungssaison in Norwegen zusätzlich das Angebot. Derzeit fehlen unter anderem wegen der Wartung im Troll-Feld rund 30 Mio. Kubikmeter pro Tag.
Hohes LNG-Angebot
Die heiße Phase steht jedoch noch aus: Vom 7. bis 19. September werden wartungsbedingt rund 100 Mio. Kubikmeter pro Tag, sprich etwa ein Drittel der norwegischen Gasexporte, dem Markt fehlen.
Auch in dieser Woche ist das LNG-Angebot in Europa mit Ausspeicherungen in Höhe von 3800 GWh pro Tag auf hohem Niveau, allerdings um rund 600 GWh pro Tag unter den Spitzenwerten vor vier Wochen.
Preiswettbewerb mit Asien
Der Wettbewerb mit Asien ist ein weiterer Preistreiber für die europäischen Gasmärkte. Mittlerweile werden auch am asiatischen JKM umgerechnet mehr als 200 Euro pro MWh bezahlt. Bis Mitte nächster Woche werden weitere 15 LNG-Lieferungen an nordwesteuropäischen Häfen erwartet.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "LNG-Ausspeicherungen auf Rekordhoch und trotzdem große Sorgen" (aba)
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.


